Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt von Orhan Pamuk


Verlag: Fischer
Seiten: 431
Klappentext: Orhan Pamuk ergründet die Geheimnisse seiner eigenen Familie und die seiner Heimatstadt. Er führt uns zu den verlorenen Paradiesen Istanbuls, zeigt uns die verfallenden osmanischen Villen, die Wasserstrassen des Bosporus und des Goldenen Horns, die dunklen Gassen der Altstadt. Pamuk verbindet auf eindringliche Weise Schilderungen von Menschen und Orten und setzt allen ein unvergessliches Denkmal.
Über den Autor: Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren und lebt nun schon rund 50 Jahre in seiner Heimatstadt. In seiner Jugendzeit wollte er Maler werden, studierte dann aber Architektur und Journalismus und lebte einige Jahre in New York. Pamuk entstammt einer Familie der Istanbuler Oberschicht. 2006 erhielt er für seine Romane den Literaturnobelpreis.
Vielleicht kurz, wie ich zu dem Buch gekommen bin: Ich schliesse diesen Sommer das Gymnasium ab und für die Maturitätsprüfung im Fach Deutsch müssen wir 8 Bücher lesen und während der mündlichen Prüfung darüber disskutieren. Uns ist es erlaubt ein Buch zu wählen, dass nicht von einem deutschen Autoren stammt, es muss jedoch von einem Literaturnobelpreisträger sein. Als ich dann die Listen der Nobelpreisträger durchging, fiel mir Pamuk einfach auf. Ich weiss nicht genau warum, aber ich war daran interessiert sein Buch über Istanbul zu lesen. Gedacht, getan.
Pamuks Roman "Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt" besteht aus zwei Teilen, man kann auch Ebenen sagen - nämlich aus dem Teil, in dem er über seine Familie spricht, ein sehr autobiografischer Teil und dem Teil über Istanbul, ein Panorama seiner Heimatstadt. Ich fand von Anfang an die Frage interessant, wie ein Autor seine eigene Heimatstadt erlebt. Pamuks Buch hat mich sehr dazu inspiriert mich selbst einmal besser auf meinen Heimatort zu konzentrieren und mich zu achten, was dort überhaupt passiert.
Die Handlung des Buches ist kurz zusammenzufassen: Einerseits erzählt Pamuk aus seinem Leben, begonnen in bei seiner Geburt, bis hin zu dem Moment als er mitten in seinem Architekturstudium beschliesst Schriftsteller zu werden. Andererseits portraitiert er Istanbul. Er schreibt über die grossen Dichter und Schriftsteller (Nerval, Flaubert, Gautier), die Istanbul besucht und darüber geschrieben haben, sowie über Maler (Melling), die Istanbul auf Leinwand bannten. Er beobachtet die Istanbuler, schreibt über Ausschreitungen gegen Minderheiten (Griechen, Juden), erzählt von der Geschichte Istanbuls (die glorreiche Zeit der Osmanen, der Untergang nach dem Ersten Weltkrieg...). Damit und in Verbindung mit den Beschreibungen von Vierteln, Strassen, Häusern und des Bosporus schafft er ein detailliertes Portrait dieser Stadt und schafft es ihr ein ganz eigenes Gefühl, eine ganz eigene Atmosphäre einzuhauchen, ganz so als ob man als Leser selber dort wäre.
Pamuk definiert die Atmosphäre, das Gefühl der Stadt als "hüzün", was wir vielleicht mit "Melancholie" zu übersetzten versuchen könnnen. Das Buch trifft diesen "hüzün", man glaubt ihn selber zu spüren, diese seltsame Melancholie, die einem lähmt.
Trotzdem konnte ich mich nicht ganz mit dem Buch anfreunden. Das liegt einerseits sicher daran, dass ich mich einfach nicht wirklich für den Orient oder für die Türkei beigeistern kann. Es ist jetzt nicht so, dass ich was gegen dieses Land oder diese Gegend der Welt hätte, aber ich bin einfach nicht allzu sehr daran interessiert, musste ich feststellen. Auch wiederholt sich Pamuk sehr oft. In fast jedem Kapitel über Istanbul umschreibt er den "hüzün" und irgendwann wurde es mir einfach zu viel. Auch waren es mir zu viele Kapitel über Dichter und Schriftsteller. Irgendwie blickte ich dort vielleicht auch nicht ganz durch, warum sie jetzt so oft erwähnt werden mussten. Auch bin ich der Meinung, dass Pamuk zwar gut schreiben kann, ihm aber irgendwie etwas fehlt. Oder ist genau das Absicht in diesem Buch? Irgendwo blieb es für mich doch sehr trocken, irgendwie fast theoretisch. Von den Kapiteln über sein eigenes Leben konnte mich auch eigentlich nur jenes über Religion, das über die Erste Liebe und "Die Freuden des Zeichnens" wirklich mitreissen. Oftmals hatte ich nicht wirklich Lust weiterzulesen. Ich finde, dass das Buch vielleicht etwas zu lang ist.
Dennoch ist es sicher keine Verschwendung sich mal mit dem Buch auseinanderzusetzten, denn es portraitiert Istanbul sicher auf seine ganz eigene Weise und es gibt doch sehr interessante Stellen darin. Ich wäre übrigens auch für einen Stadtplan gewesen! Ich konnte mich nicht so orientieren, weil ich die Stadt wirklich gar nicht kenne und immer an den PC rennen mochte ich auch nicht.
Alles in allem eigentlich eine nette Leseerfahrung, mir war es aber oftmals einfach zu ausschweifend, zu lang, etwas zu trocken.
