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Autor Thema: Margaret Atwood - Die Penelopiade  (Gelesen 816 mal)

Saltanah

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Margaret Atwood - Die Penelopiade
« am: 31. Dezember 2006, 01:15:11 »

Ich habe das englische Original mit dem Titel The Penelopiad gelesen.

 

„Ich habe mich entschieden, Penelope und ihre zwölf gehängten Mägde die Geschichte erzählen zu lassen. Die Mägde bilden einen Chor, der sich zwei Fragen widmet, die sich nach einer genauen Lektüre der Odyssee zwangsläufig auftun: Wie kam es zur Erhängung der Mägde und was führte Penelope im Schilde? Die Geschichte, wie sie in der Odyssee erzählt wird, ist nicht wasserdicht– sie birgt zu viele Widersprüche. Schon immer hat mich die Sache mit den gehängten Mägden verfolgt, und nicht anders ergeht es Penelope in Die Penelopiade.“
Margaret Atwood


Wie Margaret Atwood im Vorwort schreibt, hat sie sich zum Thema ihres Buches Penelopes Geschichte aus der Odyssee gewählt.
Penelope wird als sehr junge Frau an Odysseus, dem "Listenreichen", verheiratet, der sie nach nur kurzer Zeit verlässt, um die nach Troja "entführte" Helena zu befreien. Leider bleibt er länger weg als geplant, denn erstens dauert die Belagerung der gut befestigten Stadt 10 Jahre und zweitens braucht Odysseus weitere 10 Jahre für die Rückreise. Als so nach und nach weitere Teilnehmer der Belagerung wieder zu Hause eintrudeln, von Odysseus aber keine Spur zu sehen ist, sammelt sich eine Schar "Gäste" in Penelopes Haus, die sie dazu bringen wollen, einen aus ihrer Schar als neuen Gatten zu wählen. Hauptinteresse der Männer ist natürlich Odysseus' Erbe zu werden und seinen sohn zu verdrängen. Penelope wehrt sich gegen die Bewerber, entsinnt eine List, um die Hochzeit hinauszuzögern und hofft auf Odysseus Rückkehr.
Der kommt schließlich auch zurück in Verkleidung eines alten Bettlers, wird nur von seiner Amme erkannt und tötet schließlich zusammen mit seinem Sohn die Freier. Danach (und das ist ein Teil der Geschichte, der irgendwie immer verschwiegen wird, und der auch meinem Gedächtnis entfallen war) erhängt er die 12 Mägde Penelopes, die sich den Freiern "hingegeben" haben.

Atwood beleuchtet die Ereignisse teils aus Penelopes Sicht, die in der Ich-Form von ihrem Leben mit Odysseus erzählt und lässt teilweise die Mägde sprechen, die ihre Sicht der Dinge darstellen.
Diese erzählen davon, wie "freiwillig" sie den Freiern zu Willen waren, denn zu jenen Zeiten gehörte es zum Gastrecht eines jeden Mannes, sich mit den Dienstbotinnen zu vergnügen. So fällt dieses vorgebliche Motiv Odysseus' weg. Aber vor allem: wieso hat Penelope deren Hinrichtung nicht verhindert? Hier wirft Atwood die Möglichkeit auf, dass deren Tod von Penelope gewollt war, da sie Zeuginnen ihrer Untreue waren. Stimmt es also vielleicht gar nicht, dass Penelope die inkarnierte weibliche Tugend (=ihrem Mann für immer und ewig treu) war? Wie "glücklich" war die Ehe von Penelope und Odysseus wirklich? Kann man eigentlich nach 1 Jahr Zusammenleben und 20 Jahren Trennung von einer Ehe reden? Wie kommt Homer eigentlich darauf, Penelope hätte ihren Mann nicht erkannt? Hat sie ihn nicht vielmehr so manipuliert, dass er an ihrer Treue nicht zweifeln kann? Was geschah auf Odysseus Rückreise wirklich? War er so heldenhaft, wie Homer ihn darstellte?

Diese und weitere Fragen stellt Atwood gut geschrieben in den Raum, ohne eine hundertprozentig sichere Antwort zu geben. Sie will vielmehr zum weiteren Hinterfragen einer bekannten Geschichte auffordern und das ist ihr zumindestens bei mir gelungen. Ich habe das Buch zwei mal gelesen, wobei ich zwischendurch noch einmal die entsprechenden Kapitel in der "Odyssee" gelesen habe. Erst beim 2. Lesen zeigte sich mir dann, mit dem Vorbild frisch im Kopf, wie geschickt Atwood diese Geschichte verarbeitet hat. Dies ist allerdings gleichzeitig ein Manko des Buches, da es zwar auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann, sich aber in seiner ganzen Qualität nur mit guter Kenntnis der Odyssee entfaltet.

4ratten
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Aldawen

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Re: Margaret Atwood - Die Penelopiade
« Antwort #1 am: 27. März 2011, 16:56:57 »

Was Atwood hier für einen Ansatz gewählt hat, hat Saltanah schon beschrieben, und ich finde ihn durchaus gelungen. Um daher gleich mit einem ganz anderen Aspekt anzufangen:

Dies ist allerdings gleichzeitig ein Manko des Buches, da es zwar auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann, sich aber in seiner ganzen Qualität nur mit guter Kenntnis der Odyssee entfaltet.

