Susanna Clarke - Jonathan Strange & Mr. NorrellJonathan Strange und Mr. Norrell haben mich nun schon ziemlich lange begleitet, aber nun habe ich das Buch beendet. Alles in allem hat mir der Roman gut gefallen, da es sich um eine Fantasy-Geschichte handelt, die es so wohl noch nie gegeben hat. Die Buchidee ist sehr originell und darüber hinaus auch noch gut umgesetzt.
Sehr interessant fand ich an diesem Roman, dass die historischen Ereignisse um Napoleon und einige historische Figuren mit in die Geschichte eingewoben sind. Dies macht das Buch sehr authentisch und fast möchte der Leser glauben, dass sich die Geschichte um Norrell und Strange tatsächlich so ereignet hat.
Auch der berüchtigte Lord Byron hat seinen Auftritt in diesem Buch, was mir sehr gut gefallen hat.
Ein kleiner Kritikpunkt sind jedoch die Fußnoten, die mich manchmal aus dem Lesefluss gerissen haben und die ich deshalb teilweise als etwas störend empfand. An sich haben die Fußnoten aber durchaus ihre Daseinsberechtigung, denn sie verleihen dem Buch einen „wissenschaftlichen“ Anstrich, was es noch authentischer erscheinen lässt (die Wissenschaft der Zauberei spielt ja eine große Rolle in dem Buch). Nur zogen sie sich teilweise über mehrere Seiten hin, so dass man danach fast schon wieder neu in die eigentliche Geschichte einsteigen musste, zumal die Fußnoten oft eigene, kleine Geschichten erzählten. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen.
Der Schreibstil von Susanna Clarke sehr detailverliebt und genau, wodurch es für mich ein paar Längen gab und sich manche Szenen für meinen Geschmack ein wenig zu lange hinzogen. Ihr Schreibstil ist aber auch sehr elegant und ausgefeilt, oft auch altmodisch anmutend (ich habe es auf Englisch gelesen). Dies lässt das Buch sehr authentisch wirken und die Sprache ließ oft wunderbare, eindrucksvolle Bilder vor meinem inneren Auge entstehen. Weiterhin verzichtet die Autorin auch nicht auf eine feine Prise hintergründigen, leicht ironisch angehauchten Humor, was mir sehr gut gefiel.
Der größte Pluspunkt des Buches sind zweifellos die Figuren. Mr. Norrell als verschrobener, älterer Zauberer, der sich am liebsten in seinen Büchern vergräbt, die er über alles schätzt, stellt in gewisser Weise einen Gegenpol zum jüngeren, manchmal ungestümen Jonathan Strange dar, der eindeutig praktischer veranlagt ist als sein Mentor und zudem zur Ironie neigt. Beide Charaktere haben ihre Schwächen und Fehler, sind keinesfalls reine Sympathieträger - was sie so realistisch und interessant macht. Eine gewisse Arroganz und eine gute Portion Egoismus kann man beiden nicht absprechen, und Empathie ist nicht gerade ihre Stärke. Mein persönlicher Favorit war auf jeden Fall Jonathan Strange, eine der besten Fantasy-Figuren, die ich jemals in einem Roman entdecken und begleiten durfte.
Auch die Nebencharaktere sind wunderbar ausgearbeitet und bei vielen wusste ich bis zum Schluss nicht, was ich von ihnen halten sollte. Hier sind vor allem Norrells Diener John Childermass sowie der geheimnisvolle Straßenzauberer Vinculus zu nennen. Insbesondere ersterer hat mich besonders fasziniert und in seinen Bann gezogen, so dass er sich nun den Status meiner Lieblingsfigur in diesem Roman mit Strange teilen kann. Ich habe definitiv eine Schwäche für düster-geheimnisvolle und in gewissem Sinne auch tragische Figuren. Der „gentleman with the thistle-down hair“ ist zwar grausam und ich fand ihn einerseits zwar furchtbar, aber andererseits auch sehr interessant. Und auch Stephen Black ist hier nicht zu vergessen,
die Geschichte um ihn ist ebenfalls ein sehr spannendes Element des Romans.
Immer wieder wird auch auf die Vergangenheit der Charaktere eingegangen, was sie noch lebendiger wirken wird. So wird jede Figur mit einem interessanten Hintergrund ausgestattet, der teils sogar schon wieder Stoff für weitere Romane hergäbe.
Die Gestaltung meiner englischen Hardcover-Ausgabe möchte ich ebenfalls loben, ich mag das schlichte Design des Umschlages sehr und die Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die das Buch durchziehen, sind mehr als gelungen. Der Rough Cut passt ebenfalls ganz toll zum Stil des Buches.
Im letzten Drittel nimmt die Handlung gehörig an Fahrt auf, so dass ich die letzten 200 Seiten förmlich verschlungen habe. Es gibt so einige unvorhergesehene Wendungen und die Autorin weiß ihre Leser so manches Mal zu überraschen.
Insgesamt hat mir das Buch trotz einiger Längen gut gefallen und wird mir wohl noch eine ganze Weile in guter Erinnerung bleiben.
