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Autor Thema: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks  (Gelesen 4946 mal)

Nichtraucher

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Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« am: 12. März 2007, 18:44:54 »

Titel: Die alltägliche Physik des Unglücks
Originaltitel: Special Topics In Calamity Physics
Autorin: Marisha Pessl
Verlag: S. Fischer
Erschienen: März 2007
Seitenzahl: 608
ISBN: 3100608038
Preis: 19.90 EUR


Die Autorin:
Marisha Pessl wurde 1977 geboren, studierte an der Columbia University. Pessl lebt in New York. "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist ihr erstes Buch.

Worum geht es?
Blue hat den Blues. Ihr Vater, der Universitätsprofessor, zieht schon wieder um. Nie länger als ein Semester bleiben Tochter und Vater an einem Ort. Bald kennt Blue jedes College. Zum Glück hat sie die Bücher - ihre engsten Vertrauten. Und so hungrig wie sie Geschichten auf Papier verschlingt, so lustvoll stürzt sie sich ins pralle Leben: Charmant und witzig besticht sie als wandelndes Lexikon und lässt zugleich keine Wodkaflasche an sich vorbeiziehen. Jeder weiß, Blue ist besonders. Man liegt ihr zu Füßen. Und dann passiert ein mysteriöser Mord und ihr Leben gerät aus den Fugen. Ein Aufsehen erregender und temporeicher Roman und ein spannend komischer Streifzug quer durch die Sätze von Shakespeare bis Cary Grant.

Meine Meinung:
Man stelle sich mal folgendes Szenario vor. Da sitzt man mit ein paar Leuten bei einem Gläschen Wein zusammen, aber nur einer bzw. nur eine redet. Und niemand kann sich der Faszination der Erzählerin entziehen. So geht es einem bei der Lektüre dieses Buches. Marisha Pessl erzählt und man hängt an ihren Lippen.
Ein Buch wie ein Vulkan!
Für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre.
Marisha Pessl ist eine Vollbluterzählerin. Schon die ersten Seiten ziehen den Leser in den Bann dieses Buches. Es beginnt mit einer Lektüreliste, die zugleich die jeweiligen Überschriften für die einzelnen Kapitel liefert. Das Buch sprudelt nur so über von immer neuen, faszinierenden Einfällen. Die Zitate reichen von „Shakespeare bis Gary Crant“ wie es der Klappentext verrät; jedes Zitat mit dem kurzen Hinweis auf seine Quelle.
Da ist Hannah die Dozentin für Filmkunst, die eine Gruppe von Schülern um sich geschart hat, die sich bei ihr an den Sonntagen zum Essen trifft. Hannah ist für die Jugendlichen faszinierend und geheimnisvoll zugleich. Zu dieser Gruppe gehört auch Blue van Meer, die mit ihrem Vater, Universitätsdozent, mindestens einmal im Jahr umzieht, weil er an den verschiedensten Universitäten kurze Gastprofessuren annimmt. Ein charismatischer Typ, der seine Tochter pausenlos pushed und ihr aber gleichzeitig auch die Mutter ersetzen muss.
Marisha Pessl erzählt mit einer kaum vorstellbaren Intensität und Vielfalt. Keine Seite dieses Buches ist langweilig, jedes Wort steht dort wo es hingehört und so werden Sätze geformt, die an Inhaltsreichtum nichts zu wünschen übrig lassen.
Die Begeisterung, die das Buch in den USA ausgelöst hat ist mehr als nachvollziehbar. Ohne Frage eine echte Sternstunde der zeitgenössischen Literatur.
Es gibt nur sehr wenige Bücher, die mich dermaßen fasziniert haben. Für 19.90 EUR bekommt ein echtes Literaturhighlight.


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BlueRhonda

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #1 am: 29. April 2007, 10:24:42 »

Dem begeisterten Urteil von @Nichtraucher schließe ich mich an!

