Vor vier Jahren wurde die Stadt von einer unerklärlichen Epidemie heimgesucht, die alle Bewohner der Stadt blind werden liess.
Doch kaum hat man in sein altes Leben zurück gefunden, sucht eine neue Seuche die Stadt heim: Das Weisswählen.
An den lokalen Wahlen werden über 80% der Stimmen leer abgegeben. Auch ein zweiter Durchgang fällt kaum anders aus. Die Politiker sind entsetz, der Ausnahmezustand wird ausgerufen. Die Stadt im angeblichen Chaos zurückgelassen.
Aber anstatt im Chaos zu versinken, leben die Städter ihr Leben einfach weiter. Ausnahmezustand hin oder her.
Als der Präsident eines Tages einen Brief erhält, der aussagt, dass es eine Frau gibt, die vor vier Jahren seltsamerweise nicht erblindet ist und die dazu noch einen Mord begangen hat. Für die Regierung ist schnell klar, dass diese Frau für das Geschehen in der Stadt verantwortlich gemacht werden kann. Nur der ermittlenden Komissar zweifelt...
Es ist nicht einfach, José Saramagos Buch "Die Stadt der Sehenden" zusammenzufassen, da ein eigentlicher Handlungsstrang erst gegen Ende des Buches auftaucht. Zuvor wird das Handeln, das Denken und die Verzweiflung der Politiker und des Volkes behandelt und die Geschehnisse ändern sich immer wieder. Sie erscheinen wie einzelne Geschichten in der Geschichte.
Dieses Buch stellt eine interessante "Was-wäre-wenn"-Frage. Denn ist es nicht unser gutes Recht, weiss zu wählen? Doch was würde geschehen, wenn dies plötzlich die Mehrheit des Volkes tun würde? Wie würden wir reagieren? Was würden wir tun?
Wie wir das von Saramago kennen, ist das Buch aufgrund der speziellen Sprache nicht für Zwischendurch geeignet. Das politische Thema und die langen Gespräche zwischen den verschiedenen Politikern fordern den Leser zusätzlich.
Dennoch sollten Fans von Saramago auch "Stadt der Sehenden" nicht verschmähen. Wer den ersten Roman "Stadt der Blinden" mochte, kann sich auf ein Wiedersehen mit einigen Personen aus dem vorhergehenden Buch freuen. Wer dieses nicht gelesen hat, wird jedoch keine Probleme damit haben, den Ereignissen zu folgen, da das Geschehen des ersten Buches erst am Ende von "Die Stadt der Sehenden" aufgegriffen wird und die Geschichte nochmal repetiert wird.
Ungeübten Lesern wird jedoch von der Lektüre abgeraten, da der Schreibstil des Autors sehr anstrengend und deshalb nicht für jedermann geeignet ist.
Ich persönlich hatte etwas Mühe mit dem Buch. Das liegt nicht daran, dass es etwa schlecht wäre, ganz im Gegenteil, es ist ein sehr intelligentes und spannendes Stück Literatur. Aber mir schien die feine Poetik aus "Die Zeit ohne Tod" zu fehlen. Doch zeigt dies nur die unterschiedlichen Fähigkeiten dieses aussergewöhnichen Autors auf.

