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Autor Thema: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung  (Gelesen 1300 mal)

Die Lidscha

  • Gast
Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« am: 11. Februar 2007, 18:27:03 »



Klappentext: (amazon)
"Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe. Und ich bin gekommen, weil ich dir alles erzählen will." Mit dieser verzweifelten Eröffnung beginnt das nächtliche Gespräch zwischen dem Richter und seinem späten Gast. – Erschöpft ist Christoph Kömüves mit seiner Frau von einer Gesellschaft heimgekehrt. Und als sei die tiefe Unruhe, die an diesem Abend auf ihm lastet, nur eine unerklärliche Vorahnung, erhält er überraschend Besuch von einem Gefährten aus Jugendzeiten: Imre Greiner, dessen Ehe mit der schönen, verwöhnten Anna Fazebas er am folgenden Morgen würde lösen müssen, bittet ihn zu sprechen. Kömüves ist dem Freund seit Jahren nicht mehr begegnet. Doch der angesehene Arzt kommt ohne Umschweife zur Sache, und er sucht Antwort auf eine Frage, die nur der Richter ihm geben kann.

Meine Meinung:
Als ich vor vielleicht drei oder vier Jahren erstmals das Buch in die Hand nahm und den Klappentext las, wollte ich die Geschichte sofort lesen, scheiterte damals jedoch am Geld. Diesmal fand ich das Buch zufällig in der Bibliothek und erinnerte mich sofort daran. So kam es also, dass ich meinen ersten Sándor Márai las.
Dem Klappentext zufolge hätte ich eine ganz andere Art von Erzählung erwartet - vielleicht etwas mehr in Richtung Thriller. Und so kam es auch, dass ich anfangs große Probleme mit der melancholischen, aber dennoch nüchternen Beschreibung (wie widersprüchlich) des Lebens des Richters Kömüves hatte. Erst als der Arzt Greiner auf den Plan trat, offenbarte sich mir die tiefsinnige Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens (und der Liebe), an die mich dieses Buch mal wieder erinnert hat (was nicht abwertend gemeint ist!).
Anfangs treffen wir auf den Richter Kömüves, dessen Arbeitstag damit endet, dass er in den Fällen für den nächsten Tag die Unterlagen eines alten Bekannten (ich würde ihn nicht Freund nennen) und dessen Ehefrau findet, die er scheiden soll. So folgen wir dem Mann aus gutem Hause durch sein Leben, seine Karriere und seine Liebe(n). Schnell wird klar, dass Kömüves nicht nur Greiner, sondern auch dessen Frau Anna von früher kennt.
Als Kömüves mit seiner Frau Hertha am Abend von einer Gesellschaft nach Hause zurückkehrt, wartet das Hausmädchen und offenbart ihm, dass er Besuch habe: Imre Greiner will Kömüves unbedingt sprechen. So erfahren wir in der anderen Hälfte des Buches vieles vom Leben des selfmade-Mannes Greiner, der es von einem ungarischen Dorf in die renomierten Häuser Budapests geschafft hat und der fast ein Jahrzehnt mit seiner Frau Anna verheiratet war. Im Grunde besteht die ganze Geschichte aus zwei Monologen von zwei Männern, die sich eigentlich unabhängig voneinander mit ihren Leben - und damit auch mit dem Leben des jeweils anderen - beschäftigen.

Ich fand die Schilderungen der beiden Leben, die sehr unterschiedlich verliefen und dennoch immer wieder Schnittpunkte, auch unbewusste, hatten, sehr faszinierend. Während der eine (Kömüves) seine Beziehung zu seiner Ehefrau Hertha eigentlich nie hinterfragt und die Begegnungen mit anderen Frauen wie Anna als unbedeutend und zufällig abtut, sieht der andere (Greiner) in der Liebe zu seiner Frau Anna die Erfüllung aller irdischen Aufgaben - er ist ihr vollkommen verfallen, er liebt sie mit Haut und Haaren. Als er allerdings feststellt, dass Anna nicht das gleiche fühlt, bricht für ihn eine Welt zusammen, die nach Jahren des gegenseitigen Ertragens schließlich in der "Nacht vor der Scheidung" endet. Greiner hat nach dem Tod seiner Anna nur noch eine Frage an Kömüves - ohne die Antwort will er sich der Situation nicht stellen... Insgesamt ist es eine Geschichte über die Liebe, über den Sinn des Lebens und die Suche nach dem wahren Glück. Márai schreibt einfühlsam und nüchtern, beschreibend und poetisch. Seine Sprache ist leise, er klagt nicht an und wertet nicht. Ich habe dieses Buch sehr genossen, es hat mich oft an mich selbst erinnert und mir positive Gedanken gegeben. Dass muss nicht bei jedem so sein, aber empfehlenswert ist der Roman allemal. Deshalb gebe ich meinem ersten - und bestimmt nicht letzten - Márai fünf Ratten.

