

Vorneweg: „Wer war Jack the Ripper?“ ist das erste Buch, das ich zum Thema gelesen habe, deswegen bin ich als Laie auf diesem Gebiet ziemlich unbedarft an das Buch herangegangen. Der Klappentext suggeriert ja, die Autorin habe stichhaltige Beweise dafür gefunden, dass der deutschstämmige Maler Walter Sickert der Ripper war. Dementsprechend neugierig war ich auf die Lektüre. Am Anfang vermag Cornwell noch zu fesseln, vor allem durch die sehr realistisch wirkende Beschreibung Londons – im Besonderen des East Ends – der 1880er Jahre.
Doch je weiter ich gelesen habe, desto mehr habe ich mich geärgert. Patricia Cornwell ist auf dem Gebiet der Rechtsmedizin und so erläutert sie ausführlich, wie eine polizeiliche Untersuchung aussehen würde, würde der Ripper heutzutage zuschlagen. Nur leider bleibt sie einen wirklichen Beweis schuldig, sondern häuft lediglich viele Indizien an, stellt Spekulationen an und verliert sich zuweilen in wilden Behauptungen. Wie Holden schon schrieb, berichtet sie sehr einseitig über ihre Theorie und lässt quasi keine Gegenargumente, die es aber durchaus gibt, gelten. Das einzige, was einem Beweis nahekommt, ist das Ergebnis einer Untersuchung, in der DNA-Spuren einiger Briefe von Sickert mit denen von Ripperbriefen verglichen und gewisse Übereinstimmungen wurden. Aber selbst wenn Sickert einen Ripper-Bekennerbrief geschrieben hat, beweist das noch lange nicht, dass er auch der Mörder war. Die meisten dieser Briefe werden heute als Fälschungen angesehen, die mutmaßlich von Journalisten verfasst wurden. Dafür sprechen die verschiedenen Handschriften sowie die Tatsache, dass viele Ripperbriefe von verschiedenen Orte am selben Tag abgeschickt worden sind. Doch das kümmert Cornwell wenig, sie meint, dass Sickert seine Handschrift verstellt haben könnte, was durchaus plausibel klingt, aber wenn sie versucht darzustellen, wie Sickert an einem Tag durch halb England gereist sein könnte, nur um in London, Manchester und anderen Orten seine Briefe aufzugeben, entbehrt das nicht einer gewissen Komik, wenn das Thema nur nicht so ernst wäre.
Das wäre alles nicht so schlimm, wenn die Autorin ihr Buch als das ausgeben würde, was es ist: eine interessante Theorie darüber, wer Jack the Ripper gewesen sein könnte. Aber dabei belässt sie es nicht. Sie ist überzeugt, dass Sickert der Schuldige war, woran sie in ihren Formulierungen keinen Zweifel lässt:
Serienmörder hören mit dem Morden nicht auf. Sickert hörte mit dem Morden nicht auf. Auf sein Konto könnten fünfzehn, zwanzig, vierzig Morde gehen […].
So etwas zu behaupten ohne einen konkreten Beweis zu haben, finde ich einfach geschmacklos. Cornwell stellt Sickert zudem als einen Psychopathen dar, wobei sie sich vor allem auf die Analyse seiner Bilder stützt, und spekuliert, dass er aufgrund seiner Zeugungsunfähigkeit (die sie nicht schlüssig nachweist) sexuell frustiert war und einen Hass auf Frauen entwickelt hat. Sickerts Bilder (die leider nicht im Buch abgedruckt sind) sind zugegeben häufig düster, aber nicht jeder Maler düsterer Bilder ist auch ein Serienmörder. Wenn dann doch etwas auftaucht, was nicht zu Cornwells Sichtweise passt, scheint sie verwirrt und versucht, es doch noch auf eine recht unglückliche Art in ihre Theorie zu pressen:
Den Gemälden, die in der Normandie entstanden sind, eignet nichts Morbides oder Gewalttätiges. Es ist, als bringe Dieppe das dem Licht zugewandte Profil seiner [Sickerts] Jekyll-und-Hyde-Selbstporträts hervor.
Neben den vielen inhaltlichen Schwächen, fand ich den Aufbau des Buches etwas verwirrend. Zwar hält Cornwell sich an die Reihenfolge der Opfer, doch dazwischen springt sie wild und anscheinend ohne Logik zwischen Passagen aus Sickerts Leben, seinen Bildern sowie ihrer Recherchen hin und her. Ich habe noch keinen Roman von ihr gelesen, aber von einer routinierten Krimischriftstellerin hätte ich eine besser strukturierte Gliederung erwartet.
Fazit:Wer etwas über Jack the Ripper erfahren will, sollte lieber zu einem neutraleren Sachbuch greifen. Ich selbst liebäugele mit
diesem hier. 
Ein paar interessante Links zum Thema:
Diskussion auf Jacktheripper.deRezension von „Wer war Jack the Ripper?“ (englisch)