Hallo,
im Rahmen meiner Weltlesereise war "Tristram Shandy" meine zweite Station, die ich bereits im letztjährigen Spätsommer begann, aber nun erst beendete.
Laurence Sterne: Das Leben und die Meinugen des Tristram Shandy , Gentleman
Ein zentrales Werk der englischen Literatur, hier meine Stellungnahme:
Inhalt:
Der „Roman“, der zwischen 1759 und 1767 in einzelnen Büchern erschien, beschäftigt sich in seiner Haupterzählachse mit den Ereignissen und Gesprächen auf dem Landgut des Sir Walther Shandy. Zu Beginn des Romans erwartet die Familie unmittelbar die Geburt des Titelhelden … und tut dieses weiter über mehrere hundert Seiten. Nach der Hälfte des Romans ist Tristram endlich geboren, erfährt im letzten Drittel im Alter von fünf Jahren seine unfreiwillige Beschneidung und kommt am Ende gar nicht mehr als Romanfigur vor, aber als Erzähler.
Ja, was ist eigentlich der Inhalt? Die Lust am Erzählen, an der Satire und Kritik der zeitgenössischen Literatur und insbesondere der virtuose Umgang des manchmal personalen, manchmal auctorialen Erzählers mit dem Leser. Der Erzähler nutzt dezidiert jede Chance zu einer Abschweifung, macht sich z.B. über den Enzyklopädismus der Aufklärung lustig, indem er quasi wissenschaftliche Abhandlungen ausgedachter Geistesgrößen einschaltet – wie zum Beispiel Slawkenbergius‘ Ausführungen über die Nase nebst illustrierender Erzählung.
Eine große Rolle spielt neben dem Vater Tristrams – dem schwafelnden Sir Walther, der jeden Anlass zu exzessiven Verbalergüssen nutzt – dessen Bruder Sir Toby, der in den spanischen Erbfolgekriegen an delikater Stelle verletzt wurde und nun sein weiteres Leben mithilfe seines treuen Dieners Trim der Theorie und dem Modellbau von Festungen und deren Belagerungen widmet . Onkel Toby ist eine der liebenswertesten Figuren der Romanliteratur – von grundlegender Naivität und großem Herzen gekennzeichnet. Daneben spielen weitere Figuren eine Rolle, neben dem wunderbaren Trim die Dienerinnen, Sir Walthers stets zustimmende Ehefrau, mit der er höchst einseitige Abendgespräche, genannt „Bettgerichte“ führt, der unangepasste und scharfsinnige Pfarrer Yorick und der Quacksalber Slop, der mithilfe seiner Geburtzange den bedauernswerten Tristram verunstaltet.
Meine Meinung:
Es hat lange gedauert, bis ich diesen Roman bewältigt habe: Es gibt eben keine eigentliche Handlung. Man muss sich diesem Erzähler und seinen Abschweifungen ergeben und das Ganze eher als eine höchst kunstvolle Kabarettnummer ansehen, die einen durch den Kosmos der Literatur und Populärphilosphie des 18. und der vorvergangenen Jahrhunderte führt. Erst nach der Hälfte ist dies bei mir so richtig „angekommen“ und dann hat das Lesen großen Spaß gemacht. Selbst in der Übersetzung ist die Virtuosität dieses Wort- und Gedankenakrobaten jederzeit präsent. Er spielt gerne mit der Prüderie seiner Leserschaft und hält sowohl diffizile als auch deftige sexuelle Anspielungen wärend des ganzen Romans parat, ist dabei aber niemals peinlich, sondern immer witzig. Bei Sir Toby, Trim und Yorick schimmert unter aller Satire eine tiefe Menschenfreundlichkeit und Anteilnahme durch seine Darstellung: Diese Romanfiguren werde ich kaum vergessen.
Fazit:
Das Werk hat sich mir nicht ohne Mühe und sicherlich nur zu einem Bruchteil erschlossen, aber dieser Teil ist mir jede Mühe wert!
HG
finsbury