Das Buch (Genre Campus-Novel) ist unglaublich vollgepackt mit Handlung, echten und fiktiven Zitaten und Literaturangaben und erschlägt einen anfangs geradezu;  auf jeder Seite steht soviel (auch an Hinweisen u. Assoziationen) wie in anderen Büchern auf 3 Seiten.
Es ist unglaublich dicht gepackt und liest sich gleichzeitig ganz locker - eine gewisse (literarische Vor-)Bildung und Interesse an älteren Filmen sind beim Lesen aber sehr von Vorteil, sonst entgeht einem einiges!

Ich vermute , dass ich mein persönliches Highlight 2007 bereits zu 2/3 durchgelesen habe. Dieses Buch ist so voll von wunderbaren, witzigen, originellen Gedanken, Vergleichen, Beobachtungen und Bonmots, dass ich es jetzt stiftbewaffnet lese, um die guten Stellen später schneller wieder zu finden. Und schlechte oder schwache Stellen habe ich bisher (auf S. 458/601) noch nicht gefunden.

Aber sowas von Hutab!!  :laola:
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gantenbeinin

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #2 am: 09. Mai 2007, 12:57:21 »

Hm. Auch an einem Stück "durchgefressen", allerdings mit sehr gemischten Gefühlen.
Einerseits hielt mich die intensive, dichte Schilderung und das Zugehen auf die zu erwartenden Merkwürdigkeiten gefangen. Andererseits habe ich mich aber auch laufend geärgert.

Die, im Realitätsabgleich, absurde Vater-Tochter Beziehung und deren völlig unplausible, unrealistische Lebensgestaltung, sowie die (auch bei ungewöhnlicher Intelligenz und Bildung) schlechterdings unmögliche "Weisheit" einer Sechzehnjährigen, machten die Lektüre zwar unterhaltlich, aber nicht bereichernd.

Die Darstellung der U.S.-schulischen Soziologie ist äußerst verengt, aber soweit treffend, findet sich allerdings wesentlich erhellender bei anderen zeitgenössischen Autoren (nur zwei Beispiele:Tom Wolfe "I am Charlotte Simmons", Jeffrey Eugenides "The Virgin Suicides").

Der obsessive, narzisstische Flirt der Autorin mit den bildungsbürgerlichen Eitelkeiten des Lesers treibt sie m.E. in teilweise peinliche Schwachsinnigkeiten.
Nur ein Beispiel:"....and then, with the same clarity that overtook Robespierre as he lounged in a bath and liberté, egalité, fraternité sailed into his head - three great merchant ships coming into port - I knew what I had to do."
Dies anläßlich der Entscheidung, die Einladung zu einem Treffen der Mitschüler anzunehmen.....hier werden zwei Halme Schnittlauch für die Suppe in 50 langstieligen Rosen geliefert. Oder soll Dergleichen ironisch sein? Hm.

Die Angaben fiktiver Quellen sind witzig. Bei den realen schien mir doch sehr vieles ohne inhaltliche Not und häufig zudem, da deutlich hintergrundlos, mehr dem Konversationslexikon entnommen denn eigenem Wissen.
Auch die Fremdsprachengewalt schien mir nicht zu halten, was sie offenbar scheinen sollte.
Beispiel: ......(see Das unglaubliche Leben d e r   Wolfgang Becker, Becker 1953).

Sicher könnte dies alles nicht wirklich an einem literarischen Ereignis kratzen. Ich kann aber - leider - die Hymnen, die der Autorin gesungen wurden selbst nicht mitsingen, so wir mir selbst ein Zugang eben nur möglich ist. Für mich war es nur eine teilweise fesselnde Unterhaltungssuada über ein, scheinbar, alltägliches, bei genauerem Hinsehen uninteressantes, Handlungsgeflecht auf tatsächlich dunklem (ziemlich bemüht phantastischem) Untergrund - mit Anleihen bei Vonnegut (nur stilistisch), Eco (dem massiven Umwerben des "gebildeten" Lesers mittels Bildungsquerverweisen) und Leuten wie Grisham, Crighton was die Hintergrunddramatik betrifft.

