Hallo!
Ich habe nun auch dieses Buch gelesen und sage einleitend: War nett

Mmh, ich finde es auch sehr schwer, irgendetwas dazu zu schreiben...
Ich denke, dass Emma Bovary ein Spiegelbild der Frauen der Provinz des 19. Jahrhunderts ist. Während in den Städten Frankreichs nach der Revolution das wilde Leben tobte, kehrt im Kleinen doch recht schnell wieder Ruhe ein. Emma aber hat durch die Bücher, die sie heimlich im Kloster gelesen hat (was für eine Ironie) gezeigt bekommen, dass es auch etwas anderes gibt, nämlich unfassbare Leidenschaft. Und so sucht sie eben danach und findet darin ihr Verderben, weil diese Vorstellungen in der dafür passenden Umgebung ausgelebt werden müssen und nicht auf einem Dorf in Nord-Frankreich.
Natürlich war die gute Frau Opfer der Männer um sie herum: Der so verständnisvoll erscheinende Vater schert sich nicht darum, was Madame eigentlich will. Charles, der Liebe irgendwie mit Selbstaufgabe verwechselt (vielleicht ein "Erbe" seiner Eltern!?), würde alles für seine Frau tun - aber eben nur das, was sie sagt und nicht das, was sie nicht zu sagen wagt. Schon Rodolphe, der erste Liebhaber, ist von Anfang an (und das wird ja im Roman auch deutlich geschrieben) auf nichts anderes aus als eine temporäre Liebschaft, und ihr Ende ist für Emma nicht etwa das Zeichen, sich zu besinnen, sondern eher weiterzumachen und noch mehr zu geben (und zu wollen). Léon tat mir anfangs direkt etwas leid, doch er war im Grunde genommen nur schwach und hätte zu allem und jedem "Ja" und "Amen" gesagt. Dass er seine Geliebte am Ende im Stich lässt, war ja nicht anders zu erwarten. Die Herren der Finanzwelt stecken von Anfang an unter einer Decke und erkennen in Emma das passende Opfer für ihre Machenschaften. Charles hat von all dem keine Ahnung, er denkt, alles sei in bester Ordnung.
Doch auch die Frauen spielen eine nicht unwesentliche Rolle im Leben von Emma: Die Schwiegermutter zum Beispiel, die immer für ihren Sohn eintritt und alles für falsch erachtet, was Emma tut. Die Konvention, das eigene Kind bei einer Amme großziehen zu lassen, gegen das sich Emma zu wehren versucht (okay, sie ist nicht wirklich erfolgreich in dieser Hinsicht). Auch Mme Homais passt da doch ganz gut ins Bild: Der aufgeklärte Apotheker schimpft auf alles, was irgendwie mit Kirche und Konventionen zu tun hat, aber sein privates Leben geht doch nicht anders zu.
Ich denke, man kann die Liste derer, die Emmas Leidenschaft und Suche nach der großen Liebe im Weg standen, endlos fortsetzen. Und so könnte man zu dem Punkt kommen und feststellen, dass sie nur ein Opfer ihrer Umwelt war. Aber ab einem bestimmten Punkt hat mir wirklich das Mitleid gefehlt, denn sie wurde in ihrer Person immer gerissener und dreister und hat ebenso keinerlei Rücksicht auf die Menschen in ihrer Umgebung genommen.
Die Frage ist: Wer ist Schuld? Und ich denke, da kann man neben den Männern (wie immer

) auch die schreiende Naivität der Emma Bovary nennen. Sie gibt sich einem Bild aus ihren Büchern hin (übrigens gibt es eine "schöne" Stelle über die Gefahren des Romanlesens, bei der es sogar so weit geht, dass die Schwiegermutter das Abo der Leihbibliothek für Emma kündigt, weil Romane das arme Ding verderben würden), das zu erreichen in der französischen Provinz nicht möglich ist. Ihre Flucht nach Rouen gibt ihr nicht das, was sie erwartet hat, sie will immer mehr. Dass so ein Verhalten irgendwann im Desaster endet, ist ja nichts neues.
Das Buch behandelt nicht nur das Thema Seitensprung, sondern hat auch einiges an Gesellschaftskritik zu bieten. Teilweise war die mir einfach zu offensichtlich, wobei so manche Posse - gerade am Ende zwischen dem Pfarrer und dem Apotheker, oder auch der Auftritt aller Ärzte im Dorf - gut gefallen hat. Einen Flaubert'schen Zeigefinger habe ich aber eigentlich nicht gesehen.
Soviel also zur Geschichte. Sprachlich war das Werk keine große Herausforderung. Flaubert arbeitet viel mit Zeitsprüngen, macht die Handlung oft wahnsinnig schnell und überspringt ganze Jahre. Dann wieder gibt es Detailbeschreibungen (das "Finale" zieht sich über bestimmt 20 Seiten hin). Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Abschnitte kleine Skandale ausgelöst haben (z.B. die Szene mit der verhangenen Kutsche in Rouen und dem Arm, der am Ende aus ihr "herausfällt", oder die Religionskritik). Insgesamt eine distanzierte Darstellung Flauberts (volle Übereinstimmung mit Doris), wenige tiefgehende Dialoge, viel Schmalz in den Worten von Emma und ihren Geliebten und eine gelungene Darstellung der Problematik des Seitensprungs und der (möglichen) Konsequenzen in einer 'scheinbar' aufgeklärten, aber offensichtlich noch immer recht konventionellen Zeit.
Ich gebe dem guten Stück drei Ratten und eine halbe und hoffe auf rege Diskussion hier

und

P.S.: An dieser Stelle möchte ich mal alle Verlage darum bitten, nicht schon im Klappentext das Ende des Buches zu verraten!