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Autor Thema: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks  (Gelesen 4947 mal)

swank

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #15 am: 30. März 2008, 19:31:04 »

Blue van Meer ist zur Zeit der Handlung gerade 16 und hat ein ziemlich chaotisches Leben: das intelligente Mädchen reist mit ihrem Vater, einem Universitätsdozenten, durch Amerika und ist nie lange am selben Ort. Nun aber ist Blue in ihrem letzten Highschool-Jahr und ihr Dad entscheidet, es an einem einzigen Ort zu verbringen. Schnell wird Blue, die bisher nicht viel anderes tat als Bücher zu verschlingen und deren ganze Welt ihr Vater war, von einer seltsamen Gruppe Schüler umworben, die sich wiederum um die Lehrerin Hannah Schneider gruppieren.

Um es vorweg zu sagen: „Die alltägliche Physik des Unglücks“ war mein erstes Lesehighlight dieses Jahres. Die ersten fünfzig Seiten waren etwas mühsam, ich habe das englische Original gelesen und Marisha Pessl schreibt sehr dicht, alles ist vollgepackt mit mal bedeutenden, mal weniger wichtigen Details und man muss aufpassen, dass einem nicht einer der grandiosen Wortwitze entgeht. Dann aber hat mich die Geschichte gepackt und nicht mehr losgelassen.

Der Roman lebt einerseits von Blues lakonischer und intelligenter Erzählstimme, andererseits vor allem von seinen Figuren. Allein Blues skurriler Dad ist eine solch schillernde Persönlichkeit (überaus gebildet und belesen, mit dem Aussehen eines Filmstars, was ihm ständig wechselnde Freundinnen einbringt, die er immer wieder loswerden muss), dass schnell verständlich wird, wie sehr das Mädchen an ihm hängt. Bis in die Nebenfiguren hinein bietet Marisha Pessl hier skurrile Typen, angetan war ich etwa von einer Lehrerin, die von allen nur Evita Perón genannt wird und deren teilweise seltsames Verhalten Blue wie selbstverständlich mit ihrem aufregenden Leben in Argentinien erklärt.

Vor allem stechen aber die Schüler, die Blue umwerben, und Lehrerin Hannah Schneider heraus. Blue weiß gar nicht recht wie ihr geschieht, und schon ist sie mitten drin in seltsamen Vorgängen. Warum wollen diese Schüler, die sie offensichtlich nicht ausstehen können, sie in ihrer Nähe? In welcher Beziehung stehen sie zu Hannah Schneider? Und was hat es mit ihren mysteriösen Vorgeschichten auf sich?

Über die Auflösung der Verstrickungen kann man sich sicherlich streiten. Der Rest des Buches, die Figuren, der Witz und Charme und eine irrsinnig packend geschriebene Schlüsselszene aber vertrösten mich auch mit dieser nicht ganz perfekten Auflösung und zum ersten Mal seit Langem kann ich ohne Bedenken 5 Ratten vergeben.

5ratten
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zauberin

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #16 am: 08. April 2008, 20:12:21 »

Ich bin gerade dabei das Buch zu lesen und bin auf ca. S. 120. Mir gefällt es bisher außergewöhnlich gut!
Ich mag den Schreibstil und die Zitate.
Die Charaktere finde ich sehr gut rübergebracht, Blue finde ich toll!
Ich frage mich wie die Geschichte wohl weitergeht.  :smile:

MfG
zauberin
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Polkadot

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #17 am: 15. Juni 2008, 22:34:09 »

Mir geht es ähnlich wie Marilu: Ich denke, dass der Inhalt des Romans nicht hält, was die Form verspricht.

Das würd ich unterschreiben. Ich empfand es genauso.

Doch Blue und ihr Dad sind für mich keine authentischen Romanfiguren.

Und das ist etwas, was mich am meisten stört (im allgemeinen, nicht ausschließlich bei diesem Roman). Wenn die Figuren nicht echt wirken, können sie einen auch nicht berühren und mitreißen. Dann bin ich nicht oder weniger empfänglich für die Geschichte.

LG, Polkadot

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Tammy1982

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #18 am: 02. Februar 2009, 19:52:21 »

Hallo Ihr Lieben,

nachdem mich das Buch so neugierig gemacht hat (v. a. aufgrund der komplett unterschiedlichen Meinungen) und ich es als Mängelexemplar auf einem Wühltisch entdeckt habe, habe ich es mittlerweile auch gelesen.

Hier dann meine Meinung:
Blue ist 16 Jahre alt und seitdem sie denken kann, reist ihr Vater mit ihr andauernd von einem Ort zum nächsten. Überall ist er nie länger als vielleicht ein halbes Jahr. Entsprechend kann es passieren, dass Blue innerhalb von einem Jahr 3mal die Schule wechselt. Sie hat keine Freunde und ihr Vater ist ihre einzige Bezugsperson. Erst in ihrem letzten Schuljahr entschließt ihr Vater schließlich, dass sie das gesamte Jahr an einem Ort bleiben werden. Angeblich, damit seine Tochter in Ruhe ihren Abschluss machen kann. Die Wahrheit kommt erst ganz am Ende heraus.
In ihrem letzten Schuljahr schließlich wird Blue von der Lehrerin Hannah Schneider quasi dazu gedrängt ihrem Kreis beizutreten, zu dem noch einige andere Schüler zählen. Blue verliert sich komplett in ihrer neuen Clique, bis Hannah stirbt und sich Blue's Welt innerhalb kurzer Zeit auf den Kopf stellt.

