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Autor Thema: Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd  (Gelesen 1718 mal)

marilu

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Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd
« am: 14. Dezember 2006, 22:07:21 »



Inhalt:

Klappentext

Personen und Zutaten: der dreißigjährige namenlose Held, geschieden, intelligent, müde. Sein Partner: Ein Trinker. Seine Freundin: ein etwas gewöhnliches Mädchen mit übersinnlich schönen Ohren. Außerdem der Alte, gequält von einem golfballgroßen Gehirntumor; ehemaliger Kriegsverbrecher, Boß der Rechten und Ultrarechten, Herr über ein Imperium aus Politik, Finanzen und Massenmedien. Und dessen Sekretär: ausgebildet in Amerika und effizient bis zur Perfektion. Vor allem aber das Schaf.

Meine Meinung:

Mein 1. Murakami! Und was für ein Einstieg! Ich bin immer noch platt von der Geschichte, die sowas von wirr und skurril ist, das ich wohl das Ende nicht wirklich verstanden habe...  :spinnen:

Der namenlose Ich-Erzähler wird gegen seinen Willen in die Suche nach einem ganz besonderen Schaf hineingezogen. Er wird entführt, erpresst und überrumpelt. Und dennoch versucht er so zu handeln, wie es ihm richtig erscheint.

Wovon der Roman handelt, wird auch erst nach ca. einem Drittel klar. Den Anfang (der Bericht über seine Ex-Freundin) fand ich etwas überflüssig, zumal er für den Roman absolut unwichtig ist. Nach dem ersten Drittel steigerern sich das Tempo und die Faszination, bevor letztere zwischendurch abfällt, weil man zu wissen meint, was noch kommen muss. Einige Seiten lang habe ich den Roman nur noch überflogen, bevor ich über einen Satz stolperte, der mir wieder klar machte, warum das Buch so geschrieben ist, wie es geschrieben ist.
Bereits am Anfang sagt der Ich-Erzähler: "Mir fällt immer viel auf, wenn es zu spät ist." (S. 19) - auf S. 229 wiederholt er sich: "Die wichtigsten Sachen fallen mir immer erst hinterher ein. Es hätte mir gleich auffallen müssen, ..."
Wir erleben die Geschichte also wirklich aus der Sicht des Erzählers mit. Danach hat mich sein schleichendes Vorangehen nicht mehr so gestört.

Ich hatte mitunter das Gefühl, dass Murakami genau weiß, was er sagen will, aber einige Nebenhandlungen einfach vergaß einzubinden, anzuknüpfen oder auszublenden.
Zitat von: Spoiler
z. B. wird Rattes Roman erwähnt, der in der Schublade des Erzählers verschwindet. Danach wird er nie wieder in die Handlung eingebunden... dabei stünde darin doch sicher seine Geschichte mit dem Schaf... Ich hätte erwartet, dass der Erzähler wenigstens so etwas sagt wie: "Wie konnte ich nur so dumm sein, mich nicht an den Roman zu erinnern!" oder sowas...

Ich hatte zwar vermutet, dass

Zitat von: Spoiler
Ratte Wirt des Schafes wurde. Dass er es und sich aber umgebracht hat, wäre mir nie in den Sinn gekommen! Meine Intuition hat hier kläglich versagt! Verdammt

Abschließend noch eine Frage an euch: für was steht eurer Meinung nach das Schaf?! Eigentlich hätte sich der Roman hervorragend für eine Leserunde geeignet, weil zu der Frage sicher viele unterschiedliche Meinungen (oder zumindest Ausprägungen) zum Diskutieren entstanden wären.

Ich habe es so aufgefasst, dass

Zitat von: Spoiler
das Schaf für das Machtstreben der Menschen steht. Ihre "Dummheit", Mittelmäßigkeit und Langeweile als tadelnswerte Werte zu betrachten statt des Strebens nach Ruhm, Geld und dem konsumorientierten Leben. Irgendwie stellt es zudem eine Gesellschaftskritik dar, die mit denjenigen hadert, die ihren freien Willen aufgegeben und sich angepasst haben egal ob dies ihren Überzeugungen entspricht oder nicht.

