Hallo Ihr Lieben,
nein, ich habe die Leserunde nicht vergessen, aber mich hoffnungslos in Leserunden verzettelt, die ich alle nicht missen wollte. Momentan lese ich 4 Bücher zeitgleich

und das ist sogar für mich Bookjunkie zuviel des Guten.
Eigentlich wollte ich zuerst die anderen Bücher zumindest teilweise beenden, konnte dann aber meine Neugier doch nicht zügeln und habe mit diesem Buch heute Abend angefangen.

Das war's dann mit dem guten Vorsatz. Ich konnte eben nicht mehr aufhören zu lesen.
Kennt Ihr das Gefühl, daß Ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt Eures Lebens, in dem ganz bestimmte Dinge auch sehr nahe gehen, Ihr ein Buch lest und das Gefühl habt: "Das passt so sehr, als wäre es gerade für mich ausgesucht worden."?
Der Entschluss von Gregorius von heute auf morgen sein Leben zu verändern, hat sich exakt gestern bei mir eingestellt und ich habe das getan, vor dem ich seit langer Zeit gezögert hatte, weil ich Angst vor dem Ungewissen und den Konsequenzen hatte. Gestern ist etwas passiert, was alle meine Zweifel auf einemal über Bord geworfen hat und ich
wußte ich muss etwas ändern.
Ich liebe an diesem Buch die Abschnitte von Prado, denn sie sprechen mir aus der Seele. Ich habe schon unzählige Klebezettel in meinem Buch stecken, weil ich all' die wunderbaren Worte direkt wiederfinden möchte. Ich kann nicht anders, als jetzt einfach mal wild drauflos zu zitieren was mich am meisten bewegt hat:
Von tausend Erfahrungen die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch die bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind all diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.
Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil leben können, von dem was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?
Vergeh Dich ruhig, vergeh Dich an Dir selbst und tu Dir Gewalt an, meine Seele; doch später wirst Du nicht mehr Zeit haben Dich zu achten und zu respektieren.
In Wahrheit ist die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung oft von unglaublich leiser Art. Sie ist dem Knall, der Stichflamme und dem Vulkanausbruch so wenig verwandt, daß die Erfahrung im Augenblick, wo sie gemacht wird, oft gar nicht bemerkt wird. Wenn sie ihre revolutionäre Wirkung entfaltet und dafür sorgt, daß ein Leben in ein ganz neues Licht getaucht wird und eine vollkommen neue Melodie bekommt, so tut sie das lautlos und in dieser wundervollen Lautlosigkeit liegt ihr besonderer Adel.
Gerade das letzte Zitat konnte ich geradezu fühlen. Versteht Ihr was ich meine.
Aus all diesen Gründen tut mir Gregorius auch nicht leid. Er ist zwar schon ein älteres Semester, aber immerhin... Er wagt das im Leben, was manch einer nie tut. Er hat es getan und besser spät als nie. Wie sagt Meir Shalev in seinem Buch "Judiths Liebe". Es gibt nicht's schlimmeres als die Brüder
Wenn, Hätte und Wäre. Manchmal kommt der Punkt im Leben, wo man sich sagt: "O.K. Du bist unzufrieden, Du bist unglücklich, aber Du tust auch nichts um es zu ändern!" Das ist der Moment, wo man weiß, jetzt oder nie. Es gibt Begebenheiten im Leben, die einen geradzu auf diese krasse und heftige Wendung hinzuzwingen scheinen, so nach dem Motto "Was für einen Wink kann ich Dir noch geben, damit Du Dir endlich selbst hilfst." Ich kann aber auch ganz besonders die Unsicherheit und die Angst von Gregorius nachvollziehen. Wenn man sich für einen Weg entscheidet, auf dem es vielleicht kein Zurück mehr gibt, dann ist diese Entscheidung entgültig. Man weiß nicht was kommt und es erfordert einen unermesslichen Mut, Vertrautes, was ja gleich bedeutend mit Sicherheit ist, weil man es kennt und einschätzen kann, trotz aller Mängel, hinter sich zu lassen.
Ich weiß jetzt schon, daß ich dieses Buch nicht vergessen werde und das es momentan keine passenderere Lektüre für mich gegeben hätte. Dementsprechend bin ich extrem gespannt, wie sich der neue Weg von Gregorius entwickeln wird.
An der Stelle, an der Gregorius als Schüler, sich fragt warum sein Griechischlehrer, so gebildet wie er auch ist, nichts vom Griechisch versteht, kam mir der Gedanke "Weil er es nicht fühlt und keine Sehnsucht dannach hat".
So, ich werde jetzt wieder weiterlesen und wir werden dann in den nächsten Threads von einander hören und lesen.
Tina
