Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

E-Mail: Passwort:

Autor Thema: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch  (Gelesen 1600 mal)

Jona77

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 892
  • Lesemama

Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch von Marina Lewycka

Vornweg, die Gestaltung des Covers und der Titel des Buch haben mich direkt angezogen und ich wurde nicht enttäuscht !

Hier geht es um eine Familiengeschichte die genau so irgendwo in diesem Moment ihren Lauf nehmen könnte. Nadesha bekommt einen Anruf von ihrem 84-jährigen Vater. Dieser teilt ihr mit, er wolle heiraten. Valentina heißt die Auserwählte, sie kommt aus der Ukraine, ist 36 Jahre alt und sie hat einen Sohn der unbedingt auf eine Schule für Hochbegabte gehen müsse. Aber Valentina hat doch kein Geld und ihr gehe es so schlecht in der Ukraine, außerdem sei sie wunderschön, eine Venus...

Nadesha, ihre Schwester Vera und der besagte Vater leben in England. Die Mutter starb 2 Jahre zuvor. Die Familie kam damals nach dem Krieg, über den wir auch einiges erfahren, nach England und hat sich dort ein schönes kleines Haus mit Garten erarbeitet.

Aber nun gefährdet diese Valentine alles. Den Seelenfrieden der Töchter, das Vermögen des Vaters und sie besudelt dass Andenken der Mutter. Als sie dann in England eintifft, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen der Schwestern. Sie ist eine vollbusige blonde Schlange, die ganz offensichtilich nur eines will: Eine Aufenthaltsgenehmigung und Geld.

So beginnt der Kampf um den Vater. Auf der einen Seite die beiden Töchter die seit Jahrzehnten schon untereinander verfeindet sind und sich nun notgedrungen zusammentun müssen, auf der anderen Seite Valentina. Eine rabiate Amazone die nicht so leicht ihre Pläne für ein besseres Leben aufgeben will. Und sie zieht dabei alle Register...

Herrlich komisch und trotzdem todernst (kann man dass so sagen ?) beschreibt die Autorin die Streitereien, Versöhnungsaktionen und den verzweifelten Kampf des alten Mannes der Einsamkeit zu entgehen. Man erfährt beim Lesen wie es in der Ukraine wärend dem Krieg zuging, welche Grausamkeiten die Menschen erfahren mussten, was für ein Mensch Nadeshas und Veras Mutter war und wie die Familie nach England kam.

Und so ganz nebenher schreibt der alte Herr ein Buch. Es heisst Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch und er beschreibt darin mit viel Liebe: die Geschichte des Traktors !

Ich habe jede Seite genossen und war sehr traurig als das Buch ausgelesen war. Für mich ein absoluter Buchtipp !  :tipp:

Gespeichert

marilu

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 285
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #1 am: 27. Dezember 2006, 00:19:35 »

Valentina heiratet Nikolaj, weil sie glaubt, mit ihm (pensionierter Ingenieur) eine gute Partie zu machen. Als sich herausstellt, dass er nicht über die finanziellen Mittel verfügt, die sie erwartet hat, verzichtet sie darauf, ihm gegenüber bezaubernd, liebend und bewundernd aufzutreten. Statt dessen begegnet sie ihm mit Hohn, Verachtung sowie verbaler und körperlicher Aggression. Der alte Mann wird immer dünner, flüchtet sich in ein kleines Zimmer im Erdgeschoss und verwahrlost zunehmend - ebenso wie das Haus.

