Rosemarie Marschner – Das BücherzimmerMeine Meinung:Nicht alles begann 1933, aber Maries Geschichte nimmt in diesem Jahr für uns ihren Anfang. Die 14-jährige tritt eine Stelle im Haushalt einer reichen Linzer Familie an, zwar nicht besonders gern, aber sie fügt sich dem Wunsch ihrer Mutter, die sich für Marie in der Stadt ein besseres Leben erhofft. Doch Maries Leben ist karg und von Einsamkeit geprägt, nur die tägliche Stunde im Bücherzimmer, in der sie dem alten Herrn Notar aus verschiedenen Zeitungen vorliest, bereitet ihr wirklich Freude.
Wir erleben verschiedene Stationen in Maries Leben mit. Ein schweres Leben, das so gar nichts mit der Leichtigkeit zu tun hat, die Marie an anderen Menschen bemerkt, wenn sie ihren wöchentlichen freien Nachmittag in Linz verbringt und für niemanden als Dienstmädchen zu erkennen ist. Aber nicht nur von Marie wird erzählt, auch das politische Geschehen in Österreich von 1933 – 1938 kommt nicht zu kurz – Geschichtsunterricht ganz nebenbei.
Das besondere an diesem Buch ist die Neutralität des Erzählstils.
Bei vielen anderen Autoren/Innen wäre das Thema des Buches dafür prädestiniert, wieder und wieder auf die Tränendrüse der Leser zu drücken und deren Empörung über Ungerechtigkeiten zu schüren. Nicht so Rosemarie Marschner.
Rosemarie Marschner behandelt alle Menschen gleich – auch die unsympathischen Personen. Sie schildert deren Beweggründe, ohne jemals nach Entschuldigungen zu suchen. Der Leser kann sich sein eigenes Bild machen und entscheiden, ob die Vorgehensweise dieser Personen noch vertretbar ist oder nicht.
Wie das Leben der Marie Zweisam endet, erfahren wir übrigens schon auf den ersten drei Seiten. Ihr Enkel muss ihre Unterlagen durchsuchen, weil er als Erbe sie für die Behörden braucht.
