SLW 2010 - 3. Buch


Die sechzehnjährige Gemma Doyle lebt mit ihrer Familie in Indien. Viel lieber wäre sie aber wie ihr Bruder in England, wo sie auf Bälle gehen und das gesellschaftliche Leben kennenlernen könnte. Nach einem Streit mit ihrer Mutter stürmt sie blindlings davon und verirrt sich in den Straßen Bombays. Hier hat sie das erste Mal eine Vision, die sich als wahr herausstellt: Ihre Mutter wird ermordet.
Voller Schuldgefühle kommt Gemma einige Wochen später in London an, nun hat sie ihren Willen, aber nicht so wie sie sich das vorgestellt hat. Ihr Bruder liefert sie in einem Mädcheninternat ab, wo sie sie nicht nur mit ihren wiederkehrenden Visionen sondern auch mit der Bosheit der anderen Mädchen kämpfen muss. Sie freundet sich mit drei ihrer Mitschülerinnen an, mit denen sie einen geheimen Zirkel gründet. Zunächst ist alles eher spielerisch, doch als sie Mächte herausfordern, die sie nicht kontrollieren können, wird Ernst aus dem Spiel.
Eine in der viktorianischen Zeit spielende Internatsgeschichte mit Magie und Okkultismus, das hörte sich im Vorfeld toll an. Doch schon auf den ersten Seiten war ich nicht wirklich glücklich mit dem Buch. Die Sprache schien mir unpassend für ein Mädchen, das am Ende des 19. Jahrhunderts lebt. Beim Weiterlesen flammte dann zwar zwischenzeitliches Interesse auf, aber spätestens bei der Hälfte des Buches war mir schlicht egal, was da noch passieren oder nicht passieren würde. Ich habe das Buch ab diesem Punkt noch bis zum Ende quergelesen, in der Hoffnung, dass es sich noch bessern würde. Leider war das nicht der Fall.
Das Buch hat ein riesiges Problem: Es ist – aus meiner Sicht – sterbenslangweilig. Dafür gibt es mehr als einen Grund:
Zum einen fehlt schlicht ein guter Spannungsbogen. Das Buch plätschert vor sich hin, es passiert dieses, es passiert jenes, es gibt kleinere Höhepunkte, aber all das scheint auf kein erkennbares Ziel hinauszulaufen. Das Buch hat keine Struktur, es wird einfach nur Szene an Szene gereiht.
Auch inhaltlich mangelt es an einem Konzept. Es ist einer dieser phantastischen Romane, bei denen Magie genau das kann, was der Autor gerade braucht. Es scheint eine Auffassung vieler Autoren zu sein, dass Fantasy keine Regeln benötigt, schließlich ist in der Phantasie alles möglich. Als Leserin fühle ich mich immer etwas veräppelt, wenn ein Magiekonzept so vage bleibt wie in diesem Buch. Damit lässt sich die Autorin eine riesige Tür offen, um sich auf wunderbare Weise auf den meisten Situationen herausschreiben zu können. Zudem werfen sich Fragen auf, die bis zum Ende bleiben und leider auch (in diesem Band) nicht beantwortet werden.
Am schrecklichsten aber fand ich die Phantasielosigkeit dieses Buches. Es sollte wohl eine Gothic-Novel für junge Mädchen werden. Also schnappte die Autorin sich einfach alle Motive, die man aus Romanen dieser Zeit kennt. Man hat irgendwann das Gefühl, dass sie Haken auf einer Liste gemacht hat. Englisches Mädchen aus Indien (Hallo Burnett!)? Check! Altehrwürdiges Internat mit strenger Direktorin? Check! Ein unter mysteriösen Umständen niedergebrannter Gebäudeteil (oh, Jane Eyre, du hier?)? Check! Ein großer verwilderter Garten inklusive Zigeuner? Doppelcheck!! Ein magisches Amulett, das ein Tor zu einem fremden Reich öffnet? Ceck, sowas darf doch nicht fehlen. Ein Menschenopfer? Hey, es geht um Okkultismus, so was muss sein! Ein geheimer Orden? Aber klar! Ein altes Tagebuch, das die tragischen Ereignisse enthüllt? Natürlich!
Ich mag sogar die meisten dieser Elemente, aber ich mag sie, wenn sie Teil einer guten Geschichte und nicht ihr Hauptbestandteil sind.
