Hallo Leute,
ich bin mal so frech und schneide hier wieder ein altes Thema an. Ich bin ja auch ein fieser Krabbelkäfer und nehme mir das Recht hierzu. Außerdem wollte ich meinem hochgegriffenem Namen ein wenig Buße tun

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@Bluebell Das war bisher die beste Rezension.
Ich finde an Kafkas
Der Verschollene, was nebenbei bemerkt wirklich der korrektere Titel ist, eigentlich besonders die anfängliche Bootsfahrt spannend. Ihr kennt sicher
B. Travens Das Totenschiff. Beide Werke sind in unmittelbarer zeitlicher Nähe entstanden, aber was wirklich interessant ist, sie haben beide viele Gemeinsamkeiten: Karl Roßmann ist in einem Zwischendeck einquartiert, so heißt es. Der Heizer ist ihm zu einfach, die Marineoffiziere zu abgehoben. Sein eigener Onkel vermag nicht seinen Neffen zu erkennen. Erst als er den Nachnamen hört zieht er überhaupt eine Verwandtschaft in betracht Ich behaupte, mit Verlaub, dass Kafka ähnlich und kunstvoller als B. Traven hier ein kleines Gesellschaftsbild entwirft. Kafka ist kein Marxist, das will ich nicht sagen (und ich bin es auch eher nicht, übe aber Idelogiekritik!). Travens Erzähler hingegen spricht in seinem Werk aber ganz eindeutig vom
Proletarier und während die
Arbeiter unten im Bug schuften, genießt der Führungsstab auf Deck die Seeluft. Karl Roßmann jedenfalls lässt das Boot hinter sich und es wird wirklich schön beschrieben, was für eine Wirkung die Freiheitsstatue auf ihn hat.
Als er bereits von seinem Onkel verstoßen wurde, trifft er seine utilitaristischen Weggefährten Delamarche und Robinson. Sie äußern sich geradezu verachtend gegen die widrigen Arbeitsumstände auf dem Kreuzfahrtschiff Karls Onkels. Wer würde eine
Klassengesellschaft, wie sie das Schiff aufweist mehr verabscheuen, als die beiden Amerikaner und Kapitalisten Delamarche und Robinson? Sie durchwühlen Karls Sachen und essen seine Salami.
Auch im Hotel Occidental wird Karl regelrecht geknechtet und arbeitet hart für sein Auskommen. Auf meiner Diogenes- Ausgabe, die ich eigentlich sehr schätze, steht: "[Karl], dem es dort nicht gelingt, sich in der entpersonalisierten, von Maschinen und Industrie geprägten Neuen Welt zurechtzufinden." Nach Karls Rauswurf aus dem Hotel, verschlägt es ihn in eine kleine Vorstadt. Als ein Polizist ihn nach seinen Papieren fragt, flieht er und wird von Delamarche in Sicherheit gebracht. Es heißt in diesem Kontext, dass man die Behörden in dieser Umgebung nicht mit den Behörden kooperiere. Die Frage nach den Papieren taucht auch wieder bei Karls Bewerbung für eine Theaterrolle auf. Bei B. Traven ist diese Frage wegweisend, denn bei ihm ist der Protagonist sogar staatenlos.
Ob Kafkas Erzählung absurd ist? Ja, aber nur so absurd, wie die Welt in der sie spielt. Eine Dystopie ist sie allemal.
Ich hoffe Euch eine Herangehensweise an Kafkas Werk nähergebracht zu haben. Gerade Kafka ist keine Einbahnstraße in Sachen Verständnis! Vielleicht ist ja eine ausgefuchste Feministin unter uns, die mir erklären kann, warum Klara Karl körperlich überlegen ist und sich die Namen so ähneln! Karls Name scheint einleuchtend, nach meiner Auslegung *räusper*, wenn auch fast zu einfach.
Liebe Grüße,
K.K.
P.S.: Die erste Rezension war die Schlechteste. Mit dem Verriss eines Buches ist noch nichts gewonnen

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