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Autor Thema: Vladimir Nabokov - Einladung zur Enthauptung  (Gelesen 922 mal)

mombour

  • Gast
Vladimir Nabokov - Einladung zur Enthauptung
« am: 17. Januar 2007, 16:20:43 »

Hallo,

hier meine zweite Rezi zum SUB-Wettbewerb 2007

Vladimir Nabokov: Einladung zur Enthauptung



 1937 floh Nabokov aus dem Nazideutschland. Das war seine zweite Flucht. Die erste Flucht, war die Flucht aus seiner Heimat, aus Russland. Von 1921 – 1937 lebte er in Berlin und schrieb seine frühen Romane auf russisch, dazu gehört auch der Roman „Einladung zur Enthauptung“ aus dem Jahre 1935, der 1938 erstmals als Buch erschien.

            Nabokov kannte also totalitäre Systeme aus eigener Anschauung. Sein Roman „Einladung zur Enthauptung“ spielt in einem totalitärem Staat. Ein Mann namens  Cincinnatus C. wird wegen Opazität zum Tode verurteilt. Unter Opazität (Undurchlässigkeit, das Gegenteil von Transparenz) verstehe ich in diesem Zusammenhang seine Verschlossenheit („Okklusion“) gegenüber seiner Umgebung und die dadurch resultierende Einsamkeit, die in einem totalitären System, welches Transparenz fordert, „wie ein dunkles Hindernis in der Welt“ auffällt. So muss Cincinnatus C. Transparenz vorgaukeln, was ihm nicht immer gelingt, er deshalb in die Zelle einer Festung eingesperrt wird und auf seine Hinrichtung warten muss. In der Zelle befindet sich ein Guckloch, durch das der Gefängniswärter in jeden Winkel seiner Zelle  gucken kann. Auch in der Zelle muss er  Transparenz vorgaukeln. Einen Ort der Ruhe gibt es für ihn nicht mehr, zumal er stets unter Spannung steht, da ihm nicht verraten wird, wann die Hinrichtung vollzogen wird.

Der Roman ist äußerst satirisch. Wer lässt sich schon gern zu seiner Enthauptung einladen? Cincinnatus C. bekommt Besuch von seinem Zellnachbar M‘sieur Pierre, der sich mit ihm anfreundet und heiter gestimmt vom „Hackfest“ spricht und sich als sein Scharfrichter entpuppt. Sie spielen Schach und der M‘sieur redet belangloses Zeug, was einem zu Tode verurteilten nicht interessiert, genauso heiter gelassen ist der Gefängnisdirektor, der Cincinnatus sein Essen vor der Nase wegisst, weil der Gefangene nicht speisen will.

Der Roman lebt von Fantasmagorie und Groteske, die Außenwelt erscheint unwirklich. Ich vertrete die Ansicht, dass seine Umwelt grundsätzlich Fantasiegebilde ist, Cicinnatus sich alles erträumt, nur sein eigenes Ich ist wahr. Wenn Cincinnatus es nicht gelang, transparent zu wirken,

„Dann nahm sich Cincinnatus zusammen, preßte sein eigenes Ich an die Brust und brachte es an einem sicheren Ort.“

So heißt es im zweiten Kapitel. Die Außenwelt ist nur Atrappe.

Als sein Schwager in der Zelle Cincinnatus zu singen beginnt „Mali é trano t‘amesti“ wirft Cincinnatus „ihm einen fürchterlichen Blick“ zu. Warum, das kann der deutsche Leser nur erfahren, wenn er die Anmerkungen zum Buch liest. An diesem Beispiel wird dem Leser bewusst, dass er einen russischen Roman liest, denn dieses „Mali é trano t‘amesti“, wenn man die Buchstaben umstellt, ergeben einen russischen Satz, der in deutscher Sprache mit „Der Tod ist süß, das ist das Geheimnis“ übersetzt wird. Darum ist dieses Lied für Cincinnatus ein böser Spott, der sichtlich Angst vor dem Tod hat. Es ist also durchaus ratsam, eine Ausgabe mit Anmerkungen zu haben (rororo).  So muss ich zugeben, obwohl ich Platons „Phaidon“ einigermaßen kenne, es geht dort um die Unsterblichkeit der Seele und um Sokrates‘ Tod, nicht die Zusammenhänge zwischen Platons Werk und Nabokovs Werk erkannt habe. Ich bin einfach nicht darauf gekommen. Das kann man natürlich nicht dem Autor anlasten, sondern mir. Nabokov spielt gerne mit Sprache und Symbolik, wie er auch gerne Schachaufgaben konstruiert und Schmetterlinge fängt.

