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Autor Thema: Javier Marías - Mein Herz so weiß  (Gelesen 520 mal)

Myriel

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Javier Marías - Mein Herz so weiß
« am: 16. Juli 2009, 11:03:43 »

Javier Marías - Mein Herz so weiß (Spiegel Edition)

Eine ganz normale Szene: die Familie sitzt gemeinsam mit einigen Bekannten am Mittagstisch und lässt es sich schmecken. Als die älteste Tochter sich erhebt und ins Badezimmer geht, denkt sich noch niemand etwas dabei – bis der Schuss ertönt. Die herbeieilenden Familienangehörigen finden nur noch die Leiche der Tochter, die sich mit einem Schuss ins Herz das Leben nahm. Worauf jedoch keiner eine Antwort weiß, ist warum sie es getan hat.

Beinah vier Jahrzehnte später: der Witwer der Tochter hat erneut geheiratet (und zwar die zweite Tochter der Familie) und der Sohn, der aus dieser Verbindung hervorging, befindet sich selbst gerade auf der Hochzeitsreise. Dieser Ich-Erzähler macht sich Gedanken darüber, welche Auswirkung die „Änderung des Personenstands“, wie er es nennt, auf sein zukünftiges Leben haben wird, da sich nun zwei Individuen zu einem gemeinsamen Leben entschlossen haben.

Im Zuge seiner teilweise sehr philosophischen Überlegungen erinnert er sich auch daran, dass die erste Frau seines Vaters, seine Tante, sich kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Leben nahm. In den folgenden Kapiteln schildert er abwechselnd die Erinnerungen an seine Frau, wie sie sich kennen lernten und an ihre gemeinsame Arbeit als Übersetzer und Dolmetscher, während er zwischendurch immer wieder in die Gegenwart zurückkehrt und dort stückweise von verschiedenen Personen Informationen über den Tod seiner Tante erhält. Es kommt heraus, dass sein Vater ihm mehr verschwiegen hat, als er bisher annahm, denn offenbar war er vor der Hochzeit mit seiner Tante bereits einmal verheiratet gewesen. Die Frau des Ich-Erzählers fühlt sich vom Familiengeheimnis ihres Mannes angezogen und drängt ihn, mehr über die Vergangenheit herauszufinden. Schließlich wagt sie selbst den entscheidenden Schritt und fragt direkt ihren Schwiegervater, was damals wirklich geschah.

Wie deutlich geworden sein dürfte, beinhaltet dieser Roman keine aufregende Handlung, sondern auf eine subtilere Art wird hier Spannung geschaffen. Der Einstieg über den Selbstmord der jungen Frau lies mich ratlos zurück und ich fragte mich, warum sie so etwas tat, was sie dazu getrieben hat. Der anschließende Zeitsprung hat mich noch mehr verwirrt, da ich nicht wusste, in welcher Beziehung der nun auftretende Ich-Erzähler zu der Selbstmörderin steht. Durch die folgenden Kapitel wurden jedoch nach und nach Puzzlestücke aufgedeckt, die mir halfen, langsam ein Bild des großen Ganzen zu erhalten.

Marías nutzt entsprechend der ruhigen Erzählart eine unaufgeregte, beinah philosophische Sprache und spielt viel mit Gegensätzen und Aufzählungen, wobei ein Satz auch gern einmal eine halbe Seite umfasst. Dadurch muss man sich auf Lesen konzentrieren und sich wirklich auf das Buch einlassen, wobei man mit einigen wirklich schönen und nachdenklichen Passagen belohnt wird. Zum Ende hin, als der Vater des Ich-Erzählers seine „Beichte“ ablegt und seine Schwiegertochter (und unwissentlich den im Nebenraum verweilenden Sohn) darüber aufklärt, warum sich seine zweite Frau das Leben nahm, springt Marías auf zwei verschiedenen Ebenen hin und her. Einerseits hört der Ich-Erzähler seinem Vater zu, aber gleichzeitig verarbeitet er auch das Gehörte und kommt dabei auf verschiedene Gedanken zurück, die er bereits in anderen Kapiteln vor dem Leser ausgebreitet hat. Dieses zweigleisige Erzählen unter Rückgriff auf den exakten Wortlaut früherer Abschnitte hat die Wirkung, die die Antwort auf die Eingangsfrage „Warum?“ auf den Sohn hat, intensiviert und sich auf mich als Leser übertragen. Im Ergebnis blieb ich ebenso ratlos und verwirrt zurück wie der Ich-Erzähler Juan, dessen Namen man erst sehr spät erfährt.

