Bewertungsdetails

Gegenwartsliteratur 3873
Eine Frau irgendwo im Nirgendwo
Gesamtbewertung
 
4.3
Plot / Unterhaltungswert
 
4.0
Charaktere
 
5.0
Sprache & Stil
 
4.0
Wenn ich den Inhalt lediglich mit einem Wort beschreiben müsste, dann definitiv mit 'verstörend'. Wie man aus der Buchbeschreibung ja bereits herauslesen kann, geht es hierin um die Protagonistin Yeong-hye, die aufgrund eines Traumes urplötzlich aufhört, Fleisch zu essen und darüber hinaus auch kein weiteres tierisches Produkt mehr anrührt. An und für sich ist dieser Umstand jetzt erst mal nicht beunruhigend, aber Yeong-hye wirkt auf den Leser von Anfang an schon irgendwie eigenartig, wenig fassbar oder durchschaubar und sehr zurückhaltend/passiv. Klar, eine gewisse Unscheinbarkeit haftet ihr auch an, aber diese stand für mich nicht wirklich im Vordergrund. Dass sich in ihrem Inneren deswegen umso mehr Essenzielles abspielt, war mir gleich bewusst, genauso wie die Tatsache, dass genau das wohl früher oder später aus ihr herausbrechen wird ...

~ Das Leben ist schon seltsam. Egal, was passiert, selbst nach einem schrecklichen Ereignis isst man, trinkt man, geht auf die Toilette, wäscht sich. Kurz, das Leben geht weiter. ~
(S. 175)

Geschrieben ist das Buch NICHT aus der Sicht von Yeong-hye (ist klar, sonst hätte man die wahren Motive für ihr Verhalten wahrscheinlich erfahren), sondern zuerst aus der Sicht ihres Ehemannes, im nächsten Teil aus der Perspektive ihres Schwagers und im letzten Abschnitt ist ihre Schwester die Hauptfigur. Alle beschreiben mehr oder weniger, neben ihrem eigenen Innenleben und das, was sie beschäftigt, wie sie Yeong-hye im Laufe der Zeit wahrgenommen und was sie alles Merkwürdiges mit ihr erlebt haben. - Und das ist manchmal wahrlich unheimlich gewesen. Yeong-hye begann damit, kein tierisches Produkt mehr zu essen (man erfährt aus ihrem Mund nie wirklich, warum sie das tut) und endet damit, dass sie gar nichts mehr isst und schlussendlich den Leuten versucht begreiflich zu machen, sie sei eine Pflanze und brauche nichts weiter als Sonnenlicht und hin und wieder ein Schlückchen Wasser. Die Folge davon ist, dass sie logischerweise körperlich immer mehr verschwindet.
Für mich war es ziemlich unheimlich, mir Yeong-hye vorzustellen. In meinem Kopf hatte ich das Bild einer völlig teilnahmslosen Frau ohne Emotionen, die kaum noch spricht und sich in der Sonne andauernd entblößt, weil sie denkt, sie sei ein Gewächs, das dringened Sonne benötigt. Manch einer würde sich an dieser Stelle denken: Ein Fall für die Psychiatrie! Letztlich wurde sie dort auch (von ihrer wenig einfühlsamen Familie) eingewiesen.

Tatsächlich blieb Yeong-hye (mir) bis zum Schluss ein undurchschaubares, sonderbares Wesen. Ich wusste nicht, ob sie all das alles echt glaubt und wirklich verrückt geworden ist, oder ob ihr Umfeld sie einfach nur falsch verstanden hat (auch ich). Sie ist im Grunde nämlich eigentlich eine arme, wenig respektierte Frau, die man nur gebogen und verbogen hat. Vielleicht wollte sie mit ihrem ganz bewusst gespielten, absichtlichen Verhalten genau daraus ausbrechen und endlich frei sein? Dass sie gelitten hat, hat man gemerkt, aber sie hat sich bis zu ihrer Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen, niemals jemandem widersetzt. Mit ihren merkwürdigen Anwandlungen hat man sie, die ewig unscheinbare Frau, endlich auch mal wahrgenommen. Yeong-hye ist unzufrieden und wird unterdrückt. Sich selbst nicht mehr als menschliches Wesen zu sehen, unter die Pflanzen zu gehen und so nach und nach zu verhungern, sah sie möglicherweise als Befreiungsschlag ... Aber das sind nur meine Gedanken dazu. Was uns die Autorin damit genau vermitteln wollte, weiß ich nicht.

Das offene Ende lässt mich zwar etwas ratlos zurück, aber empfehlen kann ich das Buch auf alle Fälle ... Das Kopfkino funktioniert hier nämlich einfach grandios und zusätzlich kann man beim Lesen durchgehend miträtseln, es ist also kein Buch nur zum Abschalten, sondern vor allem auch zum Mitdenken.
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