Bei mir heißt es "eigentlich lese ich keine asiatische Literatur, aber ich mag Krimis". Aber durch die A-Z Challenge und die Reise rund um die Welt lerne ich viele für mich neue Autoren kennen.
Genau damit hat mich das Buch auch gekriegt

Meine Eindrücke:
Oberinspektor Chen Cao leitet eine Sonderermittlergruppe, die sich ihre Fälle durchaus selbst aussuchen kann. Obwohl er den Fall der ermordeten jungen Frau wegen Aussichtslosigkeit abgeben könnte, bleibt er dennoch dran und versucht, sich ein bisschen Sporen zu verdienen. Gerade mal Anfang Dreißig ist er befördert worden und verfügt seit kurzem über ein eigenes Appartement. Da wachsen schnell Neid und Missgunst und die Rechtfertigung durch einen gelösten Mordfall käme ihm sehr recht.
Chen und sein Mitarbeiter Yu arbeiten hartnäckig, stets beglückt durch die weisen Ratschläge eines altgedienten Kaders, der sich auf seine alten Tage noch profilieren darf. Die Tote wird als nationale Modellarbeiterin Guan Hongying identifiziert und plötzlich gibt es auch Spuren, die Auskunft über ihr Privatleben geben. Statt eines politischen Mordes, den die Partei gerne sehen würde, scheint ein Beziehungsdrama der Grund für ihren Tod gewesen zu sein. Ohne politischen Wirbel aber verläuft der Fall keineswegs, denn die Recherchen rücken Wu Xiaoming, den Sohn des Propgandaministers, ins Licht der Ermittlungen. Kaum stellen Chen und Yu den Mann zur Rede, bekommen sie ernsthaften Gegenwind. Wu mobilisiert alle denkbaren Ämter, um die Polizisten zu diskreditieren. Und das ist nach wie vor simpel, wenn man Chen eine dekadent-westliche Lebensweise vorwerfen oder ihm böswillige, politische Kritik an den hohen Kadern anhängen kann.
Literatur-Fan und -Übersetzter Chen bleibt seinen Prinzipein treu und genau deshalb erhält er viel mehr Hilfe als erwartet. Dabei gehen seine Helfer teils hohe Risiken ein; Yus Frau trifft sich zum Beispiel mit ihm als Flirt getarnt, um ihm Informationen von Yu zukommen zu lassen. Und auch sonst kommen die Informationen gut verschlüsselt. Der Hinweis, dass Zeugen nach ihrer Aussage Schwierigkeiten bekommen haben, ist versteckt hinter Lyrik-Zitaten und der auf Distanz gegangene Parteisekretär Li tauscht mit Chen bei einem als zufällig arrangierten Treffen am Teewasserkessel Anweisungen im Telegrammstil aus. Immerhin weiß Chen, dass er seine Chance bekommt, wenn er einen Schlüsselhinweis findet.
Insgesamt gefiel mir an diesem Krimi ganz besonders die Darstellung des Chinas von 1990, verbunden mit vielen Hinweisen auf die jüngere Geschichte. Bemerkenswert, wieviel Einfluss die Partei und ihre Ideologie auf die Menschen haben. Unabhängig davon, wie sehr man diese damit menschlich einzwängt und auch zerstören kann. Modellarbeiterin Guan hat nur nach außen ein erstrebenswertes Leben geführt; im Lauf des Buchs wird klar, wie sehr sie unter ihrer Position leiden musste.
Ansonsten aber ist vieles ganz genau so, wie anderswo: Die Kadermitglieder sind zwar angesehen und halten sich für unangreifbar, aber dennoch gibt es freilich schwarze Schafe. Und genau wie anderswo wird deren Existenz verleugnet und man setzt alle Hebel in Bewegung, um das Bild der engagierten Herren mit weißer Weste und besten Absichten zu erhalten. Es gibt unbestechliche Polizisten, die an Gerechtigkeit für alle glauben und Menschen, die sich Sorgen um ihre Kinder, die Zukunft oder den Job machen. Der Shanghai-Krimi hat mir gut gefallen und eine weitere Reise auf Chens Spuren könnten schon bald folgen.

@illy und Kirsten
Ich antworte auch mal im Spoiler:
In China sind Todesurteile an der Tagesordnung; wenn man das schon mal in der Presse mitbekommt, ist es dort völlig normal, Todesurteile (auch für geringe Vergehen) auszusprechen und umgehend zu vollstrecken. Für uns ist das erschreckend und abstoßend, dort gehört es offenbar zum Alltag.
Ja, da tippe ich wie qantqa.