Erstaunlicherweise ist der Rückentext, den mara84 oben schon angeführt hat, mal eine korrekte Inhaltswiedergabe, so daß ich hier nichts weiter dazu sagen muß.
Tsotsi, der Junge ohne Gedächtnis, der mit seiner Bande von Gewalt in den Townships lebt, ist nicht der einzige, der hier eine Wandlung durchmacht, aber bei ihm ist sie am ausgeprägtesten. Denn der Säugling, um den er sich auf einmal kümmern muß, bringt die Erinnerungen an seine eigene Geschichte zurück. Und damit auch die Erkenntnis, daß sein Leben nicht einfach eine Abfolge von Handlungen ist, die ihn zum nächsten Tag bringen, sondern daß er Entscheidungen treffen kann, die das beeinflussen. Und er lernt noch etwas Neues: Mitgefühl, eine Regung, die in seinem Township-Leben eher hinderlich ist, die ihm aber auch neue Kontakte eröffnet und es sogar ermöglicht, halbwegs so etwas wie eine Aussöhnung mit einem früheren Mitglied seiner Bande, das er brutal zusammengeschlagen hatte, zustande zu bringen.
Die gewählte Sprache ist sehr klar und direkt, aber ich kann mir vorstellen, daß manch einer Probleme mit der Erzählweise hat. Ich könnte mir dafür im wesentlichen zwei Gründe vorstellen. Zum einen hat Fugard hauptsächlich Theaterstücke geschrieben, was eine ganz andere Personengestaltung erfordert. Zum anderen, und das ist vielleicht der entscheidendere Punkt, ist der Erzählfluß bemerkenswert. Wir sind es gewohnt, daß eine Erzählung relativ linear verläuft, mit einer Reihe von ursächlichen Handlungen, die Wirkung entfalten, die ihrerseits wieder zur Ursache für neue Wirkungen werden. An dieser Erzählstruktur ändern auch Kunstgriffe wie Rückblenden u. ä. nichts, denn der
Charakter der Erzählung bleibt immer linear. Dieses Buch erinnert mich in der Struktur sehr an einen Film einer simbabwischen Regisseurin, den ich vor drei Jahren gesehen habe. Die dort gezeigte Geschichte war zyklisch angelegt. Immer wieder kehrte der Film zu früheren Szenen zurück, die dann ein Stück weiter gesponnen wurden als zuvor gezeigt, die aber dabei gleichzeitig auch immer irgendwie ... neu waren. Das war ziemlich irritierend und führte zu einer interessanten Diskussion mit der Regisseurin im Anschluß an die Vorführung. Dieses Zurückkehren zu einem früheren Punkt, dieses immer wieder Neuansetzen und Weiterführen, das passiert auch hier. Ich finde es sehr erstaunlich, daß Fugard, der einer englisch-burischen Familie entstammt, diese so wenig "europäische" Erzählform so gut rüberbringt, da könnte ihm seine lange Arbeit mit schwarzen Schauspielern in Theatergruppen sehr geholfen haben.
Auch wenn diese Struktur das Buch vielleicht irritierend macht und es ob des Inhaltes auch etwas verstörend wirken mag, so hat es mich doch ziemlich beeindruckt und ich vergebe dafür ohne Zögern mit leichten Abzüge für das zwar logische, aber in der Ausgestaltung nicht ganz gelungene Ende

Schönen Gruß,
Aldawen