Vielleicht bin ich aber auch nur zu alt oder zu eng für dieses Buch. Im Zweifel für den Autor :breitgrins:
« Letzte Änderung: 09. Mai 2007, 12:59:20 von gantenbeinin »
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Polkadot

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #3 am: 05. August 2007, 22:17:45 »

@gantenbeinin: Ich bin 19 und vermutlich noch nicht zu alt für das Buch. Und ich fand's furchtbar.

Das Buch wurde in diversen Zeitschriften ja recht aggressiv beworben und ich hatte es extra in der Bücherei zurücklegen lassen und bin gleich hingehechtet, als es da war.

Leider war ich dann sehr enttäuscht, als ich anfing zu lesen. Das Buch hat mich nicht berührt und ich hatte nur das unangenehme Gefühl, dass hier solche Klischees vom begabten, intelligenten Mädchen mit der "besonderen" Beziehung zum Vater bedient werden. Hört sich an wie von Gilmore Girls/Harry Potter/was weiß ich abgeguckt. An den Haaren herbeigezogen. Außerdem war sie 'ne ziemliche Klugsch**ßerin. Ich hasse Leute, die damit hausieren gehen, welche Bücher sie schon gelesen haben.

Aber vielleicht schlägt da der Holden Caulfield in mir durch.  :rollen:

Ich kann aber trotzdem nachvollziehen, wenn jemand es gut fand. Denn gut erzählt war es schon. Nur definitiv nix für mich.

Was lerne ich daraus? Bücher, auf denen nicht Harry Potter steht und die plötzlich in allen Medien omnipräsent sind, möglichst aus dem Weg gehen...



« Letzte Änderung: 15. Juni 2008, 22:10:38 von Polkadot »
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finsbury

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #4 am: 07. Oktober 2007, 18:26:31 »

Hallo  zusammen,

nachdem ich das Buch anlässlich seines Erscheinens im Club nun auch erhalten und gelesen habe, etabliere ich mich in der Mitte der hier dargestellten Meinungsbildes.

Ich hab's nicht als literarisches Ereignis, sondern als Unterhaltungsroman gelesen, der mich interessiert hat, weil der Plot nach einer Lektüreliste gegliedert ist und so was mag ich eben.

Ich glaube, dass dieser Roman ein guter Erstling ist. Die Manieriertheiten, die Bettina beklagt, sehe ich ähnlich, aber die Autorin ist jetzt 30 und war während der Abfassung des Roman ca. Mitte zwanzig, da kann man schon einige Überzogenheiten verzeihen.

Mir hat gefallen, dass diese sehr konservative Einstellung, die der omnipotente "Dad" vertritt, durch die Auflösung des Romanrätsels ad absurdum geführt wird.
Insgesamt war es ein lustiges und ein bisschen intellektuell aufreizendes Vexierspielchen, das mich sehr unterhalten hat.
Ich kann mir durchaus vorstellen, weitere Romane der Autorin zu lesen, sehe sie aber nicht als aufgehenden Stern am us-amerikanischen Literaturhimmel.

HG
finsbury
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Nicole1502

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #5 am: 10. November 2007, 19:26:34 »

Ich wollte nun auch mal meine Meinung zu dem Buch loswerden:

Gestern habe ich "Die alltägliche Physik des Unglücks" beendet und bin mit gemischten Gefühlen zum Ende gekommen. Erst zog sich das Buch ganz schön dahin, dann konnte ich kaum noch aufhören und zum Ende hin, habe ich langsam aber sicher den Faden verloren. Das Ende kam mir unorganisiert und sehr abrupt vor. Ich fand es wunderbar zu sehen, wie man Situationen des Lebens mit Büchern verbinden kann und in wievielen Situationen einem Bücher in den Sinn kommen können. Auch die Bilder, die in dem Buch abgebildet sind, warum sehr schön und haben vom Stil her, das Buch und seine Atmosphäre unterstrichen.