 5ratten

Ein kleines Zitat aus dem Buch:
"...Eine solche Begegnung geschieht nur einmal im Leben. Das Leben aber, weißt du, und der andere... Sie gehen manchmal weiter..."

Grüße,
die Lidscha  :winken:
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HoldenCaulfield

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Re: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #1 am: 11. Februar 2007, 20:43:41 »

Ich fand die Nacht vor der Scheidung eher mittelmäßig und kann auch nach weiterer Lektüre anderer Romane des Autors den Wirbel um ihn nicht ganz nachvollziehen.
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Seltsam im Nebel zu wandern.... H.Hesse

"[...] wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt, du bist verrückt" *L.Carroll*

Mein Interview mit Gail Carriger :elch:
Sonnenschirm

dora

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Re: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #2 am: 11. Februar 2007, 21:30:25 »

Hallo zusammen,

Ich fand die Nacht vor der Scheidung eher mittelmäßig und kann auch nach weiterer Lektüre anderer Romane des Autors den Wirbel um ihn nicht ganz nachvollziehen.

Mir ging es genau so. Da mein Vater ungarischer Abstammung ist, freue ich mich immer wieder ungarische Autoren entdecken zu können, doch Marai finde ich ziemlich trivial (auch wenn Lidscha eine schöne Rezension geschrieben hat  :smile:)
liebe Grüße
dora
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Die Lidscha

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Re: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #3 am: 12. Februar 2007, 09:44:38 »

Hallo!

Zitat
doch Marai finde ich ziemlich trivial

Vielleicht war es gerade das, was mir gefallen hat. Seine Sprache war sehr einfach, es gab klare Worte und keine ewig langen, verworrenen Sätze. Ja, seine Sprache war, sagen wir mal, "menschennah"  :smile: Gut, das Thema ist alt wie wahrscheinlich die Liebe selbst, aber man kann halt so etwas daraus machen oder einen kitschigen Liebesroman (der natürlich ein anderes Ende bräuchte).

@dora: Danke!

Grüße!
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Kirsten

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Re: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #4 am: 27. August 2007, 10:34:29 »

Hallo!

Ich schließe mich bei der Beurteilung des Buchs eher Holdens Meinung an. Ich bin aufgrund vieler guter Kritiken die ich über das Buch gelesen habe mit hohen Erwartungen an das Buch heran gegangen. Die wurden leider nicht erfüllt. Ich fand die Geschichte etwas steif geschrieben, so dass ich mit keiner der Personen richtig warm wurde. Auch die verzweifelte Liebe Greiners zu seiner Frau konnte ich nicht spüren :sauer: Ich denke, das wird mein einziges Buch von Sándor Márai bleiben.

Liebe Grüße
Kirsten
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Sue

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Re: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #5 am: 24. Juli 2008, 19:26:05 »

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil Stil und Sprache wunderschön sind.
Hier macht sich Marai mit sehr leisen Worten tiefsinnige Gedanken über die Liebe bzw. über deren Sinn. Imre Greiner ist der Meinung, dass die meisten Ehepaare einander im besten Falle gerade eben ertragen. Die perfekte Beziehung nach der er strebt, sieht so aus, dass die beiden Menschen sofort fühlen, dass sie füreinander bestimmt sind. Schlimm ist es, wenn nur einer dieses Gefühl hat, wie in seinem Falle seine Frau für einen anderen Mann, den Richter. Ihr ist das gar nicht so richtig bewußt, aber sie kann sich in ihrer Ehe deshalb ihrem Mann nicht völlig öffnen. Dieses Geheimnis wird immer zwischen ihnen stehen. Und da diese Ehe so nach 4 Jahren eben nicht mehr erträglich war, stand die Scheidung bevor, vor der sich Anna wahrscheinlich ebenso gefürchtet hat wie Imre. Nicht umsonst hat sie in einem unbeobachteten Augenblick das Gift zu sich genommen.
Ich glaube auch nicht, dass Marai viel daran gelegen ist, dem Leser die Charaktere unbedingt sehr nahe zu bringen. Meiner Meinung nach war es ihm wichtig, das Scheitern einer Ehe aufzuzeigen, die an einem sehr hohen Ideal zerbricht. Die Antwort des Richters bestärkt ihn in seiner Meinung, dass Christoph und Anna eigentlich füreinander geschaffen gewesen wären. Dieser läßt sich davon aber nicht beirren und setzt das Fortbestehen seiner Familie nicht aufs Spiel. Und das paßt auch wieder zu seinem Charakter. Glück steht für ihn an zweiter Stelle. Pflichterfüllung und das Erhalten geschaffener Werte stehen im Vordergrund.
Ein Buch, dessen Tiefsinn sich vielleicht erst bei abermaliger Lektüre erschließt. Für mich jedenfalls Literatur vom Feinsten.
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stefanie_j_h

