Hi!
Durch diesen Thread auf das Buch aufmerksam geworden, habe ich es auch gelesen und teile die Eindrücke von nikki und mombour. Meine Rezension:
Inhalt:
1915, der Erste Weltkrieg tobt in Europa. Auch das osmanische Reich ist Kriegspartei, die Regierung fürchtet sich ebenso vor inneren wie vor äusseren Feinden. Deshalb beschliessen die herrschenden Türken, die von ihnen ungeliebten christlichen Armenier zu Volksfeinden zu erklären und sie zu deportieren. Hunderttausende werden unter strenger Bewachung in die mesopotamische Wüste geführt, wo sie Hunger, Durst und einem elenden Tod überlassen werden. Ihr Hab und Gut müssen die wohlhabenden Armenier zurücklassen.
Obwohl die Deportationen so ruhig und geheim wie möglich durchgeführt werden, bekommen die Armenier Wind von der Sache und sieben Dörfer, die auf dem Gebiet des heutigen Syrien liegen, beschliessen, sich zur Wehr zu setzen. Unter der Leitung des kriegserfahrenen Gabriel Bagradian und des Priesters Ter Haigasun machen sich fast 5000 Männer, Frauen und Kinder daran, sich auf ihrem Hausberg, dem Musa Dagh, zu verschanzen. Sie schaffen ihr ganzes Vieh auf den Berg, bauen Verteidungsanlagen, organisieren sich Schusswaffen und bauen eine Laubhüttenstadt.
Als die Türken merken, dass sich diese Armenier der Deportation auf diese Weise entziehen wollen, greifen sie den Berg an – und erleben eine böse Überraschung. Aber auch das Volk auf dem Berg macht eine schwere Zeit durch: Von den Türken belagert und vom Hunger bedroht weiss es, dass diese Geschichte nur mit dem Tod enden kann. Die Bevölkerung schwankt hin und her zwischen Hoffnung auf Rettung und der Gewissheit, dass diese Rettung doch nicht kommen wird.
Meine Meinung:
Zuerst ein Wort zu der von mir gelesenen Ausgabe: Eine Karte wäre wirklich nicht schlecht gewesen, zumal Franz Werfel viele Ortsnamen nennt, die in einem herkömmlichen Atlas nicht verzeichnet sind. Ich kann also nur raten, wo denn der Musa Dagh genau liegt. Und auch eine kleine Karte dieses Berges selbst wäre hilfreich gewesen, da die Verteidungsanlagen der Armenier minutiös beschrieben werden und es schwierig ist, sich das alles «aus dem Kopf» vorzustellen.
Jetzt aber zum Buch: Es umfasst fast 1000 Seiten und ich habe rund 200 Seiten gebraucht, um mich an die genaue und manchmal behäbige Erzählweise Franz Werfels zu gewöhnen. Es ist eines der Bücher, für die man Zeit und Ruhe braucht, um sie geniessen zu können. «Die vierzig Tage des Musa Dagh» ist themenbedingt eher schwere Kost und manchmal recht depremierend. Werfel verzichtet zwar weitgehend auf detaillierte Beschreibungen armenischen Elends, versteht es aber, die Not und Verzweiflung dieses Volkes so zu schildern, dass man sich fragt, wieso sich eine solche Katastrophe ereignen konnte. Dabei klagt Werfel die Türken nicht generell an, sondern beschreibt lediglich, was geschehen ist. Er beschreibt den Militärbefehlshaber Enver Pascha zwar als gnadenlosen Kriegsgott, der über den Genozid mit einem Schulterzucken hinweggeht, zeigt aber auch türkische Offziere und Bauern, die den Armeniern – so weit es geht – helfen.
Der Hauptteil des Buches spielt aber auf dem Musa Dagh, wo sich sieben Dorfgemeinschaften zu einer zusammenraufen müssen – und das in der Ausnahmesituation des Krieges und der Belagerung. Die Gemeinschaft ist straff durchorganisiert, mit Soldaten, Polizisten, einem Aufsichtsrat und einem «Präsidenten», der zugleich Richter ist. Es entsteht eine Art sozialistischer Statt im Mini-Format, in dem allen alles gehört, da ja etwa keine neuen Nahrungsmittel beschafft werden können und das Ziel ist, so viele Menschen wie möglich so lange wie möglich gesund und am Leben zu halten. Während der vierzig Tage, die das Volk auf dem Musa Dagh ausharrt, erlebt man als Leser alles, was ein einem Land vorfallen kann, im Schnelldurchlauf: Staatsgründung, Krieg, Aufstand, innere Unruhen, Versöhnung, das Zerbrechen der Gemeinschaft in ihre Einzelteile, Chaos und die Auflösung des «Staates». Es wird anschaulich gezeigt, wie labil eine (Art) Demokratie in Krisenzeiten sein kann und dass manchmal aus relativ nichtigen Gründen, wie beispielsweise verletztem Stolz, das Chaos ausbricht.
Eine weitere Stärke des Buches ist es, dass Werfel dem Leser immer wieder in die Seele der handelnden Personen blicken lässt. Einerseits zeigt das schön, wie unterschiedlich Menschen auf Katastrophen reagieren und andrerseits macht es Handlungen nachvollziehbar und lässt die Charaktere sehr realitätsnah wirken. Ich kam ausserdem mit der Flut an armenischen Namen besser zurecht, als ich jedem Namen eine Funktion und/oder bestimmte Eigenschaften zuordnen konnte.
Richtige Schwächen hat das Buch meiner Meinung nicht. Anderen mag es vielleicht zu lang sein, zu viele Beschreibungen enthalten oder auch einfach zu «gemächlich» erzählt sein. Ich brauchte, wie erwähnt, auch meine Zeit, bis ich damit zurecht kam, bin aber jetzt froh, dass ich dieses wunderbare Buch mit seiner schrecklichen Geschichte doch gelesen habe. Es ist gleichzeitig eine Geschichtslektion und eine Studie darüber, was passiert, wenn sich ein Volk in höchster Not zusammenraufen und neu organisieren muss.
Zum Schluss noch ein Wort zur historischen Genauigkeit: So weit es im Klappentext und auf verschiedenen Websites im Netz steht, hat sich Franz Werfel um sehr grosse Authentizität bemüht und die Belagerung des Musa Dagh hat sich im Wesentlichen so abgespielt, wie im Buch beschrieben. Der armenische «Feldherr» Gabriel Bagrandian ist allerdings eine fiktive Figur, ebenso der Priester Ter Haigasun. An ihrer Stelle standen jedoch tapfere Männer, die für sich und ihr Volk gekämpft haben und die man nicht vergessen sollte. Deshalb sollte auch dieses Buch nicht vergessen werden und hoffentlich noch viele interessierte Leser finden.