Ich habe die Lektüre sehr genossen, auch wenn meiner Meinung nach manchmal eine Kürzung angebracht gewesen wäre.

Dafür vergebe ich:  4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

VLG,

Nicole
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mn1712

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #6 am: 03. Januar 2008, 10:41:38 »

Hallo
Ich habe das Buch gerade ausgelesen und fand es fesselnd und gut zu lesen, auch sehr witzig. Allerdings am Ende etwas abgedreht.
Und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Autorin Fan der Serie "Gilmore Girls" ist/war. (Blue und Rory sind sich schon ähnlich, auchd er Stil ist ähnlich, genau wie die x Zitate, von denen der Normalsterbliche nur ca. 10 kennt).
Hat schon jemand den "Abschlusstest" gemacht? Wenn ja, wäre ich an einem Austausch interessiert.


Zum Inhalt-SPOILER-


Spoiler (Klick zum Anzeigen/Verbergen)

Edit Alfa_Romea: Spoilerkasten gesetzt
« Letzte Änderung: 03. Januar 2008, 12:59:47 von Alfa_Romea »
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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #7 am: 03. Januar 2008, 13:02:32 »

Hi mn1712!

Zum Inhalt-SPOILER-

Spoiler kann man bei uns ganz elegant setzen, indem man bei Schreiben auf den kleinen "s"-Button (untere Button-Reihe, ganz rechts) drückt. Ich habe das für dich in deinem Posting bereits erledigt. Falls du das Spoilern üben möchtest, gibt es hier einen eigenen Thread dafür.

 :winken:

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #8 am: 05. Januar 2008, 18:48:45 »


Und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Autorin Fan der Serie "Gilmore Girls" ist/war. (Blue und Rory sind sich schon ähnlich, auchd er Stil ist ähnlich, genau wie die x Zitate, von denen der Normalsterbliche nur ca. 10 kennt).


Ich bin ein großer Gilmore Girls Fan und mir ist keine Ähnlichkeit zwischen Blue und Rory aufgefallen. So weit ich mich erinnere ist Blue ein arroganter, nerviger Teenager und die einzige Gemeinsamkeit ist, dass beide viel lesen.
Allerdings hat mich das Buch auch nur genervt und ich musste mich regelrecht durchquälen. Die Geschichte ist genau so flach, wie Amerikanische Teenie-Filme und wird auch durch viele Zitate, die kein Mensch kennt, nicht besser. Und dann noch auf den letzten paar Seiten eine Verschwörungstheorie an den Haaren herbeizuziehen rettet wirklich auch nichts mehr. Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut, aber das war nun wirklich nicht nach meinem Geschmack.
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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #9 am: 06. Januar 2008, 02:16:59 »

Ich bin den Gilmore Girls auch nicht abgeneigt. Bin auch anhand der Inhaltsangabe auch davon ausgegangen, dass es mir gefällt, aber was soll man machen. Manchmal hat man einfach spontan eine Abneigung gegen ein Buch. Mich hat's genervt. Ich fand die Sturmhöhe auch toll, aber ich renne nicht durch die Gegend und rufe "Heathcliff! Heathcliff!"
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adia

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #10 am: 06. Januar 2008, 16:37:43 »

Ich fand die Sturmhöhe auch toll, aber ich renne nicht durch die Gegend und rufe "Heathcliff! Heathcliff!"

 totlach

Na, dann sollte ich das Buch auch mal von meiner Wunschliste nehmen...
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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #11 am: 08. Januar 2008, 19:06:55 »

Danke für eure ziemlich polarisierenden Meinungen!

Ich hab mir von dem Klappentext auch total viel erwartet und als arme Studentin die 19,90 Euro bezahlt, das Buch dann aber so bei Seite 200 abgebrochen. Aber jetz denke ich, dass ich ihm doch noch eine Chance geben werde. Entweder ich bin dann am Schluss doch noch genauso begeistert davon wie Nichtraucher oder es wird auf den letzten 400 Seiten auch nicht besser, dann habe ich es aber wenigstens versucht.

