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Anne Frank - Das Tagebuch der Anne Frank

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Ophelia:
Ich habe jetzt das Buch ein wenig sacken lassen, tat ich mich gestern mit der Rezi doch sehr schwer; ich konnte einfach keine angemessene Beurteilung geben.
Was soll ich sagen...ich muss zugeben, den Hype um das Tagebuch von Anne Frank kann ich schwer nachvollziehen. Um ehrlich zu sein, während des Lesens kamen mir einige Passagen und Begebenheiten recht merkwürdig vor. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, tat sich in meinem Unterbewusstsein auf, kam aber jetzt erst, nachdem ich einigen Abstand gewonnen habe, an die Oberfläche. Es fanden sich für mich einige "Ungereimtheiten" im ganzen Buch: Wie oft wiederholt Anne, dass sie im Hinterhaus extrem leise sein mussten, es durfte nur geflüstert werden, aus Angst, in den Nebenhäusern (dünne Wände!) gehört und dadurch entdeckt zu werden. Aber wie oft schildert sie auch häufige laute Streits, Lachen, Umherpoltern und Lärmen - das fand ich alles recht merkwürdig. Wie oft vergessen die versteckten Juden ihre Vorsicht (Fenster sind am Tage geöffnet, Nachbarn sehen das und tun dies auch kund), wie oft werden sie bestohlen (die Diebe müssen sich über solch große Vorräte in einem Hinterhaus doch wundern!), wie oft werden sie gesehen/ gehört, und doch geht es zwei Jahre lang gut. Heute kann niemand belegen, was davon wahr ist, aber für mich klang vieles einfach sehr überzogen und ungereimt.

Abgesehen von Anne selbst - für ihr Alter fand ich sie teilweise sehr abgeklärt, sehr selbstreflektiert. Im Laufe der zwei Jahre macht sie einen enormen Sprung. Das ist schon glaubhaft, auf jeden Fall! Wissen wir doch selbst, wie schnell man sich in der Pubertät wandelt. Doch gerade zum Ende hin wird ihre Schreibe sehr ernst, sehr selbstkritisch, sehr traurig. Als würde sie ahnen, was bald passieren wird; als ob sie verzweifelt versucht, schnell mit sich selbst ins Reine zu kommen oder sich selbst und ihre Widersprüchlichkeit zu rechtfertigen. Das kam mir so merkwürdig vor!

Ich muss erklärend dazu schreiben, dass ich mich erst nach der Lektüre des Tagebuches ein wenig über Anne Frank und die Umstände des Erscheinens ihres Tagebuches beschäftigt habe, und das eigentlich auch nur aufgrund meiner Mutter, mit der ich mich gestern darüber unterhielt. Sie hat Anne Frank als 15-16-Jährige bereits in der Schule gelesen und hatte damals intuitiv auch das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass manche Teile nicht echt sind. So habe ich dann auch einige Informationen gefunden, die zumindest die Echtheit von Teilen des Tagebuches anzweifeln. Das hat mich sehr getroffen, ich hatte das vorher nie gehört. Vielleicht sind die Zweifel unbegründet (die meisten Kritiker sind eh verquere Altnazis, die den Holocaust leugnen  :vogelzeigen: ), vielleicht ist etwas dran. Das kann man heute nicht mehr eindeutig belegen. Ein fader Nachgeschmack bleibt für mich aber bestehen, leider. Das macht es für mich auch jetzt noch schwierig, eine Bewertung im Sinne von Ratten abzugeben, und daher lasse ich es an dieser Stelle.

Herzlichst,
Ophelia

kleinerHase:
Hatten in der 7. Klasse das Theaterstück dazu gesehen, habe das Buch erst danach gelesen und fand es wohl deswegen seeeehr emotional, weil ich dazu noch die Gesichter der Schauspieler im Kopf hatte.
Würde es auch jedem empfehlen, und werde es wohl auch bald mal wieder lesen.

HoldenCaulfield:
@Ophelia
Das ist interessant. Ich hatte bisher noch gar nichts davon mitbekommen das es Ungereimtheiten gibt bzw. auch die Frage in wie weit das Tagebuch echt ist. weißt Du da Genaueres? Bzw. könnte es auch sein das Otto Frank da seine Finger im spiel hatte?

fünkschen:
@Holden es gibt seit Jahren solche Spekulationen und Zweifel über die Echtheit und Authentizität  des Tagebuches.

Ich habe es damals auch in der Schule gelesen (ist ca. 30 Jahre her... meine Güte... ich alte Schachtel  :breitgrins: ) und wir haben es im Deutschunterricht analysiert und diskutiert.... vor allem im Bezug auf die Reife die Anne beim Schreiben der Texte zeigt ... und auch mit dem Hintergrund, dass schon damals Zweifel an der Echtheit bestimmter Passagen bestanden.

Allerdings weiss ich nicht, wie der Stand der Dinge heute ist und ob man Otto Frank Fälschungen nachweisen konnte.

Ich für meinen Teil habe entschieden, es so zu nehmen wie es ist. Unabhängig davon, ob wirklich jedes Wort darin "echt Anne" ist, beschreibt es eine sehr schwere Zeit und ein wahres Schicksal und hält das Gedenke an diese Zeit wach. Und es ist eines der wenige Bücher die für Jugendliche gut zu lesen sind und mit denen man somit mal einen ersten Schritt zum kritischen Denke bezüglich dieser Zeit wagen kann.

ich "wage zu behaupten" dass man sich mit Anne mental ein wenig anfreundet und dann ihr Schicksal sehr kritisch analysiert.... anders als bei anderen Büchern zum Thema Holocaust die eben deutlich "Erwachsener" sind.

Ophelia:
@Holden
Fünkschen hat es ja schon beantwortet. Man wird es heute wohl nie zweifelsfrei feststellen können, was wahr ist und was nicht. Fakt ist, dass Otto Frank die beiden Versionen des Tagebuches, die Anne selbst geschrieben hat (haben soll), zu einer dritten gekürzt hat, die auch veröffentlicht wurde. Grund waren für ihn wohl sexuelle Andeutungen Annes, die er nicht veröffentlicht wissen wollte. Inwieweit er selbst diesen Aspekt und andere Details des Tagebuches zensiert hat, kann man, wie gesagt, nicht feststellen, eben nur spekulieren. Dennoch, dieses Buch wird bei mir immer einen schweren Stand haben, aus den von mir o. g. Gründen.

Herzlichst,
Ophelia

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