Seine Charaktere sind viel mehr als nur leere "bag of bones" - sie haben Tiefe und scheinen so echt wie unsere Nachbarn zu sein.
Das unterschreibe ich zu 100% - was die Lebensechtheit von Romanfiguren betrifft, macht Stephen King keiner was vor. Es ist fast schon unheimlich, wie plastisch die Charaktere wirken. Als ob King sie nicht erfinden, sondern einfach reale Menschen schnappen und mitten in sein Buch stellen würde ...
Seine Werke haben auch oft etwas von einer US-amerikanischen Kleinstadtmilieustudie. Wie üblich gelingt im dies in "Sara" ganz wunderbar, jedoch - und das ist nun sehr subjektiv - hat King dem zwischenmenschlichen Drumherum und dem nicht-gruseligen Teil der Story für meinen Geschmack
zu viel Platz eingeräumt. "Sehr subjektiv" sage ich deshalb, weil die Art,
wie er es macht, astrein und sehr gekonnt ist und ich mir daher durchaus vorstellen kann, dass das Buch auch Leuten gefällt, die es nicht des Horrors wegen lesen.
Nur, ich geb's zu - der Grund, warum ich es zu lesen begonnen habe, war, dass ich mich endlich wieder einmal so richtig
gruseln wollte, inklusive Herzklopfen beim Lesen und nur bei Licht einschlafen können und sich nachts kaum ins Bad trauen und dann nicht in den Spiegel blicken wollen. Bei Stephen King wähnte ich mich an der richtigen Adresse - nur kam der Grusel in "Sara" für meinen Geschmack ein bisschen zu kurz.
Oh, es gibt durchaus furchteinflößende Stellen und besonders gegen Ende ganze Passagen, wo man vor Spannung nur so dahinfliegt, aber über weite Teile des Buches machen eben andere Dinge die Handlung aus, und außer ein paar selbstständigen Kühlschrankmagneten und ein bisschen Glöckchengebimmel tut sich manchmal kapitelweise nicht viel Übernatürliches.
Allerdings hat das Buch darüber hinaus so viel zu bieten! Der Einblick ins Leben eines Schriftstellers inklusive eindringlich-plastischer Schilderung einer Schreibblockade ... viele Inspirationen für den "Bücher führen zu Büchern"-Thread

- besonders natürlich "Rebecca" und Melvilles "Bartleby", die den Roman sehr prägen, garniert mit Michael Noonans Genrekollegen Mary Higgins Clark, Nicholas Sparks und Konsorten.
Dabei haben mir besonders die Selbstironie Michael Noonans sowie die realistische, uneitle Selbsteinschätzung seiner Arbeit gefallen (Stephen King betrachtet sein eigenes Schaffen wohl ähnlich).
Bezaubernd und märchenhaft ist natürlich der Strang um Mattie und Kyra, traurig-schön der um Jo, beklemmend-rätselhaft der um die Gemeindebewohner, diabolisch der um Großvater Max Devore ... abseits der reinen Unterhaltungsgeschichte thematisiert das Buch außerdem Dinge wie Machtmissbrauch, Opportunismus, Korruption, Geldgeilheit, "flexible" Moral, die Eigendynamik ländlicher Gemeinschaften ... und Rassismus.
Musste bei der Telefonbuchszene, als Michael Noonan hinter das Geheimnis der allzu häufigen Initiale "K" kommt, noch jemand von euch an KKK - den Kukluxklan denken?
Alles in allem also nicht ganz, was ich erwartet hatte, aber definitiv ein lesenswertes Buch und durchaus ein Kandidat für einen Re-read in ein paar Jahren.

PS: Der eine Fehler ist mir aufgefallen!
Jo stirbt zu Beginn in einer gelben, zum Schluss in einer blauen Hose, und es ist ziemlich deutlich ein Irrtum und keine Absicht.