Dann dieser Zirkel von Schulmädchen:
Da wäre Gemma, unsere Heldin, die grundsätzlich Dinge tut, die nicht zu dem passen, was sie denkt, wohl aber zu dem, was die Autorin gerade braucht. Dann gibt es Ann, Gemmas Zimmergenossin, das unattraktive Mädchen aus einfachen Verhältnissen mit Stipendium, das sich in unrealistische Träume von einem besseren Leben flüchtet und natürlich von allen gemobbt wird. Aus irgendeinem Grund lassen die beiden sich mit zwei der mächtigsten Mädchen der Schule ein. An einem Tag mobbt man sich noch gegenseitig, am nächsten gründet man gemeinsam einen geheimen Zirkel. Warum? Wenn ich nett bin, sage ich, weil sich mit denen zu verbünden, die man am Tag zuvor noch gehasst hat, zu den Mechanismen innerhalb einer Gruppe von Teeniemädchen gehört. Wenn ich weniger nett bin, dann würde ich sagen: Weil die Autorin es brauchte. Wir begegnen mit Fecicity und Pippa nämlich zwei weiteren unverzichtbaren Typen von Frauenfiguren: Felicity ist das scheinbar selbstbewusste Biest, die Unzähmbare, die schockierende Dinge tut, aber im Inneren nicht weniger verletzt ist als alle anderen. Pippa ist die Schöne und Fragile, das Mädchen, das alle beneiden, in das sich alle verlieben. Sie träumt von Romantik und ewiger Liebe, steht aber kurz davor, an einen älteren Mann verheiratet zu werden.
Ich denke, man kann das Problem an der Auflistung sehen: Hier werden bekannte Stereotype kombiniert, aber keine glaubhaften, tiefen Charaktere.
Und nun komme ich noch einmal auf das zurück, was ich Eingangs sagte: die Modernität. Es ist nicht nur so, dass Gemmas Sprache zu modern ist, auch ihre Art zu denken ist sicher nicht die einer jungen Frau der viktorianischen Ära. Und sie ist nicht allein damit. Auch alle anderen Figuren sprechen und verhalten nicht, wie man es zu dieser Zeit erwarten würde. Da geht natürlich die ganze Glaubwürdigkeit des Settings schnell mal zum Teufel. Leute, die historisch fundiertere Kenntnisse als ich haben, dürften sich beim Lesen dieses Buches krümmen.
Wobei ich nicht sicher bin, ob es nicht Absicht von der Autorin war, die Mädchenfiguren zu modernisieren. Sie baut nämlich offensichtliche „Problemthemen“ ein, die vielleicht eine Verbindung zur modernen Leserschaft schaffen sollen. Eines der Mädchen ritzt sich, „um etwas zu fühlen“, ein anderes scheint homosexuelle Neigungen zu haben und Gemma hat eindeutig erotische Träume/Visionen von einem geheimnisvollen Fremden, der durch das ganze Buch geistert.
Aber nichts davon integriert sich gut in die Handlung. Es wirkt zu geplant, wie diese Themen aufgeworfen und letztlich für die Geschichte nicht wirklich genutzt werden.
„A Great and Terrible Beauty“ ist eine Summe aus bekannten Motiven. Ein gutes Buch muss für mich aber mehr als eine Zusammenstellung von schönen und interessanten Dingen sein. Es braucht zumindest einen guten Plot. Und den hat dieses Buch einfach nicht.
Und wenn es schon am Plot mangelt, dann muss man zumindest emotional an das Buch gebunden werden. Aber auch das war nicht der Fall. Die Marionettenhaftigkeit der Figuren verhinderte jegliche Anteilnahme von meiner Seite.
Ganz abgesehen von all dem ist das Buch auch nicht gut lektoriert. Es gibt eine Reihe von kleinen Fehlern, etwa wenn plötzlich eine Figur sich in ein Gespräch einmischt, die drei Seiten zuvor den Raum verlassen hat.
Ich glaube zu verstehen, worauf Libba Bray hinauswollte. Es geht um vier junge Mädchen, die alle eine Art von Freiheit suchen und die in einer Zeit leben, in der für die Träume und Wünsche junger Frauen nicht viel Platz ist. Zu sehr ist ihr Weg von gesellschaftlichen Werten und Normen vorherbestimmt. Sie rebellieren gegen diese Zwänge, flüchten sich in eine magische Welt, die ihnen letztlich zum Verhängnis wird. Unter Umständen hätte daraus ein gutes Buch werden können. Aber „A Strange and Terrible Beauty“ will zu viel und ist dabei schlecht konstruiert, ideenlos und flach.
Das Beste daran ist leider tatsächlich das hübsche Cover.
Das Buch bekommt von mir gefühlsmäßig vergebene
Für 1 Ratte hätte es ganz schrecklich sein müssen, das war es aber nicht. Es fehlt ihm einfach nur an Originalität.