Mich hat das Buch vor allem so berührt, weil es so geschehen könnte. Anfangs hatte ich gedacht, es sei lustig, aber häufig blieb mir das Lachen doch im Hals stecken. Es erging mir ähnlich wie der Tochter Nadeshda, der man anmerkt, dass sie ihren alten Vater liebt, der ihr in seiner sexuellen Lust auf Valentina aber auch auf den Geist geht! Sie versteht nicht ganz, wieso sich ihr Vater bei dem Anblick "seiner" Frau zu einem instinkgesteuerten Menschen verwandelt und von einem Moment zum anderen einfach vergisst, was sie ihm angetan hat und wieviel Angst er mitunter Minuten vorher noch vor der jungen Frau hatte. Andererseits versucht Nadeshda anfangs, Valentina nicht mit ihren Vorurteilen zu begegnen. Durch sie wird im Roman verdeutlicht, dass jede Geschichte mehrere Seiten hat.

Würden sich seine Töchter nicht in sein Leben einmischen und bestimmt gegen Valentina vorgehen, würde sich die Handlung sehr von der unterscheiden, die hier beschrieben wird. Aber gerade dadurch erlebt der Leser eine spannende Lektüre - viele Fragen stellen sich:
Ist Valentina wirkich so eine Gefahr für den Vater von Valentina und Nadeshda? Werden die beiden sie los? Kann man die Ehe annulieren lassen? Wie ist es mit Ausweisung? Scheidung? Und wer sind die anderen Männer in Valentinas Leben? etc. etc.

Ich fand das Buch sehr gelungen und mochte insbesondere das Ende sehr gerne (gerade die letzten 2 Seiten). Auch der zweite Handlungsstrang (die Vergangenheit der Familie) ist interessant zu lesen und erklärt so einiges über ihre Gegenwart.
Was die Traktorausführungen angeht, muss ich gestehen, dass ich sie zwar las, aber wenn man mich jetzt nach Angaben zu der Geschichte fragen würde, müsste ich mit den Schultern zucken - zum einen Auge rein, zum andern raus...  :schulterzuck:
Aber gerade im letzten Kapitel von Nikolajs "Buch" erfährt man nochmal sehr viel über seine Einstellung zu Politik und Wissenschaft, sowie wissenschaftlichem Fortschritt und der Verantwortung gegenüber der Natur und dem Menschen an sich. Das las ich genauer.

Ich empfehle das Buch gerne weiter!




4ratten
Gespeichert
Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keinen Aufwand und Luxus hinterlassen. Aber ich möchte ein engagiertes Leben hinterlassen.
(Martin Luther King)

Struppi

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 264
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #2 am: 07. Januar 2007, 20:07:03 »

So, hier ist meine erste Rezension für den Lesewettbewerb '07.
Da es schon zwei tolle Rezis gibt, halte ich mich hier etwas kürzer:

Rückseite des Buches:
Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern.

Autorin:
Marina Lewycka wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und wuchs in England auf. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter, lebt in Sheffield und unterrichtet an der Sheffield Hallam University. Dies ist ihr erster Roman, der in England zu einem Riesenerfolg wurde und die Bestsellerliste im Sturm nahm.

Meinung:
Angezogen von dem ungewöhnlichen Cover und dem oben genannten witzig-spritzigem Text auf der Rückseite des Buches habe ich ein lustiges und kurzweiliges Buch erwartet. Dem war aber nicht ganz so.
Zwar hat das Buch durchaus seine humorvollen Passagen, gerade wenn es um die Bemühungen der 36-jährigen "ukrainischen Schlampe" geht, sich durch die Hochzeit mit dem 84-jährigen skurilen Witwer das Aufenthaltsrecht in England, die Schulausbildung ihres Sohnes und die finanzielle Versorgung zu sichern. Aber ebenso handelt es sich um die Aufarbeitung der Familiengeschichte des Witwers, wodurch zeitweise eine bedrückende, teilweise trostlos wirkende Stimmung verbreitet wird, die sich allerdings zum Positiven ändert, da sich seine beiden Töchter durch das gemeinsame Ziel, die neue Frau los zu werden, wieder annähern und vor allem die Jüngere mehr Verständnis für die Ältere entwickelt. (Man fragt sich, ob die Autorin eine ältere Schwester hat, da alle anderen Informationen über sie mit denen der Protagonistin des Buches übereinstimmen.)
Das Buch ließ sich leicht und flüssig in einem Rutsch lesen und man war durchgehend gespannt darauf, wie es weitergehen wird. Die zwischendurch eingeschobenen Passagen über die "Kurze Geschichte des Traktors auf ukrainisch" waren kurz gehalten und dadurch empfand ich sie nicht als störend, wobei ich sie aber auch nicht für besonders interessant hielt.
Ich bereue es nicht, dieses Buch gelesen zu haben, es war allemal gut für ein verregnetes Wochenende, aber ich finde es auch nicht besonders genug, um es weiterzuempfehlen.

