Hallo,
die Besprechung von Alfa_Romea fordert mich gerade zu heraus, meine eigene Meinung zu diesem Buch kundzutun. Ich habe es im September 2006, also erst kürzlich, gelesen.
Zunächst mal lässt sich dieses Buch recht einfach lesen und ist somit auch für Kafka-Einsteiger geeignet. Man darf jedoch bei Kafka (ebenso wie bei Thomas Bernhard) keine herkömmliche Geschichte mit einer stringenten, logischen Handlung erwarten. Kafka hat einen eigenen Stil entwickelt, der auch als
kafkaesk bezeichnet wird. Was charakterisiert diesen Stil? Zunächst scheint es eine gewöhnliche Alltagsgeschichte zu sein, die vor sich hin plätschert. Doch plötzlich werden Sätze eingeschoben, die die Situation ins Absurde abschieben. Man fragt sich: Was ist denn nun passiert? Das erzeugt eine Spannung oder ich sage mal besser eine gewisse Faszination beim Lesen. Ich habe gerade dieses Buch stellenweise nicht aus der Hand legen wollen.
Ob es sich um die Verwandlung in ein Ungeziefer handelt (in der wohl vielen Lesern bekannten gleichnamigen Erzählung) oder wie hier in Amerika um die verrückten Begebenheiten, die Karl Rossmann passieren, jedes Mal bleibt man verstört und fasziniert nach der Lektüre zurück. Besonders spannend fand ich zum Beispiel die Szene als Karl in einem Herrenhaus (oder ist es gar ein Schloss?) im Dunkeln herumirrt und nicht mehr den Ausgang findet. Wie er durch seinen Onkel verstoßen wird, ist auch sehr eindringlich geschildert und so absurd, dass man dies fast lächerlich finden kann. Ích finde es jedoch genial.
Gerade in diesem Werk hat Kafka eine schöne Portion Humor eingebaut, man darf nicht alles so todernst nehmen und kann häufiger schmunzeln (Lachen wäre aber übertrieben). Man kann sich allein an diesem Stil erfreuen, aber auch inhaltlich werden in diesem Roman interessante Fragen angesprochen:
- Wovon hängen Aufstieg und Abstieg in einer Gesellschaft ab? Welche Zufälle spielen dabei eine Rolle?
- Was will ich im Leben erreichen? Wem kann ich vertrauen?
- Leben wir nicht alle nur in einem Theater, in dem jeder seine Rolle spielt?
Gerade diese letzte Frage wird im Schlusskapitel auf exemplarische Weise bearbeitet. Dass der Roman unvollendet ist, stört nicht weiter.
Kafka-Lektüre ist vergleichbar mit einem modernen Kunstwerk aus der Malerei. Auch dies ist nicht sofort in allen Bestandteilen zugänglich und viele (einschließlich meiner Person) stehen oft ratlos davor. Aber dann spürt man in diesen Werken eine besondere Kraft. Und genauso wie die Bilder des 18. und 19. Jh. aus heutiger Sicht zu "brav" erscheinen, so muss Kafka eine "ganz normale" Geschichte einfach zu banal erschienen sein. Aber wie beschreibt man die moderne Zeit? Kafka zeigt es hier - und darauf muss man sich einlassen, genauso wie auf moderne Kunst.
Fazit:

.
Schöne Grüße,
Thomas