Hallo,
ihr seid ja wirklich nett zu diesem Buch. Mich konnte leider so gut wie nichts daran begeistern und wahrscheinlich kann man es nur dem Vollmond zugute schreiben, dass ich es beendet habe.

Die Figuren fand ich sehr eindimensional, gerade mal Karitas als Hauptfigur schafft es eine Entwicklung durchzumachen, aber auch das nur mit Müh und Not. Besonders schade ist der Bruch, der zwischen dem ersten und zweiten Teil stattfindet. Als junges Mädchen ist sie zwar etwas naiv, aber lebensfroh und ein wahres Organisationstalent, wovon leider im weiteren Verlauf des Buches kaum noch etwas zu merken ist, und zwar schon bevor ihre Depressionen einsetzen. Nach ihrem Auslandsaufenthalt, aus dem sie doch eigentlich gestärkt zurückkommen sollte, ist sie passiv und lässt ihr Leben immer mehr von anderen bestimmen.
Die anderen Protagonisten sind recht stereotyp: Die Mutter ist verschlossen, gefühlsarm und zielgerichtet. Die ältere Schwester Halldóra ist zwar ehrgeizig, leidet aber unter verschmähter Liebe, die andere Schwester Bjarghildur ist rechthaberisch, überheblich und frömmelnd. Die Brüder (und auch die späteren Kinder) bleiben absolut farblos, anfangs war ich mir nicht mal sicher, ob Karitas zwei oder drei Brüder hat. Vielleicht bestand ihre Daseinsberechtigung darin, dass sie einen guten Kontrast zu den Töchtern abgeben (bezogen auf die gesellschaftliche Stellung natürlich). Oder weil die Rechnung lautet "je mehr Kinder desto größer die Entbehrungen". Sigmar (der tatsächlich als "Prachtexemplar" beschrieben wird und anscheinend jeder Frau durch sein Aussehen den Verstand raubt) ist egoistisch, karriereorientiert und nimmt sich einfach, was er haben will.
Insgesamt gab es kaum jemanden, der mir wirklich sympathisch war, und wenn, dann war es eine der Nebenfiguren.
Auch Atmosphäre ist kaum vorhanden, noch nicht mal die Naturbeschreibungen konnten mich fesseln, weil ich mich meist kurz zuvor über irgendetwas anderes geärgert habe. Am ehesten schafften es noch die Beschreibungen des Alltags am Anfang des 20. Jahrhunderts auf Island, allerdings waren die Einblicke in die Lebenssituation auch eher flüchtig - und sicherlich hätte ich dazu auch Geeigneteres lesen können.
Und selbst die Sprache konnte nichts retten, ich empfand den Stil ebenfalls als nichtssagend. Hinzu kamen seltsame Stilbrüche (für die mir jetzt leider kein Beispiel zwischen die Finger gerät) und gegen Ende ein immer schlechter werdendes Lektorat.
Die Zwischenkapitel, die als kurze Einschübe aus Sicht von Karitas den eigentlichen Kapiteln vorangestellt waren, sind eine gute Idee, deren Umsetzung konnte mich aber auch nicht überzeugen. Die jeweilige Überschrift folgt den Angaben zu einem Kunstwerk: Name des Künstlers, Titel, Entstehungsjahr, Medium. Ich hätte erwartet, dass der Text die Beschreibung einer Momentaufnahme liefert, wie die Beschreibung eines Gemäldes etwa, in dem auf Farben und Formen mehr eingegangen wird als auf Handlungen und Gespräche. Meist bekommt man allerdings eher Erinnerungsfetzen, die etwas mit der Entstehung eines bestimmten Kunstwerks zu tun haben - manchmal hat sich mir der Zusammenhang erschlossen, manchmal nicht. Und der Unterschied zu den eigentlichen Kapiteln endet leider in Perspektive und Stil - für mich also eine überflüssige Fingerübung. Was mich aber immer wieder verärgert hat, war, wenn als Medium "Bleistiftradierung" angegeben wurde. Was soll das sein? Es gibt die Bleistiftzeichnung oder die
Radierung, eine Drucktechnik, letztere hat mit Bleistiften aber nichts zu tun.
Damit kommen wir zum nächsten Kritikpunkt: ich hatte mir mehr Bezug zur Kunst gewünscht. Ja, man bekommt mit, wie Karitas Skizzen, Ölgemälde und Collagen anfertigt, aber wirklich etwas vom Entstehungsprozess erfährt man nicht. Sie wird ständig als herausragende Künstlerin gelobt, manchmal aufgrund ihrer modernen Tendenzen schräg angeschaut - und das war's. Ja, sie hat Probleme ihre Leidenschaft zur Kunst mit den Anforderungen des Alltags zu vereinbaren, aber wirklich darauf eingegangen wird leider nicht sondern diese Problematik nur umrissen.
Alles in allem entsteht der Eindruck einer Skizze mit guten Ansätzen, aber ohne weitere Ausarbeitung, die zu einem nichtssagenden Plakat aufgebläht wird, indem Baldursdóttir das Thema auf hunderten von Seiten ausgewalzt ohne in die Tiefe zu gehen.

Allerdings hat mich das Buch auch auf folgende Frage gebracht: bin ich als Leserin schon so fixiert auf starke (Frauen-)Persönlichkeiten, dass es mich befremdet, wenn eine Roman einmal eine schwache, unentschlossene, fast lebensunfähige Frau als Hauptfigur hat?
Mich hätte das mehr interessiert als eine dieser stereotypen Alleskönnerinnen.
Nach dem eher schwachen Anfang des Buches las ich eure Einschätzungen hier und war kurz davor das Buch nach der Häfte abzubrechen. Allerdings fand dann der Schwenk in Karitas Charakter statt. Eben weil sie zusammenbricht und unter Depressionen und Wahnvorstellungen leidet wurde es für mich interessant. Leider macht Baldursdóttir nichts aus diesem Ansatz und die Geschichte versandet sehr schnell wieder. Zuende gelesen habe ich das Buch nur, um einen
richtigen Verriss schreiben zu können.

Viele Grüße
Breña