So...ich habe es seit ein paar Tagen durch...uff. Ich konnte das Buch nicht in einem Rutsch lesen. Jeder Abschnitt musste irgendwie erstmal etwas sacken.
Ich weiß gar nicht so genau, welche Zeitspanne das Buch umfasst, aber am Ende kam es mir vor als würde ich zusammen mit den Häftlingen schon ewig im Lager sitzen, die einzelnen Tage, Wochen ziehen sich hin, Datum, Wochentage, alles ist bedeutungslos, zählen tut eigentlich nur noch ob es was zu essen gibt und ob es nur dünne Suppe sein wird oder auch Brot.
Die erste wirklich heftige Gefühlsregung kommt beim ersten Bombenangriff. Neubauer, Leiter des Lagers, fährt hinunter in die Stadt, um zu schauen, ob seine Häuser noch stehen und wie es seiner Familie geht. Ich hab mir fast gewünscht, daß es seine Familie erwischt hat, daß er am eigenen Leib erfährt wie es ist jemanden verlieren und völlig verzweifelt zu sein.
Seine Frau wird erst äußerst unsymphatisch vorgestellt, der krasse Gegensatz zu den skelettartigen Häftlingen oben im Lager, dick, rosig, mit Seidenrock angetan, der Eindruck wird dann aber etwas gemildert als sie auf ihren Mann losgeht. Sie ist keine nette Person, aber immerhin hat sie noch einen klaren Blick für die Realität, der ihrem Mann völlig abhanden gekommen zu sein scheint. Neubauer weiß zwar, daß er falsch handelt bzw gehandelt hat, aber im Grunde interessiert ihn nur wie er vor dem Feind dastehen wird, wenn der Krieg verloren ist. Seine Gedanken gegen Ende sind bezeichnend:
Warum geschieht das gerade mir, einem anständigen Patrioten, einem guten Ehemann, einem sorgsamen Vater?
Ganz schlimm wird es, als ein Transport aus einem anderen Lager in Mellern halt machen muß, weil der Zug über die beschädigten Schienen nicht weiterfahren kann. Die überlebenden Häftlinge aus diesem Transport werden eine Nacht im Kleinen Lager, von Neubauer
Schonungsabteilung genannt, weil ihre Insassen mehr tot als lebendig sind und nicht mehr arbeiten können, "zwischengelagert". Am nächsten Morgen beginnen sie die Häftlinge aus Mellern, die in ihre Baracken eingeschlossen sind, anzuflehen sie reinzulassen:
"Sie bitten uns, um ihrer Mütter willen, sie hereinzulassen, um ihrer..." Avasher brach ab. Er weinte.Sie können ihnen nicht helfen, denn wenn sie sie einließen, würden sie riskieren mit auf den Transport geschickt zu werden, der am Morgen weiterfährt zum nächsten Vernichtungslager, dennoch fühlen sie sich schuldig. Einem selbst wird es eng in der Kehle.
Eine Textstelle, die ich sehr bezeichnend finde:
Nur eine einzige Partei wird im Chaos der Niederlage intakt bleiben: Der Nationalsozialismus. Ich meine nicht die Mitläufer, die schließen sich jeder Partei an - ich meine den Kern. Er wird geschlossen untergrund gehen und warten, um wieder herauszukommen.
Nicht nur manchmal habe ich den Eindruck, daß genau das geschehen ist.
Auch 509s Ausführungen, daß jedes totalitäre System unmenschlich ist, ganz gleich ob Nationalismus oder Kommunismus sind sehr gelungen.
Was mir sehr gut gefallen hat ist, daß das Buch ganz andere Aspekte behandelt als die, die ich bisher über den Krieg, die KZs oder über die Behandlung der Juden bzw der "Politischen" gelesen habe. Sicher kommen hier auch die Grausamkeiten vor, der Hunger, die Verzweiflung, die Dinge, die einem unbegreiflich scheinen, aber irgendwie ist es doch anders. Z.B. der politische Untergrund im Lager oder die Gedanken der Häftlinge, daß es eventuell auch nach dem Krieg keine Rettung gibt, die Angst, daß die Allierten sie ebenfalls für Untermenschen halten könnten. Die, ihre "Macht" mißbrauchenden Kapos und Blockältesten, die sich kaum noch von der SS unterscheiden, überhaupt die ganze Atmosphäre des Buches.
Dennoch mußte ich während des Lesens einmal lächeln:
Als sie nach der Befreiung ein Bad bekommen und dann ein Bett und Lebenthal fragt: Für wieviele? Und der Amerikaner lächelnd jeden auf ein einzelnes drückt. Ich hätt glatt losheulen können.
Und, zumindest für mich, die wichtigste Aussage des Buches:
"Man wird vor uns nicht auf die Knie fallen, wenn wir hier herauskommen", sagte er. "Man wird alles ableugnen und vergessen wollen. Uns auch. Und viele von uns werden es auch vergessen wollen."
"Ich werde es nicht vergessen", sagte Bucher finster. "Dieses nicht und alles nicht."
"Gut."
509 sagt es immer wieder: "Vergesst es nicht!"

Eines der Bücher, die man gelesen haben sollte.
@Thanquola
Ich kann nicht sagen, daß es gut war, weil diese Dinge eben wirklich geschehen sind, aber es war gut es zu lesen.