 3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:
Gespeichert
Ich lese gerade:

critical

  • Newbie
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 18
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #3 am: 08. Februar 2007, 00:12:22 »

Ich fand das buch weder besonders gut noch besonders schlecht. Es las sich gut und bediente sich an vielen Vorurteilen - und das meine ich definitiv NICHT im bösen Sinn! Einige davon wurden aufgeklärt. Allerdings fehlte mir der "Oh man, ich will unbedingt wissen, wie es weiter geht"-Thrill.  (Anm.: Vielleicht hatte ich auch gerade Prüfungsphase, welche meine Meinung verzerrte)

Aber für die Allgemeinbildung ist es nicht schlecht. Die kleinen Zusatzinfos waren schon nett. Ich hab mir einige Bemerkungen auf meine Postits gemacht (auch dies mach ich nur wegen dem Studium nebenbei, wenn ich denke, dass mir das mal weiter hilft).

 4ratten
Gespeichert

creative

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 743
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #4 am: 09. Juli 2007, 19:19:04 »

Beinahe fiel ich auch darauf hinein - auf das, mit dem die Autorin wohl insgeheim spekulierte. Dass dieses Buch ein Abklatsch von herkömmlichen KLischees und Vorurteilen ist.
Nach den ersten Seiten wollte ich es entnervt zur Seite legen, doch ich las zum Glück weiter denn das Buch verbirgt mehr Tiefgang, als der Klappentext zu erkennen gibt.

Mir kam es zwar phasenweise auch sehr konstruiert und übertrieben vor, aber ich denke, das war so gewollt. Ein bisschen hält es einem den Spiegel vor, sie man selber umgeht mit den Menschen aus dem Osten und wie selbstgerecht wie hier im goldenen Westen sind.
Ein nettes Buch für zwischendurch, bei dem man aber jedenfalls auch auf die Zwischentöne achten soll!

3ratten  :marypipeshalbeprivatmaus:
Gespeichert
:blume:  Herzliche Grüße!  :blume:
creative

Santanico

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 193
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #5 am: 18. Juli 2007, 15:05:03 »

"Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" ist mir auch als erstes wegen dem Cover aufgefallen.
Beim Lesen des Klappentextes klang der Inhalt recht interessant. Dabei habe auch ich eine Geschichte erwartet, die bestehende Vorurteile / Klischees aufgreift und gnadenlos ausschlachtet. Ich meine das nicht im negativen Sinn, ich habe einfach ein lustiges Buch erwartet, das die Beziehung Oststaaten und westliche Welt ein bisschen auf die Schippe nimmt.

Ein lustiges Buch habe ich auch bekommen. Natürlich werden auch viele Klischees in der Geschichte verarbeitet. Aber trotzdem hat mich das Buch zum Nachdenken angeregt. Über die Vorstellung, die diese Leute vom "goldenen Westen" haben, die Erwartungen, die sie an das neue Leben stellen und die Enttäuschungen, die sich daraus ergeben. Und was sie bereit sind, dafür zu tun, um in die westliche Welt zu gelangen und dort Fuß zu fassen.

