Ich bin ja grundsätzlich kein Freund solcher medial verwerteten Lebensberichte oder -beichten, weil sie nicht nur unter literarischen Gesichtspunkten oft schlecht, sondern auch inhaltlich mangels Distanz fragwürdig sind – von Übertreibungen zugunsten eines Marketingeffekts (die nicht unbedingt auf die jeweiligen Autoren zurückgehen!) mal ganz abgesehen.
Einiges dazu sollte man aber vielleicht schon sagen. Hutus und Tutsis sind nicht wirklich verschiedene „Stämme“ (ein Wort, das mir sowieso immer Bauchschmerzen verursacht). Vielmehr handelt es sich im wesentlichen um eine durch die Kolonialherrschaft im Sinne eines Divide-et-impera-Prinzips verstärkte soziale Schichtung, die in sog. „invented ethnicities“ aufgegangen ist. Will sagen: Es wird inzwischen als ethnischer Unterschied empfunden, obwohl ein solcher nicht biologisch oder wie auch immer nachweisbar ist, er ist konstruiert.
Was die Naivität der Eltern angeht, die Du hier ansprichst, Kirsten – ich glaube, das kann man als Externer nur schwer beurteilen. Es gab natürlich Anzeichen, so den berüchtigten Radiosender
Mille Collines (Ruanda wird das
Land der tausend Hügel genannt), der schon vor den Massakern entsprechende Aufrufe gegen die Tutsis verbreitete. Aber niemand hat sich vorstellen können, daß es bereits Waffenlager und vorbereitete Listen für den Tag X gab. Wobei Waffen hier Macheten, Knüppel und ähliches „High-Tech-Gerät“ meint. Die Gewaltwelle selbst brach für die Nicht-Eingeweihten sicher im Zeitpunkt selbst und im Ausmaß überraschend los, sie dauerte etwa drei Monate und kostete rund 1 Mio Menschen das Leben: Eine Tagesquote, die selbst die Nazis nicht erreicht haben ... Zu verstehen ist der Genozid aber nur in einem längeren ruandischen Kontext sowie einem solchen des Nachbarlandes Burundi, das gleichfalls Konflikte zwischen Hutus und Tutsis kennt (von den Auswirkungen auf den Ost-Kongo, die es nicht einmal mehr in die Nachrichten schaffen ganz zu schweigen). Wer sich in diesem Zusammenhang mal darüber schämen will, Europäer zu sein und Politiker zu haben, die gerne ein „Nie wieder Ausschwitz!“ auf den Lippen führen, im Zweifelsfall aber lieber wegsehen, dem sei das Buch des verantwortlichen UN-Offiziers Roméo Dallaire empfohlen, das ich nur in Kleinstetappen lesen kann, weil es mich so furchtbar aufregt:



Shake Hands with the Devil (Handschlag mit dem Teufel, in Deutsch oop)
Schönen Gruß,
Aldawen