Mir hat der Roman sehr gefallen. Einerseits wird bewusst gemacht, wie unfrei Menschen in totalitären Staaten leben. Das Guckloch durch die Zellwand ist ähnlich dem „Großen Bruder“ aus Orwells „1984“. Natürlich kann die Deutung auch dahin gehen, das wahre Selbst ist in uns und gehört uns selbst. Wenn von außen Maseraden aufgestülpt werden, ist man sich seines eigenen Selbstes nicht mehr bewusst und wird zum Spielball anderer.

Nabokov spricht in dem Roman selbst von "Parodie". Große Lacher sind garantiert, Komik und Ernst halten sich aber die Waage. Nabokov erzählt sehr farbig, und auch dieser Roman ist eine Fundgrube sehr schöner Sätze. Leser, die gerne Fantastisches und Groteskes lesen, haben sicher ihre Freude daran, andere, die so etwas nicht mögen, erhaschen vielleicht lieber einen anderen Nabokovroman, aber alle sind eingeladen zum Lesen.

 4ratten
Liebe Grüße
mombour
« Letzte Änderung: 15. September 2007, 14:14:22 von fairy »
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stefanie_j_h

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Antw:Vladimir Nabokov - Einladung zur Enthauptung
« Antwort #1 am: 19. Januar 2010, 23:01:05 »

Der erste Satz: Wie das Gesetz es vorschrieb, wurde Cincinnatus C. das Todesurteil im Flüsterton mitgeteilt.

Schon dieser erste Satz sagt viel über diesen Roman aus. Er gibt einen Vorgeschmack auf die Handlung und deutet an, in was für einer absurden, verrückten Welt Cincinnatus lebt, in der es Gesetze gibt, die vorschreiben, dass ein Todesurteil dem Verurteilten im Flüsterton mitgeteilt werden muss.

Cincinnatus C. wurde verurteilt wegen Opazität, er ist zu undurchsichtig und eigensinnig für die Welt in der er lebt. Von dem fiktiven totalitären Staat, in dem der Roman spielt, erfährt man als Leser recht wenig, die Welt außerhalb der Gefängnismauern spielt keine große Rolle, zumal sich auch die Frage stellt, ob diese Welt überhaupt real ist.

Handlung gibt es nur sehr wenig, Cincinnatus sitzt als einziger Gefangener in einer riesigen Festung und wartet auf seine Hinrichtung, doch der Zeitpunkt wird ihm nicht verraten. Sporadisch hat er Besuch vom Gefängnisdirektor, seinem Anwalt, dem Wärter Rodion, später kommt noch sein Zellennachbar M'sieur Pierre dazu. Trotz der wenigen Handlung wird das Buch nie langweilig und ist interessant zu lesen (vor allem Cincinnatus' Gedanken).

Absurd ist noch gar kein Ausdruck für das, was man hier zu lesen kriegt. Eine wunderliche Szene jagt die nächste und manchmal weiß man als Leser gar nicht mehr, was man überhaupt noch glauben soll. Mir fiel es teilweise schwer, die seltsamen und skurrilen Gedankengängen nachzuvollziehen und oft driftet die Handlung so sehr ins Absurde ab, dass ich nicht mehr folgen konnte.

Allgemein hat mir das Buch aber gut gefallen: 4ratten
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