Die einzelnen Kapitel des Buches sind mit Titeln von bekannten (oder auch weniger bekannten) Romanen versehen. Zuerst dachte ich, dass der Inhalt des Kapitels sich irgendwie über diese Romantitel deuten lässt, aber dem ist eigentlich nicht so. Wenn man die Titel einfach so liest und dann den Inhalt in dem Kapitel, passt der Titel sehr gut zum Inhalt, hat aber so weit ich feststellen konnte, nie wirkliche Gemeinsamkeiten mit dem erwähnten Buch.
Das Buch selber ist aus der Perspektive von Blue geschrieben und Blue neigt dazu sich in ihrer Geschichte zu verlieren, Vergleiche mit Büchern (sowohl real, als auch fiktiv) anzustellen und diese auch immer mit Zitatangaben zu hinterlegen. Zu Beginn fand ich das eigentlich sehr unterhaltsam und habe das Buch auch eher langsam gelesen. Als dann gegen Ende sich die Ereignisse überschlagen, hätte wegen mir auch die Sprache "schneller" werden können, da mich da die Vergleiche und Verweise gar nicht mehr interessiert haben, sondern ich endlich zur Auflösung kommen wollte.

Blue ist eigentlich zu bedauern: Durch das ständige Reisen ihres Vaters, hat sie keinerlei Freunde. Sie ist eine Einzelgängerin und lebt mehr in der Welt der Bücher als in ihrer realen Welt. Dazu trägt auch noch bei, dass ihr Vater sie wohl zu einem Genie erziehen möchte und fast alle Gespräche und Diskussionen mit ihr nur über Bücher und Zitate führt. Kein Wunder also, dass sie in ihrer "Lebensgeschichte" andauernd irgendwelche Schriften zitiert.
Zu Beginn habe ich als Leser dadurch aber auch geglaubt, dass Blue schon viel erwachsener ist und reifer, als andere Teenager. Umso überraschter war ich dann zuerst, als sich doch einfach zeigt, dass Blue ein normales Mädchen ist, dass sich auch nach einem netten Jungen sehnt und teilweise auch wie ein Teenager total konfus reagiert. Aber auch klar, dass der Vater mit einem pubertierenden Teenager nicht wirklich gut zurecht kommt...

Ehrlich gesagt tue ich mich sehr schwer das Buch zu bewerten. Ich finde die Idee mit den Romantiteln als Kapitelüberschriften sehr gelungen und auch der Erzählstil von Blue ist zwar am Anfang anstrengend, aber eigentlich sehr amüsant. Teilweise vermittelt sie einem auch ganz schön viel Wissen, was ich sehr spannend fand.
Andererseits will sich das Buch gegen Ende zu einem Thriller entwickeln und schafft das meiner Meinung nach nicht so richtig. Die Spannung die aufkommt, wird durch diese verschachtelte Erzählweise gleich wieder zerstört und die dann auch nur teilweise vorhandene Auflösung kam mir schließlich doch sehr konstruiert vor. Ich hatte da das Gefühl, dass die Autorin noch unbedingt eine ganz irre Geschichte auf die letzten Seiten packen wollte.

Für mich insgesamt ein zu Beginn sehr unterhaltsames Buch, dass mich gegen Ende dann aber leider nur noch genervt hat. Eine gute Idee, die aber am Ende ins abstruse abdriftet und man das Gefühl hat, dass da einfach zu viel Stoff verarbeitet werden wollte.

Trotz allem vergebe ich noch:  3ratten

Liebe Grüße
Tammy
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"Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönheit zu erkennen, wird nie alt werden." (Franz Kafka)

hilde

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Antw:Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #19 am: 09. März 2010, 17:56:28 »

Im Nachhinein ist mir doch noch etwas Positives eingefallen: Das wunderschöne Cover!
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Nicole

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #20 am: 02. April 2010, 19:45:53 »

 :schwitz:

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das Buch doch noch durchbekomme. Ich habe dafür nun fast genau 6 Monate gebraucht. Und das war schon der zweite Anlauf.
Mir hat das Buch absolut nicht gefallen. Die Buchhinweise zwischendrin haben mich schon stark gestört. Genauso wie Blue van Meers und ihres Vaters arroganz anderen gegenüber. Auch der Umgang miteinander, das Verhalten und die Sprache. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie irgendwann nurnoch in Buchzitaten gesprochen hätten um sich mit ihrem Wissen zu profilieren.
Die Story zog sich ziemlich in die Länge bis endlich in der Mitte (ein Glück!) endlich mal etwas passiert ist. Das war auch das, was mich überredet hat, es doch noch zu Ende zu lesen.

Ich kann mich nicht entscheiden wie ich das Ende finden soll. Einerseits kam es völlig unerwartet und andererseits fand ich es unangebracht. Vielleicht kam das dadurch, dass die erste Hälfte des Buches so vor sich hingedümpelt ist und in der zweiten Hälfte dann alle Aktionen untergebracht waren.

Da das Buch aber keine komplette Niete war (sonst hätte ich es abgebrochen), kann ich mir gerade noch so 2 Ratten abringen und erleichtert sein, dass ich es doch noch geschafft habe.

 2ratten