Bin schon gespannt auf die Fortsetzung "Tanz mit dem Schafsmann" und das viel gelobte "Naokos Lächeln".

4ratten
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(Martin Luther King)

Austen

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Re: Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd
« Antwort #1 am: 14. Dezember 2006, 23:45:28 »

Hallo, ich habe vor einigen Jahren auch die wilde Schafsjagd als erstes Murakami-Buch gelesen. Teilweise fand ich es wie einen Thriller, dachte gar nicht viel nach und ließ mich einfach von der Geschichte mitreißen. Bei Murakami passieren immer wieder rätselhafte Dinge bzw. wird das Ganze oft sehr mythisch, doch ich mag es sehr so.
Seither lese ich mich durch seine Bücher, z.B. Gefährliche Geliebte, Naokos Lächeln, Sputnik Sweetheart, After dark usw. , alle haben mich angesprochen und verzaubert zurückgelassen.
Man darf sich nur nicht erwarten, dass immer alles restlos aufgeklärt wird. Ist doch auch im wirklichen Leben nicht so bzw. sind die Sichtweisen verschiedener Personen einfach auch unterschiedlich.
Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß mit Murakami. Ich lese ihn übrigens sehr gerne im Urlaub!
liebe Grüße
Austen
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Bartlebooth

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Re: Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd
« Antwort #2 am: 16. Dezember 2006, 14:35:14 »

Hallo marilu,

ein ganz großartiges Buch, eines der besten, das ich im letzten Jahrzehnt gelesen habe. Ich habe gerade noch einmal die Unterhaltung im Hotel Dolphin und die mit Ratte gelesen, um wieder ein kleines Gefühl für das Buch zu bekommen. Gerade in den Kapiteln in Sapporo und in der Unterhaltung mit dem Schafprofessor ist die sprachliche Virtuosität Murakamis bzw. der Übersetzung ganz greifbar. Dagegen fällt der Dialog am Ende doch etwas ab, wenn ich es auch vollkommen ok finde, hier eine Lösung präsentiert zu bekommen. Die Fortsetzung "Tanz mit dem Schafsmann" hätte vielleicht nicht mehr sein müssen.

Das Schafsmotiv zu analysieren ist nicht uninteressant. Auf einer vordergründigen Ebene ist seine Gleichsetzung mit Machtstreben natürlich sehr naheliegend und einleuchtend. Die mythologischen und kulturgeschichtlichen Anklänge in der ganzen Anordnung sind aber auch nicht ohne: Man könnte ganz konkrete politische Anspielungen hineinlesen (mehrere Möglichkeiten werden im Text gegeben), natürlich auch religiöse, mythologische (Teufelsfigur, Besessenheit). Ganz aufschlussreich auch die Rede über den Punkt des Eindringens in den "Wirt", über die "wahre Schwäche", über die Erlaubnis, die der Wirt geben muss, damit das Schaf in ihn fahren kann.

Zudem würde mich interessieren, ob der mongolische Hintergrund stimmt: Gibt es wirklich dieses Schriftstück über die Schafsbesessenheit von Dschingis Khan?

Warum also eigentlich ein Schaf? Das ist die Frage, die mich beschäftigt. Konkreter Anlass durch kulturgeschichtliche Vorbilder oder skurriler Hingucker oder ganz was anderes?
Sehr schön ist dieser sprachliche Witz der "Schaflosigkeit", der ja auch im Englischen funktioniert; wie das im Japanischen ist, weiß ich nicht, aber hier an einen Zufall zu glauben, fällt mir schwer, da das Schaf ja im Schlaf die Menschen befällt, an manchen Stellen ein "Traumschaf" genannt wird.

Für eine einfache symbolische Lesart scheint mir das Schafsmotiv zu vielschichtig, aber das macht ja gerade seine Faszination aus, dass hier für den (europäischen) Leser ganz inkongruente Versatzstücke in einen Zusammenhang gebracht werden.

Herzlich, B.
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nikki

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Re: Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd
« Antwort #3 am: 20. März 2007, 21:09:01 »

Hallo Bartlebooth!