Diese Einschätzung finde ich besonders interessant, denn ich hätte sie so nicht treffen können. Ich habe die Odyssee schon erzählt bekommen, bevor ich lesen konnte, und wie oft ich sie selbst gelesen habe, weiß ich gar nicht mehr. Daher haben sich doch eine ganze Reihe Details derart „abgelagert“, daß ich sie zwar vielleicht nicht ohne weiteres selbst nacherzählen könnte, aber hier problemlos wieder aus dem Gedächtnis abrufen konnte. Daher habe ich während des Lesens mehr als einmal bekräftigend genickt, wenn Atwood bestimmte Aspekte der landläufigen Fassung hinterfragt bzw. Penelope, die selbst in der Odyssee ja nicht wirklich zu Wort kommt, einmal ihre Sicht präsentieren läßt. Es las sich für mich über weite Teile wirklich wie die fehlende Hälfte einer an sich bekannten Geschichte.

Odysseus verliert durch die Gerüchte, die während seiner zehnjährigen Heimreise auf Ithaka eintreffen (war das z. B. wirklich eine Zauberin, die ihn festgehalten hat, oder ist er einfach in einem Bordell versackt und ähnliche „rationale“ Erklärungen mehr), einiges von seinem strahlenden Charakter, Telemachos wird zu einem eigenwilligen, pubertierenden Teenager und Penelope kann inzwischen sehen, wie sie den Laden am Laufen hält, damit wahlweise für den Gatten noch Besitz oder für den Sohn noch ein Erbe übrig bleibt, und das, ohne je auf eine solche Rolle vorbereitet worden zu sein. Dafür schlägt sie sich eigentlich erstaunlich gut. Und statt dafür dankbar zu sein und sich erst einmal darüber aufklären zu lassen, was in den 20 Jahren seiner Abwesenheit eigentlich vorgefallen ist, verfällt Odysseus in Lynchjustiz gegenüber allen, die nicht schnell genug weglaufen können. Auch seine alte Amme spielt hier eine unrühmliche Rolle, gebärdet sie sich doch als die eigentliche Herrin, die Penelopes Wünsche mißachten darf.

Besonders gefallen hat mir die äußere Form, in der Penelopes eigener Bericht aus der Unterwelt immer wieder durch den Chor der erhängten Mägde unterbrochen wird. Die Mägde haben verständlicherweise eine noch andere, eigene Sicht auf die Ereignisse und fordern vor allem Gerechtigkeit sowie Rache für ihre Ermordung. Damit geht der Chor der Mägde zwar über die kommentierende Rolle hinaus, die Chöre in antiken Theaterstücken üblicherweise hatten, bringt aber eine wichtige Akzentuierung, die auch durch die Versform unterstrichen wird.

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Schönen Gruß
Aldawen
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Breña

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Re: Margaret Atwood - Die Penelopiade
« Antwort #2 am: 05. Oktober 2011, 00:11:09 »

Ich reihe mich mit meiner Begeisterung mal hier ein. ;)

In der Kürze des Buches und auch der einzelnen Kapitel schafft Atwood es hervorragend, Stimmungen zu vermitteln und Penelope, ihre Mägde und die anderen Beteiligten zu charakterisieren. Dabei finde ich besonders das Wechselspiel zwischen der Erzählung Penelopes und den Einschüben der Mägde sehr gelungen, da Letztere das von Penelope Geschilderte wieder relativieren. Außerdem ist die Vielfältigkeit, die Atwood den Lesern bietet, hervorragend. Sprachlich bin ich ebenfalls vollkommen überzeugt, der etwas saloppe Tonfall steht der Handlung gut zu Gesicht.

Der Blick auf unsere heutige Welt ist einerseits sehr unterhaltsam, andererseits aber ein Hinweis darauf, dass Penelope natürlich massig Zeit hatte, ihre Geschichte so zu überarbeiten, dass sie im besten Licht dasteht. Ganz abgesehen davon, dass sich im Laufe der Zeit ihre Wahrnehmung wahrscheinlich geändert hat. Amüsant sind auch die beiden Lesarten von Odysseus Abenteuern – Zyklopen und Göttinnen versus Schankwirte und Huren. :breitgrins: Odysseus selbst bleibt – natürlich – undurchsichtig, lediglich durch Penelopes Blick bekommen wir ein ambivalentes Bild von ihm.

Sowieso fordert die Autorin den Leser immer wieder dazu auf, mitzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden. Vollends gewinnen konnte Atwood mich mit ihrer Art, die antike Überlieferung geschickt in Frage zu stellen und immer wieder neue Denkanstöße zu geben. Saltanah hat in ihrer Rezi ja ein paar Beispiele aufgeführt.

4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

Viele Grüße
Breña
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"Natürlich kann man sein ohne zu lesen, ohne Bücher, aber ich nicht, ich nicht."  J. L. Borges