"Ulysses" ist für mich einer der grössten Romane der Weltliteratur, vergleichbar mit "Don Quichote" dem Wilhelm-Meister-Komplex oder "Krieg und Frieden". In all diesen Romanen wird eine komplette Welt geschaffen, das hohe und niedrige, gute und böse, wichtige und irrelevante, all das liegt beieinander und trägt seinen Teil zur Welt bei.
So ist "Ulysses" ein einziger Tag, eine komplette Welt, fast der gesamte literarische Okzident. Der Roman ist letzten Ende statisch wie eine griechische Säule, in sich abgerundet und vollendet. Jede der darin auftretenden Personen handelt völlig natürlich ihrem Wesen gemäss.
Man nehme einmal die inneren Monologe der drei Hauptpersonen:
Stephen Dedalus, Joyce alter Ego, ein verkrachter Künstler. Kompliziert, gebildet, sarkastisch, unsicher, sensibel. Sein innerer Monolog ist gespickt mit Anspielungen, literarischen Verweisen, Philosophemen und lateinischen und theologischen Aspekten.
Leopold Bloom, der Annoncenaquisiteur, ruhig, introvertiert, anpassungsfähig, sozial. Sein innerer Monolog ist erdnäher, humorvoller, gelassener, konkreter.
Molly Bloom, alter Ego Nora Barnacle, ist erdnah, in sich ruhend, instinktiv, sexuell. Ihr Monolog ist assoziativ, unintellektuell, körperlich, sinnlich.
Von jeder dieser Personen hat man zum Schluss ein klares Bild, jede ist einzigartig in ihren Stärken, Fehlern und Schwächen, eine wahre conditio humana.
Und all dies völlig Alltägliche und Banale ist verbunden mit der Literatur des Abendlandes, von Homer über Shakespeare bis zu Hopkins, ebenso wie die okzidentale Musik und Kunst mit einfliesst.
Es gibt in der indischen Philosophie das Konzept des "Great Chain Of Being". Wir sind alle Glieder einer Kette, alle in einen Zusammenhang gewoben, im kleinsten Mikrokosmos ist der gesamte Makrokosmos enthalten. Jedes Glied ist einzigartig individuell und einzigartig in den Zusammenhang einbezogen.
Ich kenne kein Werk der Literatur, in dem diese Idee so vollendet ausgeführt wurde. Man kann den "Ulysses" ein Leben lang lesen und man wird immer wieder neue Aspekte entdecken.
In diesem Sinne verabschiede ich mich und wünsche euch noch viele literarische Entdeckungen.
Ralf