Mich hat es übrigens auch sehr an die Gilmore Girls erinnert, aber eher wegen der vielen Zitate und Anspielungen auf Klassiker als wegen einer Ähnlichkeit zwischen Rory und Blue.

LG
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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #12 am: 16. Januar 2008, 10:15:25 »

Die Erzählerin des Buches ist Blue van Meer, eine sechzehnjährige Schülerin, die nach dem Unfalltod ihrer Mutter, einer New Yorker Society-Schönheit mit einer Passion für Schmetterlinge, mit ihrem Vater kreuz und quer durch die USA gezogen ist. Gareth van Meer, Professor der Politikwissenschaft, nimmt hier und dort für wenige Monate Gastprofessuren an, was für Blue ständige Schulwechsel bedeutet. Auf den langen Fahrten zwischen den alten und neuen Wohnorten bringt er ihr Gedichte und Prosaliteratur nahe und sensibilisiert sie für seine Leidenschaft, einen großen Wortschatz.

Für das High-School-Abschlussjahr nimmt der Vater für ein ganzes Jahr eine Stelle an, damit Blue ungestört ihren Schulabschluss machen kann. Noch vor Schuljahresbeginn treffen die beiden beim Einkaufen die faszinierende Hannah Schneider, die sich als Lehrerin an der exklusiven St.-Gallway-Schule entpuppt, die Blue in diesem Jahr besuchen wird. Um sich geschart hat sie ein Grüppchen von fünf Schülern, die von den anderen die "Bluebloods" genannt werden, sie treffen sich an den Wochenenden zum Essen bei Hannah, führen rege Diskussionen und bilden einen elitären kleinen Zirkel, in den auf Hannahs Wunsch auch Blue Aufnahme findet, wenn auch gegen den Widerstand der Bluebloods.

Auf einer Kostümparty bei Hannah kommt es zu einem merkwürdigen Todesfall, ein Partygast ertrinkt im Pool - und noch vor Ende des Schuljahres ist auch Hannah tot, erhängt, offenbar Selbstmord.

Doch Blue glaubt nicht an einen Suizid und versucht für sich alleine, Klarheit zu schaffen ...

Eins vorweg: ich kann gut nachvollziehen, was manche Leser an dem Buch gestört hat - wahrscheinlich viele der Punkte, die ich gerade mochte.

Die Erzählweise ist sehr ausschweifend, schlägt zahlreiche kleine Volten, man muss auch die Marotte mögen, dass Zitate, Anekdoten und Ereignisse gerne mit Quellenverweisen auf existierende oder fiktive Bücher versehen werden. Zwischen Blue und ihrem Vater hat sich eine Art Familien-Codesprache eingebürgert, die Gareths Sichtweise der Welt widerspiegelt, auch das fand ich sehr amüsant.

Dadurch, dass der Vater ihr einziger Fixpunkt in ihrem Vagabundenleben ist, hat Blue kaum dauerhaften Kontakt zu Gleichaltrigen, aber einen riesigen Wort- und Allgemeinwissensschatz, den sie gerne am Rande der Erzählung einfließen lässt. Ein wenig klugscheißerisch vielleicht, aber sympathisch, abgesehen davon, dass Einsprengsel auf Deutsch und Französisch oft fehlerhaft sind.

Einen Teil ihrer Recherchen nach Hannahs Tod hätte man ein wenig kürzen und straffen können, da gingen mir dann die Verweise auf fiktive Websites auf die Nerven. Danach kam allerdings eine Wendung, die mir den Atem stocken ließ und mich für die restlichen 150 Seiten noch mal förmlich an das Buch gekettet hat (bis zum doch recht abrupten und für mich nicht ganz zufriedenstellenden Ende).

