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Autor Thema: Dorit Rabinyan – Unsere Hochzeiten  (Gelesen 477 mal)

Saltanah

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Dorit Rabinyan – Unsere Hochzeiten
« am: 09. Januar 2007, 21:16:38 »

Ich habe das Buch in der schwedischen Übersetzung unter dem Titel "Våra bröllop" gelesen.



Erzählt wird die Geschichte der Familie Azizyan. Irani und Soli, Juden aus Persien, sind als junge Leute mit ihren Eltern nach Israel ausgewandert, wo sie sich kennen und lieben gelernt haben. Sie haben insgesamt 5 Kinder: Maurice, der älteste Sohn, ist der Mutter immer am liebsten gewesen, macht ihr aber Sorgen, da er mit 25 noch keine passende Frau gefunden hat. Die 3 sehr dicht hintereinander geborenen Töchter Sophia, Marcelle und Lizzie, hingegen sind alle schon verheiratet, allerdings führt keine von ihnen eine glückliche Ehe. Sophia, die sich von der Mutter immer ungeliebt fühlte, ist unfähig, wahre Gefühle zu empfinden, heiratete einen Gold- und Tränengashändler, der oft lange Geschäftsreisen nach Afrika unternimmt, und sie mit ihrem lungenkranken Sohn allein lässt. Marcelle verliebte sich mit 13 Jahren unsterblich in einen Schulkameraden, der sie jedoch erst Jahre später wahrnahm und sich in sie verliebte. Am Tag nach der Hochzeit muss Marcelle entsetzt entdecken, dass ihre Liebe nichts weiter als eine Verblendung war, in die sie sich als Teenager hineingesteigert hatte, und lässt sich sofort wieder scheiden, sehr zum Entsetzen der Mutter, die als "klassische Hausfrau und Mutter" ihr Lebensziel darin sieht, ihre Kinder gut zu verheiraten. Lizzie wiederum heiratet, scheinschwanger, wahllos einen ihrer vielen Liebhaber, wird von ihrem Mann immer wieder zusammengeschlagen und hält sich daher oft in ihrem Elternhaus auf.
So unglücklich sich das Leben der 4 ältesten Kinder auch gestaltet, ist das wahre Sorgenkind doch das Nesthäkchen Mati, an derem 11. Geburtstag die eigentliche Handlung spielt, und von dem aus die Familiengeschichte in Rückblicken erzählt wird. Matis Zwillingsbruder Muni wurde tot geboren, wird aber zu ihrem "unsichtbaren Freund", dem sie sich am nächsten verbunden fühlt. Mati ist ein hyperaktives Kind, das keine Grenzen kennt, und schließlich für ihre Familie nicht mehr ertragbar ist. Sie wird in ein Heim für psychisch kranke Kinder gegeben, wo sie sich unter dem Einfluss von Psychopharmaka so weit beruhigt, dass sie ihren Geburtstag zu Hause feiern darf.

Dies erzählt Rabinyan in einer Sprache voller Bilder, die manchmal in ihrer Darstellungskraft atemberaubend sind, ebenso oft allerdings haarscharf daneben treffen. Dies kann (muss aber nicht) an der schwedischen Übersetzung liegen, bei der ich manches Mal den Eindruck hatte, dass sie sich zu nah an das Original hält und Ausdrücke, die auf hebräisch gut wirken, wörtlich übersetzt, was dann auf schwedisch leider nicht funktioniert.

Nicht auf die Übersetzung schieben lässt sich aber das Problem, dass sich mir mit der Erzählperspektive bot. Das erste Kapitel irritierte mich durch einen ständigen Wechsel der Perspektive. Im Sekundentakt wurde zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern herumgehüpft, ohne die einzelnen Sichtweisen zu vertiefen und auch ohne geschickte Übergänge.
Das 2. Kapitel wird ebenso wie das 4. in der "Wir"-Form erzählt. Eine ungewöhnliche Form, die aber, geschickt durchgeführt, gut funktionieren könnte. Hier produzierte sie bei mir aber nur Fragezeichen. Wer erzählt eigentlich? Nicht die Eltern, so viel ist klar. Also eines der Kinder, das, die Geschwisterschar als kollektives "Wir" sehend, die gemeinsam erlebte oder von den Eltern durch Erzählung erfahrene Geschichte berichtet. Nur  welches der Kinder? Keines, ist die Antwort, denn von allen Kindern wird gleichermaßen als "sie" bzw. "er" erzählt. Aha, dachte ich mir, in meinen Überlegungen so weit gekommen, dann erzählen die Kinder also reihum, berichten jeweils von den anderen Geschwistern? Leider auch nein, denn dazu ist der Erzählstil zu einheitlich und es wird zu schnell von allen Geschwistern erzählt, ohne dass eine Pause und ein damit verbundener Erzählerwechsel verspürbar waren. So hinterließ schon die Art des Erzählens bei mir ein ungutes Gefühl. Es passte einfach nicht. Richtig deutlich wurde mir dies, als die "Wir"-Form im 4. Kapitel zeitweise dem Erzählen in der 3. Person wich und die Geschichte auf einmal deutlich stimmiger wurde.

Schade, dass das Buch an unzureichender Beherrschung der Erzähltechnik leidet, denn in den gelungenen Szenen, die es auch gibt, erinnerte es mich in seiner Atmosphäre an das wundervolle Buch "Judiths Liebe" von Meir Shalev. Wie dort wird ein leicht märchenhafter Ton  angeschlagen, die Realität manchmal überwunden, aber nur um die Schilderung noch wahrer werden zu lassen.
Thema sind das Erwachsenwerden und die Beziehungen innerhalb einer Familie. Es wird beschrieben, wie sehr die Familienzugehörigkeit die eigene Persönlichkeit beeinflusst, aber auch, wie sehr die das Wohlergehen der Familie von dem Glück oder Unglück einzelner Mitglieder abhängt. Familie als Enge, als freiheitseinschränkend (wobei niemand in diesem Buch dagegen aufbegehrt), aber auch und vor allem als Sicherheit.
Es ist schon bemerkenswert, wie wenig mich das konservative Geschlechtsrollenverhalten gestört hat. Das höchste Ziel einer Frau ist es, zu heiraten und ihrem Mann dann Kinder zu schenken, für die sie sich ihr Leben lang aufopfern wird? So etwas bringt mich normalerweise zum Kochen, aber hier konnte ich es relativ gelassen als Schilderung der Geisteshaltung der Protagonistinnen hinnehmen. Es werden eben keine allgemeingültigen Wahrheiten aufgestellt, sondern von diesen Frauen und ihrer Wirklichkeit (die mit meiner nur wenig übereinstimmt) erzählt.

Insgesamt also ein Buch mit Potential aber alles andere als perfekt.
3ratten
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