Hallo.
Ja, mombour, ich habe es ähnlich empfunden.
Bei mir öffnet sich hier sofort die Phantasie. Die Sprache von Pamuk ist angenehm, man ist sofort mittendrin.
Diese völlige Wandlung beim Lesen dieses Buches kann ich gut nachvollziehen, gerade, weil es mir mit so manchem philosophischem Werk ähnlich erging. Die Welt hat sich verändert, eben weil sich der eigene Blick geändert, geweitet hat. Man sieht mit neuen Augen auf das Leben, mit anderem Wissen. Das Buch öffnet ein neues Empfinden, birgt gar kleine Antworten auf mächtige Fragen.
Pamuk deutet den Inhalt des Buches zunächst nur an, was Freiraum zum Phantasieren lässt.
Das Licht, das hier aus dem Buch strömt, scheint mir für den außergewöhnlichen Inhalt zu stehen, so dass der Mensch, der Lesende, geblendet wie auch erleuchtet wird.
Auch diese Einsamkeit ist ein schönes Zeichen für das Buch, das verändert hat. Vielleicht lief hier jemand zuvor noch halbherzig durch die Welt, hinterfragte nicht, durchdachte nicht, und nun, wo sich so viel neue Sicht offenbart hat, steht man zunächst völlig alleine inmitten der anderen Menschen, für die sich nichts verändert hat, die noch laufen, wie zuvor man selbst. Und durch diese Ratlosigkeit fühlt man sich dem Inhalt des Buches noch näher.
"Der Wegweiser durch ein wildes, fremdes Land."
In etwa ist hier ein Mensch, der jeden Tag den gleichen Weg nimmt, auf dem er auch wieder zurückkehrt, und nun, durch das Lesen dieses Buches, eine kleine Abzweigung genommen hat, die ihn auf einmal in eine völlig fremde Gegend führt, in der er sich nicht auskennt, und die dadurch bedrohlich auf ihn wirkt. Nur das Buch leitet ihn, was ermöglicht, dass er wagt, weiterzugehen.
Und, was passiert, wenn man erst einmal eine neue Richtung gegangen ist? Es ist nicht mehr möglich, einfach auf die gewohnte Strecke zurückzukehren, mit dem Wissen um die Abzweigung.
Es ging um eine Reise, ständig ging es darum, alles war eine Reise.
Ein Reise wohl durch die eigene innere Landschaft.
So verwandelten sich beim Lesen und Weiterlesen meine Anschauungen in die Wörter des Buches und die Wörter des Buches in meine Anschauungen.
Bei guten Büchern passiert das öfter, nicht alleine, dass man sich selbst wieder erkennt, sondern, dass man nach dem Lesen nicht mehr weiß, wie man vorher anders denken konnte, weil sich der ganze Geist gewandelt hat.
Den eigenen Tod, den Osman hier zwischen den Zeilen wahrnimmt, empfinde ich so:
Es ist kein eigentliches Sterben, sondern nur das Verlassen des einen Lebens, um in das andere, neue (veränderte) einzutauchen. Das passiert bei bestimmten Umschwüngen immer. In einem ganzen Leben reihen sich verschiedene Leben aneinander, die völlig abgegrenzt nacheinander folgen. Wie Räume, die sich auftun, neue Erlebnisse, die den Menschen prägen und somit verändern. Manchmal reicht schon ein Umzug in eine andere Stadt, wobei man seine alten Gewohnheiten hinter sich lässt und den neuen, sich bietenden Gelegenheiten folgt, sich neu einrichtet. Ein neues Leben, in dem das alte nur noch bedingt Platz hat. Das Buch öffnet etwas, was wir erst einmal nur ahnen können.
Ein Aufbruch, ja... zunächst in Furcht, dann mit der Erkenntnis, dass das Leben nun bereichert ist.
Grüße
PessoA