Sehr gut gefallen hat mir auch das Inhaltsverzeichnis - jedes Kapitel ist mit einem Buchtitel überschrieben, und das Inhaltsverzeichnis trägt den Titel "Required Reading" und ist nach dem Muster einer Lektüreliste für Oberstufe oder Uni gestaltet.

Eine verrückte, leicht abgedrehte Geschichte, sicher nicht jedermanns Sache, aber bis auf die erwähnte Länge zwischendurch genau nach meinem Geschmack.

4ratten
« Letzte Änderung: 16. Januar 2008, 10:20:22 von Valentine »
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marilu

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #13 am: 14. Februar 2008, 17:01:43 »

Zitat von: Nichtraucher
Man stelle sich mal folgendes Szenario vor. Da sitzt man mit ein paar Leuten bei einem Gläschen Wein zusammen, aber nur einer bzw. nur eine redet. Und niemand kann sich der Faszination der Erzählerin entziehen. So geht es einem bei der Lektüre dieses Buches. Marisha Pessl erzählt und man hängt an ihren Lippen.

Genau das habe ich auch empfunden!
Allerdings ist mein Gesamteindruck nicht so begeistert. Der Stil ist toll: Marisha Pessl schlägt eine sehr bildhafte Sprache an, garniert ihre Ausführungen mit Zeichnungen, Literaturzitaten sowie Fußnoten und erzählt die umfangreiche fiktive Biographie von Blue van Meer. Nicht alles davon war für mich interessant und über manche Länge habe ich mich mit dem Gedanken hinwegretten müssen, dass es wahrscheinlich wichtig für die Auflösung ist. Viele Hinweise und anfangs unverständliche Ausschweifungen erlangen zum Schluss eine Bedeutung, aber insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es sich hier um eine Autorin handelt, die den Stil wichtiger als die von ihr erzählte Geschichte erachtet.

Gerade das Ende war mir zu voll gepackt mit (für mich) unglaubwürdigen Zufällen und Vermutungen.

Deshalb muss ich hier zwei verschiedene Bewertungskriterien anlegen:
Sprache und Stil: brillant
Inhalt: aufgebläht, stellenweise nicht nachvollziehbar, trotz guter Stellen insgesamt enttäuschend

Da ich Freizeitleser bin, konnte mich diese Schere nicht besonders begeistern - als Anglistikstudentin wäre ich wahrscheinlich besonders angetan von so viel Stoff für eine Diskussionsgrundlage gewesen.

Schade, ich hatte mir so viel davon versprochen...
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Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keinen Aufwand und Luxus hinterlassen. Aber ich möchte ein engagiertes Leben hinterlassen.
(Martin Luther King)

hilde

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Re: Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks
« Antwort #14 am: 24. Februar 2008, 18:52:40 »

Mir geht es ähnlich wie Marilu: Ich denke, dass der Inhalt des Romans nicht hält, was die Form verspricht.
Die Idee, Zitate und reale oder fiktive Literaturangaben mit einer Romanhandlung zu verweben, ist originell und passt zum Plot. Die Referathuberei und Eindruckschinderei im Bildungswesen wird dadurch auf gelungene Weise konterkariert.
Doch Blue und ihr Dad sind für mich keine authentischen Romanfiguren. Ich hätte mir mehr innere Entwicklung als äußere Handlung gewünscht. Die vielen Wendungen im Ablauf lenken davon ab, dass der Roman an vielen Stellen oberflächlich bleibt.
Blues Reaktion auf den Verlust ihres Dads, ihrer wichtigsten Bezugsperson, ist für mich verstörend distanziert und flach dargestellt. Wo stürzt sich Blue denn ins pralle Leben, wie es der Klappentext verspricht? Ich sehe sie vielmehr in einer starren Beobachterrolle, ohne echte Bindung und damit auch ohne wirklichen Lebensbezug.
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Ich bin ein trockener Workaholic. (Vince Ebert)