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Re: Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #6 am: 11. November 2008, 15:50:59 »

Dieses Buch hat einen meiner Meinung nach falschen Klappentext, was mir den Spaß an der Lektüre durch falsche Erwartungen etwas kaputt gemacht hat.

Klappentext
Es ist die Nacht vor der Scheidung, in der der angesehene Budapester Arzt Imre Greiner seinen Freund aus Jugendzeiten, den Richter Kömüves, um ein dringendes Gespräch bittet. Nur von ihm glaubt er Antwort auf eine entscheidende Frage zu erhalten. Obsession un dexistentielle Einsamkeit, emotionale Nähe und der Zerfall einer Lebensordnung - unter der Vorahnung des Zweiten Weltkriegs verbinden sich die Schicksale dreier Menschen auf tragische Weise.

Ich erwartete also ein emotionales Gespräch zwischen zwei Freunden, die ein noch unbekanntes dramatisches Geschehen besprechen wollen. Allerdings muss man sich mehr als die Hälfte des Buches durch die Lebensgeschichte des Richters wühlen, bis Imre Greiner erst einmal auftaucht. Diese Lebensgeschichte ist sicher nicht schlecht erzählt, sie hat mich allerdings an manchen Stellen leicht gelangweilt.

Als das Gespräch zwischen den beiden, für die die Bezeichnung "Freund" wohl mehr als übertrieben ist, endlich stattfindet, wurde es zwar etwas interessanter, allerdings waren mir diese Gedanken und Probleme des Arztes derart fremd und nicht nachvollziehbar, so dass ich das Buch wieder nicht uneingeschränkt genießen konnte.

Stil und Sprache haben mir hingegen sehr gut gefallen, das Buch lässt sich leicht lesen, aber trotzdem ist die Sprache schön und poetisch. Vielleicht werde ich bei Gelegenheit ein anderes Buch von Sándor Márai lesen, auch wenn mich dieses nicht vollkommen überzeugt hat.

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mohan

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Antw:Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #7 am: 09. Juli 2009, 17:29:18 »

Nun habe ich Die Nacht vor der Scheidung endlich gelesen.

Sándor Márai beschreibt und analysiert einfühlsam die Beziehungen zwischen den Figuren, die Kälte im Umgang miteinander, die bestimmt ist durch ein weites emotionales Spektrum von der Gleichgültigkeit bis zum Hass. Nicht erfolgte Aufarbeitung von Vergangenheit bestimmt die beiden männlichen Hauptfiguren. Bei Kömüves ist es der Verlust der Mutter in der frühen Kindheit, der dazu führte, den Vater allein und jenseits der Kritik ins Zentrum seiner Welt zu setzen. Greiner ist bis zum Ende seines Studiums von seinem Onkel materiell abhängig und unterwirft sich ihm infolge dessen. Er liebt seine Mutter, ist aber gezwungen, seine Gefühle zu unterdrücken. Beeindruckend ist auch hier die Subtilität, mit der der Autor die beiden beschädigten Männer das Gespräch (oder beinahe schon Nicht-Gespräch?) über eine Ehe führen lässt.

Die persönliche Geschichte ist intelligent verwoben mit der gesellschaftlichen, die den Niedergang der ungarischen Mittelschicht beschreibt, von Márai im Anriss präsentiert als Schicht, die immer nur nimmt, konsumiert, ohne etwas von Wert zu geben.

Liebe Grüße,
mohan  :winken:
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cori

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Antw:Sándor Márai - Die Nacht vor der Scheidung
« Antwort #8 am: 13. Juli 2009, 16:17:39 »

Ich kann das nicht verstehen. Ich finde das Werk von Marai war großartig!!
Die "Nacht vor der Scheidung" - ist wunderbar. Ich finde das genial. Es fesselt total und ich habe das Buch nicht ein einziges Mal weglegen können, sondern müssen. Das erlebe ich selten. Allerdings ist das sicherlich auch eine Stimmungsgeschichte... manchmal ist man nicht aufgelegt für solche Geschichten. Das kann ich schon verstehen. Eine durchaus gelungene und unterhaltende Lektüre. Ich gebe

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