Also ein unterhaltsames und lustiges Buch, das aber auch zum Nachdenken anregen kann, wenn man sich nicht gänzlich von den witzigen Darstellungen gefangen nehmen lässt, sondern sich auch mal mit den Personen und ihrer Situation ernsthaft auseinendersetzt. 

Die Ausführungen über die Traktoren haben mich allerdings gelangweilt.

 4ratten
Gespeichert

finsbury

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Beiträge: 568
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #6 am: 17. August 2007, 19:24:58 »

Hallo,
nach der Lektüre bin ich ebenso zwiespältig wie ihr: Ich habe ein lustiges  Buch erwartet und ein sehr ernstes, zum Teil bedrückendes Buch gelesen.
Es ist zum Teil ein grausliches Gemisch aus Vorurteilen und tieferen Einsichten, aber genau das soll es wohl sein und uns auch damit den Spiegel vorhalten, denn unsere Ressentiments hinter unser auf Hochglanz gebürsteten intellektuellen Aufgeklärtheit werden hier ganz gut aufs Korn genommen.
Dennoch hat mich das Buch nicht wirklich berührt, nur der alte Nikolaj mit seiner großen Seele und seinem Mut zur Selbstentblößung wird wohl einen Platz in meinem literarischen Gedächtnis behalten.

HG
finsbury
Gespeichert

Arjuna

  • Glückskind
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Beiträge: 2707
  • Dance into the night
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #7 am: 17. Juli 2008, 22:02:04 »

Ich kann mich den teilweise begeisternden Rezensionen nicht anschließen.

Marina Lewycka – Kurze Geschichte des Traktors auf UKRAINISCH



Zum Inhalt:
Als Nadias verwitweter Vater ihr mitteilt, dass er wieder heiraten will, löst das eine Familienkrise aus. Nadia und ihre Schwester sind sich ausnahmsweise einig: Sie müssen den Vater aus den Klauen der blonden Glücksritterin befreien! Doch der alte Mann arbeitet zielstrebig an der Erfüllung seiner Träume.


Meine Meinung:

Wieder so ein gehyptes Buch, bei dem mich interessiert hat, was dahinter steckt und worum es eigentlich geht. Nun, meine Neugier hat mir ein Buch beschert, mit dem ich so gut wie gar nichts anfangen konnte.
Einerseits weil ich etwas anderes erwartet hatte. Nämlich wie es ist, wenn sich der Vater plötzlich in eine viel jüngere Frau verliebt und mit ihr zusammen lebt. Aber hier, ich konnte einfach mit den Charakteren überhaupt nichts anfangen, mit Valentina dieser derben, unverschämten Person. Mit Nadjas Vater, der sich das Ganze auch noch freiwillig antut. Mit den zwei zerstrittenen Schwestern, die diese Krise auf einmal zusammenschweißt.
Und dann wird die Geschichte auch immer wieder unterbrochen, einerseits durch Erinnerungen an früher, bzw. wie die Eltern der Schwestern in der Ukraine aufgewachsen sind und gelebt haben, andererseits durch das Buch an dem der Vater schreibt, nämlich besagte „Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“, ich muss zugeben, nach den ersten paar Kapitel, habe ich diese Kapitel des Buches nur noch überflogen.

Auf meinem Klappentext schreibt die Süddeutsche: […]ein kluger Kommentar über die Grenzen der Integrationsbereitschaft[…] Das was hier in der Geschichte geschildert wird, hat mit Integrationsbereitschaft aber nichts mehr zu tun. Da hört sich die Freundschaft schon viel früher auf, aber nicht wegen Intertoleranz, sondern weil „dieser Fall“ einfach unmöglich im Sinne von furchtbar ist.

Am liebsten hätte ich einfach zu lesen aufgehört und gesagt: „Macht was ihr wollt.“ Ich glaube ich habe selten ein Buch gelesen wo mir die Figuren so was von egal waren.

