Kapitel 45
"Mylady! Bitte kommen Sie schnell in die Bibliothek. Da haben sich gerade zwei Männer Zugang zur hoheitlichen Villa verschafft und haben sich direkt zu Ihrer Büchersammlung führen lassen. Sie sagen, sie kämen von irgendeiner Behörde." Kriemhild schwante nichts Gutes. Seit der Umbildung des Stadtrates und der Neubesetzung des Bürgermeisteramtes mit Freiherrn Theobald Joseph von Krümel war der Anteil der administrativen Schreiben in der täglichen Post rapide angestiegen. Irgendwann hatte sie einfach keine Lust mehr gehabt, daß alles zu lesen und irgendwelche Formulare auszufüllen. Zu diesem Moment hatte sie begonnen, Schreiben von der Stadt und deren Verwaltung einfach als Zubehör für ihre Scherenschnitte zu verwenden. Besonders die ganz großen, langen Formulare liebte sie seitdem besonders.
"Meine Herren. Können Sie mir bitte sagen, was das Ganze hier soll." Der Ältere der beiden zückte mit einer geschäftigen Geste irgendeinen Ausweis, hielt ihn Kriemhild kurz hin und sagte: "Wir kommen von Amt für Leseverhalten, Lesestatistik, Medien, Archive, Chroniken, Hoch- und Tiefbau, kurz ALLMACHT. Sie haben trotz mehrmaliger Aufforderung Ihren diesjährigen, gegenüber den Vorjahren gekürzten, nur 47-seitigen Fragebogen bezüglich Ihres Buchkauf- und Leseverhaltens nicht termingerecht abgeliefert. Daher ermächtigt uns die königliche Verordnung über amtliche Statistiken bezüglich Buchkauf und Leseverhalten, kurz kVüaSbBuL, direkte amtliche Zählungen auf Ihrem Grundstück vorzunehmen." Kriemhild glaubte nicht richtig gehört zu haben. "Wie bitte? Ich kaufe und lese soviel wie ich will! Keine Verordnung kann mich davon abhalten. Und jetzt verschwinden Sie von hier und lassen sich niemals wiedersehen. Und falls Sie den Weg nicht finden, kann ich gerne ein paar meiner Knechte bitten, Sie hinaus zu geleiten." Das saß. Die beiden waren schon auf dem Weg die große Freitreppe hinab und halb zur Tür hinaus. Die blauen Flecken aus der Villa Gösach waren noch nicht ganz verheilt.
Kriemhild lies sich in ihren Lesesessel fallen. Sie mußte sich erst einmal wieder etwas beruhigen. In solchen Fällen half oft ein kleiner Scherenschnitt. Sie griff zu einem Blatt und der Schere. Während sie die Schere ansetzte las sie: "Länger als 2 Jahre im Haushalt befindliche Bücher, die von keinem der Haushaltsangehörigen bisher gelesen wurden, stellen einen besonders schweren Tatbestand dar. In diesem Falle ist bitte außerdem Formblatt 34/z/873-tr-4/121 in zwölffacher Ausfertigung beizulegen." Die spinnen doch, dachte Kriemhild noch. Das Blatt ergab eine viertel Stunden später eine wunderschöne Rose.