Ich lese gerade "Wilde Schafsjagd" und bin hier auf Deine Frage über Dschingis Khan gestoßen und wurde hellhörig. Letztes Jahr gab es hier in der Nähe von Wien, in der Burg Schallaburg, eine Ausstellung über Dschingis Khan und seine Erben. Die Ausstellung war sehr interessant und irgendwo im Hinterkopf schwirrte bei mir etwas über seine tierische Ahnen.  Laut der "Geheimen Geschichte der Mongolen" wird seine mythologische Abstammung von einem Wolf und einer weißen Hirschkuh abgeleitet; beides sehr mächtige Totemtiere in den religiösen Vorstellungen der Mongolen. Von Schafen war leider keine Rede.

Liebe Grüße
nikki




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stefanie_j_h

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Re: Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd
« Antwort #4 am: 08. April 2007, 19:48:28 »

Inhalt: Ein namenloser, antriebsloser, orientierungsloser Ich-Erzähler sucht mit seiner namenlosen Freundin mit den magischen Ohren nach einem geheimnisvollen Schaf... Mehr gibt es von der Handlung eigentlich nicht zu sagen

Meine Meinung: Mein erster Murakami und ich war sehr gespannt. Erwartet habe ich eine skurrile Handlung, und vielleicht einige Einblicke in die Japanische Kultur, doch leider ist das Buch nur eine durchschnittliche Geschichte in der manche Zufälle mit übersinnlichen Dingen erklärt werden.
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Außerdem könnte die Geschichte in jedem Land stattfinden, über Japan habe ich leider nichts neues erfahren.
Die Namenlosigkeit der Figuren mag irgendeine tiefere Bedeutung haben, die mir entgangen ist, ich fand sie nur nervig. Man kann keinen Bezug zu den Figuren entwickeln, sie bleiben austauschbare Durchschnittsmenschen. Das ist vielleicht bezweckt, gefällt mir aber nicht.
Das Buch lässt viel Raum für Interpretationen, für was z.B. dieses geheimnisvolle Schaf stehen soll, aber mir war das ehrlich gesagt egal, da mir der Roman einfach keinen Spaß gemacht hat und ich nicht einen Gedanken zu viel daran verschwenden wollte.

 2ratten weil es an manchen Stellen doch ganz amüsant war.
« Letzte Änderung: 08. April 2007, 19:50:20 von stefanie_j_h »
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kathchen

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Re: Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd
« Antwort #5 am: 15. September 2008, 21:23:58 »

Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd


Klappentext:

Die Helden dieses virtuosen Detektivromans mit einem Schuss Science-fiction sind der dreißigjährige Mitinhaber einer Tokioter Werbeagentur sowie ein Schaf mit übernatürlichen Kräften und einem unbeugsamen Willen zur Macht. In einen Strudel von sich überschlagenden Ereignissen führt die wilde Schafsjagd quer durch das moderne Japan.

Meine Meinung:

Das ist mein erster Murakami. Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte interessiert und ich musste einfach weiterlesen, wobei es am Anfang eher vor sich hin plätscherte und erst nach ca. 100 Seiten Spannung aufkam.

Anfangs lernt man erstmal die Hauptperson kennen. Ein dreißig-jähriger Japaner, der vor sich vor kurzem von seiner Frau getrennt hat. Zwar fand ich das sehr interessant, aber dennoch war ich etwas verwundert über diesen Einstieg, bzw. hätte ich aufgrund des Klappentextes gedacht, dass das Schaf schon früher eine wichtige Rolle spielt.
Dann macht der Ich-Erzähler die Bekanntschaft mit dem Mädchen mit den schönen Ohren, die er seit dem nur noch seine Freundin nennt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Schaf.
Der Ich-Erzähler hat keinen Namen und auch das Mädchen nennt er immer nur seine Freundin. Überhaupt hat niemand, außer wenige Personen, einen Namen und für mich unterstreicht das nochmal sehr, dass der Erzähler sich nur als mittelmäßig ansieht und auch oft von Zweifeln geplagt wird.
Die Stimmung fand ich von Anfang an sehr melancholisch und ruhig, besonders seine Freundin mit den schönen Ohren hat mir als Charakter sehr gut gefallen.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen und ich bin schon auf den nächsten Roman von Murakami, den ich lesen werde, sehr gespannt.
3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:
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