Allerdings ist es nicht so dass mir gar nichts gefallen hat, manche der Einstreuungen über die Geschichte der Ukraine und die Flucht der Eltern waren vom Ansatz her interessant zu lesen, aber leider kam, immer wenn ich dazu mehr lesen wollte, wieder die „Hauptgeschichte“ ins Spiel. Was an dem Buch so toll ist, bleibt mir wohl ein Rätsel.
Sollte das „Thema“ sein, wie Menschen im Osten den Westen erleben und was sie sich erhoffen und erwarten davon, dann war mir das in dem Buch viel zu wenig ausgearbeitet. Bzw. gebe ich auf Valentinas Sicht in der Hinsicht nicht viel. Und von Nadjas Eltern erfährt man diesbezüglich nichts, die waren nur froh in „Sicherheit“ zu sein, schätze ich mal.
Um das Buch witzig zu finden, scheint mir der Humor zu fehlen, die einzige wirklich witzige Passage, war auf der letzten Seite des Buches.



1ratten   für den Titel, der mir nach wie vor gefällt und manche der „historischen“ Passagen.


Gespeichert
Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen.
Jean Anouilh

Valentine

  • Middlemarchian
  • Global Moderator
  • *
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 8292
  • ... to love what is good and beautiful ...
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #8 am: 22. August 2008, 15:15:12 »

Die Schwestern Nadia und Vera sind sich seit Jahren schon nicht sonderlich grün, seit dem Tod der Mutter und dem Streit ums Erbe ist der Ofen zwischen den beiden völlig aus. In einem Punkt sind sie sich jedoch einig: es ist ein Unding, was ihr Vater da zwei Jahre nach dem Tod der Mutter, mit der er 60 Jahre lang verheiratet war, geleistet hat, nämlich eine Hochzeit mit einer sechsunddreißigjährigen Ukrainerin namens Valentina, die außer einer äußerst üppigen Figur wenig zu bieten hat, sich aber frech und anmaßend nimmt, was sie für ihr gutes Recht hält und offenbar nur der Aufenthaltsgenehmigung wegen die Ehe mit dem über achtzig Jahre alten Nikolai eingegangen ist. Von ehelicher Treue hält sie ebensowenig wie von Sauberkeit und Ordnung im Haus, spioniert Nikolai aber auf Schritt und Tritt aus und schreckt auch nicht vor gewalttätigen Ausbrüchen zurück.

Die Töchter ergreifen die Initiative und schmieden Pläne, wie sie diesen Orkan namens Valentina, der das Leben ihres Vaters so durcheinanderfegt, loswerden können, zumal der Vater sich zunächst nicht einsichtig zeigt...

Mit dieser originellen Variation des Themas "ungeliebte Stiefmutter" habe ich mich wunderbar unterhalten. Valentina ist derart unmöglich, dass man förmlich mit den beiden Schwestern leidet. Klar ist sie ein wandelndes Klischee, aber in diesem Roman passt das schon.

Das Eheleben von Nadias und Veras Eltern war stark von deren Erfahrungen im Krieg geprägt, was sich nicht nur in einem übermäßigen Konservierungsdrang bei Lebensmitteln niederschlug, sondern auch darin, dass vieles unausgesprochen im Raum stand. Während Nadia sich ihrer Schwester im Kampf gegen Valentina wieder annähert, erfährt sie einige Bruchstücke der traurigen Geschichte ihrer Familie, ebenso von ihrem Vater, wenn sie ihn denn einmal von seinem Lieblingsthema ablenken kann, seiner "Kurzen Geschichte des Traktors auf Ukrainisch", an der er, ehemals ein erfolgreicher Ingenieur, gerade schreibt.

Das Buch besteht aus einer ausgewogenen Mischung von eher witzigen, teils schon slapstickartigen Szenen und sich überschlagenden Ereignissen rund um die chaotische Valentina in der Gegenwart und der Ernsthaftigkeit bei den Gesprächen über die Vergangenheit, Krieg, Flucht und Lager, wie auch in den kurzen Abschnitten über Traktoren, die Nikolai aus seinem Werk zitiert. Es wird auch klar, warum Vera und Nadia sich so extrem unterschiedlich entwickelt haben.

