Bewertungsdetails

Science Fiction 8125
Gesamtbewertung
 
5.0
Plot / Unterhaltungswert
 
5.0
Charaktere
 
5.0
Sprache & Stil
 
5.0
“Ilium” von Dan Simmons ist - gemeinsam mit seinem Nachfolger “Olympos” - wohl einer der hochgelobtesten (und bestverkauften) Science Fiction-Romane der letzten Jahre, und so habe ich mich an diese ersten gut 800 Seiten gewagt, um mir selbst ein Bild zu machen. Vorschusslorbeeren hat das Epos auch deshalb reichlich bekommen, weil der Autor als SF-Literat alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist; unter anderem stammt die Hyperion-Tetralogie (”Hyperion” und “Endymion”) aus seiner Feder, die in diesem Genre inzwischen schon fast zu den Klassikern zu zählen ist.

Simmons ist ein Meister des Fabulierens und der üppig ausgeschmückten Erzählweise, und in Ilium hat er gleich drei Handlungsstränge kreiert, in denen er diese Vorliebe so richtig austoben kann. Da ist - titelgebend - als erstes der “Scholiker” Thomas Hockenberry, ein Historiker aus dem 20. Jahrhundert, der von den Göttern wiedererweckt und beauftragt wird, gemeinsam mit einigen Kollegen den trojanischen Krieg zu beobachten und am Olymp darüber zu berichten. Allerdings muss er in Laufe der Zeit immer mehr Unregelmäßigkeiten im Vergleich zu Homers Ilias feststellen, und als er dann noch von Aphrodite den Auftrag erhält eine ihrer Mitgöttinnen zu töten, beschließt er einen riskanten Alleingang.

Der zweite Handlungsstrang spielt auf dem Mars, von dem ausgehend in den äußeren Gefilden des Sonnensystems höchst merkwürdige und vor allem brandgefährliche Quantenaktivitäten gemessen werden. Die Jupitermonde sind von einer Kultur intelligenter und empfindsamer Cyborgs besiedelt, die nebenbei auch versuchen, die Kultur ihrer menschlichen Erschaffer zu bewahren; diese Cyborgs, genannt Moravecs, senden eine Expedition zum Mars, um die Gefahrenquelle zu lokalisieren und wenn möglich zu vernichten; letztendlich kommen, nachdem ihr Raumschiff in einer Mars-Umlaufbahn von einem Streitwagen abgeschossen worden ist, aber nur zwei der Teilnehmer an ihrem Ziel an: Mahnmut, Erforscher der Meerestiefen auf Europa und Shakespeare-Experte sowie Orphu, ein Hochvakuum-Moravec von Io und Proustkenner.

Die dritte Erzählebene handelt auf der Erde einige tausend Jahre in der Zukunft. Der “blaue Planet” ist nach diversen ökologischen und technologischen Katastrophen nur noch von einigen 100.000 “Altmenschen” bewohnt, die genau 100 Jahre alt werden und während dieses Zeitraums rund um die Uhr von Servitoren und den geheimnisvollen “Voynixen” betreut werden, nicht sterben können, aber auch jegliche Kultur und Geschichte verloren haben - der Vergleich mit den Eloi aus der “Zeitmaschine” drängt sich förmlich auf und wird auch im Text explizit gezogen. Die “Nachmenschen”, technologisch viel weiter entwickelt, sollen in auf Orbitalringen liegenden Städten außerhalb der Erde leben; die ebenfalls dort befindliche “Klinik” kümmert sich um regelmäßige Checkups und Wiederbelebungen im Fall eines Unfalls. Eine kleine Gruppe dieser Menschen rund um den 99-jährigen Harman und die “Ewige Jüdin” Savi macht sich auf die beschwerliche Reise zu diesen Orbitalstädten und stößt auf geheimnisvolle Wesenheiten und viele Fragen - aber auch einige, dafür umso furchterregendere Antworten.

Erst gegen Ende der 800 Seiten werden diese drei Handlungsstränge mit einem furiosen Showdown auf dem Mars zumindest ansatzweise zusammen geführt. Von Anfang an werden viele, viele Fragen geweckt, die im Verlauf der Handlungen nur häppchenweise und wie ein Puzzle beantwortet werden, das man mühsam zusammenfügen muss - ganz davon abgesehen, dass natürlich für den Nachfolger “Olympos” auch noch sehr viel offen bleibt. Verwirrend sind am Anfang vor allem die vielen exotischen Technologien, die Simmons seiner Welt verpasst und nicht erklärt, und die Vielzahl an Namen griechischer Helden, die im Zuge der Ilias-Handlung auftauchen. Überhaupt verlangt Simmons seinen Lesern einiges ab; der inhaltliche und stilistische Bezug zu gleich drei Größen der klassischen Literatur - Homer, Shakespeare und Proust - ist nicht zu übersehen, und deren Kenntnis ist zwar keine Voraussetzung für den Lesespaß, aber sicherlich notwendig wenn man alle in den Berichten Hockenberrys oder den Gesprächen zwischen Mahnmut und Orphu versteckten Andeutungen und Hinweise verstehen will.

Andererseits macht der Autor sich einen Spaß daraus, die besondere Sprache vor allem der Ilias zu karikieren, indem er die griechischen Helden in einem bunten Mix aus homerischem Stil und Umgangssprache parlieren lässt. Diese Szenen bringen Komik in die Geschichten, ebenso wie die Gespräche zwischen den auf dem Mars gestrandeten Moravecs, die von einem herrlich trockenen Humor zeugen. Ansonsten ist der Sprachstil sehr klar und ohne viel Finesse; Brutalität ist als solche eindeutig erkennbar, diese Szenen wirken manchmal sogar ein bisschen derb; andererseits gibt es auch sehr schöne und gefühlvolle Szenen voller Emotion. Die Spannung wird nicht zuletzt durch den abrupten Wechsel zwischen diesen Extremen erzeugt; da wird aus einem Gespräch plötzlich ein Gemetzel und aus einer Annäherung plötzlich eine Fehde bis aufs Blut.

Fazit:

Viel zu meckern gibt es an diesem Wälzer eigentlich nicht, und ein endgültiges Urteil ist sowieso erst nach Lektüre des zweiten Teils zu fällen, von dem zu hoffen ist dass er den Spannungsbogen halten kann und die vielen offenen Fragen beantwortet. Manche der handelnden Figuren blieben beim Lesen für mein Verständnis etwas flach und oberflächlich, was aber bei der Fülle der Pro- und Antagonisten kein Wunder ist. Auch wird bei vielen der teilweise gut versteckten Anspielungen - wie z.B. der auf Nabokov - nicht klar, welche Rolle sie für die Geschichte spielen oder ob sie nur eingebaut wurden, weil Simmons vielleicht gerade “Lolita” o.ä. gelesen hat. Insgesamt aber ist dieses Buch wunderbare, hochqualitative Unterhaltungsliteratur.
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