Anne Brontë ~ Agnes Grey
Seiten:276
Verlag: Insel Taschenbuch
Erscheinungsjahr:1847
Die junge Agnes Grey entschließt sich, eine Stellung als Gouvernante anzunehmen, nachdem das Vermögen des Vaters durch ein Unglück zerstört wird, um ihre Familie durch das verdiente Geld zu unterstützen. Die Kaufmannsfamilie, deren Kinder sie erziehen soll, bringt ihr allerdings wenig Achtung und Sympathie entgegen. Ihr Leben wird zu einer einzigen Demütigung. Sie verliert recht bald ihre Stelle und übernimmt schließlich eine Stellung als Gouvernante in einer reichen Adelsfamilie, mehr als 100 Meilen von ihrer Heimat entfernt. Doch auch dort erfährt die sensible, zurückhaltende Agnes wenig Freundschaft, oft ist sie nahe an der Verzweiflung angesichts der schwer erziehbaren, eitlen und koketten Kinder der Familie. Sie lernt den neuen Hilfspfarrer Edward Weston kennen und beginnt, zarte Gefühle für ihn zu hegen...
Agnes Grey ist neben
Die Herrin von Wildfell Hall der zweite und letzte Roman von Anne Brontë. Auch hier ist die Protagonistin eine schüchterne, ernste, aber sehr kluge Frau mit festen Wertevorstellungen und Prinzipien, was aber von den meisten Mitmenschen nicht wahrgenommen wird. Sie lebt in einer Gesellschaft, in der Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten mehr zählen als Herz und Verstand. Agnes Grey erkennt, woran es ihr mangelt, und weshalb sie von den meisten Menschen ignoriert oder belächelt wird, doch ist sie auch zu eigen und zu stolz, sich für andere zu verbiegen, nur um zu gefallen. Doch es gibt einen Menschen, der genau das in ihr sieht - Edward Weston.
Beeindruckend ist, wie klar und detailliert Anne Brontë die Charaktere und deren Beziehungen untereinander schildert. Aufgrund der Kürze des Romans würde man sich als Leser aber wünschen, dass sie hier ein wenig mehr ausgeholt hätte. Sie bleibt dabei unter ihren Möglichkeiten, denn gerade die Beziehung zwischen Agnes und dem Vikar Weston ist per se nicht sehr tiefgreifend und schlüssig. So bleibt bis zum Schluss recht unklar, wie ihre Gefühle für ihn sind und wie sie zustande kamen. Sie mag ihn, weil seine Predigten anders sind und weil er freundlich und verständlich ihr gegenüber ist - und weiter? Das Ende kommt leider auch recht konstruiert und zu Happy-End-mäßig rüber. Dennoch habe ich die Lektüre keinesfalls bereut, hat sie mir doch wieder einmal mehr die wunderbare Welt der Brontë-Schwestern aufgezeigt.