Eine Bewertung fällt mir hier schwer, da ich noch nichts Vergleichbares gelesen habe. Auf jeden Fall war es eine Bereichung meines bisherigen Leserlebens, die mir bauchgefühlte 4ratten wert ist.

Valentine

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Antw:Javier Marías - Mein Herz so weiß
« Antwort #1 am: 16. Juli 2009, 11:05:02 »

Es ist schon ziemlich lange her, dass ich dieses Buch gelesen habe, aber ich fand es auch großartig. Man muss sich ganz bewusst darauf einlassen, dass die Sätze ellenlang und verschachtelt sind und es häufig Wiederholungen gibt. Das ist bestimmt nicht jedermanns Sache, mir hat es aber sehr gut gefallen.
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kat

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Antw:Javier Marías - Mein Herz so weiß
« Antwort #2 am: 16. Juli 2009, 11:18:51 »

Danke für die Rezi, Myriel! Mich wundert es, dass es die erste Rezi zu Mein Herz so weiß ist.  Ich finde auch, dass es ein wunderbares Buch ist, von mMn einem der besten zeitgenössischem Schriftsteller. Ich muss es demnächst unbedingt wieder einmal lesen.

Ich würde es allerdings bei der Weltliteratur einordnen, wegen spanischer Schriftsteller, ins Deutsche übersetzt (und ich vermute im Kindler ist er auch erwähnt).

Lg, kat
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Valentine

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Antw:Javier Marías - Mein Herz so weiß
« Antwort #3 am: 16. Juli 2009, 11:49:03 »

Ich hab' den Thread umgetopft, weil ich gerade denselben Gedanken hatte wie kat.
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Myriel

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Antw:Javier Marías - Mein Herz so weiß
« Antwort #4 am: 17. Juli 2009, 11:32:11 »

Danke fürs Umtopfen, Valentine.
Ich war mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, aber da bei der Sonstigen Belletristik schon der Thread zu Alle Seelen war, hab ichs dort mit eingepflanzt.  :breitgrins:

Aurian

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Antw:Javier Marías - Mein Herz so weiß
« Antwort #5 am: 17. Juli 2009, 13:04:01 »

Dieses Buch ist eines der ganz wenigen Bücher, die ich abgebrochen habe. Bis zur Hockzeitsreise und den Gedankengängen des Bräutigams auf dem Hotelzimmer (hoffentlich erinnere ich mich richtig  :redface:) habe ich durchgehalten und dann das Buch ratlos und enttäuscht zur Seite gelegt. Da es so hoch gelobt wurde, hinterließ es bei mir das Gefühl, dass mir für hochwertige Literatur scheinbar die Geduld fehlt.

Da es schon gut 10 Jahre her ist, dass ich das Buch abgebrochen habe, wäre es interessant, ob ich heute mehr damit anfangen könnte.

LG, Aurian
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Kirsten

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Antw:Javier Marías - Mein Herz so weiß
« Antwort #6 am: 12. Oktober 2009, 07:18:46 »

Hallo!

Ich habe Mein Herz so weiß vor zehn Jahren schon einmal gelsen und hatte es als nicht einfaches, aber durchaus lohnenswertes Buch in Erinnerung. Beim zweiten Lesen hat sich der Eindruck leider nicht bestätigt. Ich konnte diesmal mit den ellenlangen Sätzen, die auch viel zu weit abschweiften nichts anfangen und habe mich darin oft regelrecht verloren. Mehr als einmal dachte ich mir "komm jetzt endlich zum Thema!". Dazu kam noch, dass mir der Erzähler richtiggehend unsympatisch war. Ausser für sich selbst konnte er keine echten Gefühle empfinden und alles was um ihn herum passierte bezog er nur darauf, wie es ihn in seinen Plänen störte. Über seinen Vater schien er mehr nachzudenken als über seine Frau. Der Vater war mir sogar noch unsympatischer als der Sohn und ich fand, man konnte an dem Alten sehr gut erkennen wohin sich der Junge einmal entwickeln würde. Es ist eines der wenigen Bücher, bei denen ich mich beim Lesen regelrecht geärgert habe und ich habe es letztendlich nur zuende gelesen weil ich wissen wollte, warum sich die junge Frau erschossen hatte.

1ratten

Liebe Grüße
Kirsten
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