Nach einigen nicht sehr positiven Meinungen hatte ich das Buch im Hinterkopf schon abgeschrieben, doch jetzt bin ich froh, dass es mir kürzlich in die Hände gefallen ist. Ich fand weder den Humor zu platt noch die Traktorpassagen zu lang und hatte ein paar amüsante und auch nachdenkliche Lesestunden mit diesem Roman.

4ratten
Gespeichert
The best piety is to enjoy--when you can. You are doing the most then to save the earth's character as an agreeable planet. And enjoyment radiates. It is of no use to try and take care of all the world; that is being taken care of when you feel delight--in art or in anything else. Would you turn all the youth of the world into a tragic chorus, wailing and moralising over misery?
George Eliot: Middlemarch

marimirl

  • Glühwürmchen
  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 919
    • Marimirl's Blog
Re: Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
« Antwort #9 am: 27. September 2010, 18:49:23 »

“A Short History of Tractors in Ukrainian” von Marina Lewycka handelt von der neuen Lieben eines 84-jährigen Mannes, der in England lebt, aber ursprünglich aus der Ukraine stammt. Er möchte eine 36-jährige Frau aus der Ukraine heiraten, um ihr und ihrem Sohn ein Leben in England zu ermöglichen. Die Autorin erzählt auf lustige Weise, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt.

Der Titel des Buches sollte einen auf keinen Fall abschrecken, denn es geht hier nicht um die Geschichte des Traktors, wie vielleicht einige vermuten würden. Nein, die Traktoren spielen nur eine kleine Nebenrolle und ich muss leider gestehen, dass ich die Passagen (es waren aber wirklich sehr wenige und auch sehr kurze), die sich mit Traktoren beschäftigen einfach ausgelassen haben.

Wir erleben die Geschichte aus der Sicht der Tochter Nadia, die natürlich sehr besorgt um ihren Vater ist. Sie will nicht, dass er jemanden heiratet, der ihn vielleicht nur ausnützt. Andererseits ist sie sich aber auch nicht sicher, ob eine neue Liebe ihren Vater nicht wieder ein bisschen aufmuntert.

Das Buch ist sehr witzig geschrieben. Immer wieder gibt es Passagen, bei denen man am liebsten laut auflachen möchte, zB finde ich es sehr amüsant wie Nikolai, der Vater mit deiner Tochter spricht. So sagt er zu ihr, Valentina (die 36-jährige Frau) lasse ihn dafür mit ihren Brüsten spielen. Nadia wird fast schlecht bei dieser Vorstellung. Nikolai ist einfach ein älterer Mann, der vielleicht auch schon etwas naiv geworden ist. Vielleicht will er aber auch nur seine letzten Jahre genieße. Sein Charakter wurde sehr gut gezeichnet, wie überhaupt alle in diesem Buch. Nikolai ist ein typischer alter Mann, der sich über alles aufregen kann und dem gleichzeitig alles egal ist. Nadia ist eine besorgte Tochter, die nur das Beste will, aber nicht weiß, was das Beste ist. Und dann gibt es da noch Vera, die zweite Tochter, die immer alles besser weiß, obwohl ihr doch bewusst ist, dass sie nicht alles weiß.

Es handelt sich um ein Buch, das man zwischendurch lesen kann. Einerseits geht es um Liebe und Familie, andererseits um das Älter werden. Zwischendurch erfährt man auch immer etwas über die ukrainische Geschichte oder generell über die Geschichte der Oststaaten, aber auch über die aktuelle Situation. Ich finde diesen Mix aus Information und Chick-Lit sehr interessant.

 4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:
Gespeichert
Mein Blog: Marimirl's books