Hallo Zusammen,
so, ich habe jetzt das Kapitel mit der Filmbeschreibung noch einmal gelesen. Und ich habe einige ergänzende Überlegungen zu Deinen Fragen angestellt, Bartlebooth:
Der "Martin Frost"-Film ist ein bisschen seltsam. Eigentlich eine Musen-Geschichte und am Ende eine Entscheidung für das "richtige" Leben und gegen die Kunst. Und die wiederum führt dazu, dass das Leben aus der Welt verschwindet. Was ist das? Eine Schicksalsgeschichte? Ein Memento dafür, dass man in die Läufe von Leben und Tod nicht eingreifen darf? Oder eines dafür, dass ein Leben ohne Kreativität oder ohne Kunst kein richtiges Leben mehr ist? Wie ich den Film drehe und wende, ich finde einfach keine weniger pathetische Deutung.
Ich habe mich bei der zweiten Lektüre von dem Titel des Buchs leiten lassen: Das Buch der Illusionen. So habe ich die Nacherzählung des Films verstanden: als eine weitere Perspektive auf das Thema des Buchs: Illusion und Wirklichkeit.
Aber der Reihe nach. Zunächst einmal gibt Auster ja vorab die Absicht des Films bekannt:
"Ungeachtet aller Äußerlichkeiten spielte der Film nicht in Tierra del Sueno oder dem Gelände der Blue Stone Ranch. Vielmehr spielte er im Kopf eines Mannes- und die Frau, die in diesen Kopf hineingeraten war, war nicht real. Sie war ein Geist, eine Phantasiegestalt des Mannes, eine flüchtige Erscheinung, die seine Muse werden sollte."
In gewißer Hinsicht handelt es sich also schon um eine "Musengeschichte", wie Du das nennst. Allerdings sehe ich dabei ganz klar die Besonderheit darin, dass die Muse eine Kopfgeburt des Poeten ist, dem die Muse anbei gestellt wird...
Der Autor Martin Frost, von dreijähriger, intensiver Arbeit an einem Roman erschöpft, findet für einige Wochen Unterschlupf in Mexico im Haus von Freunden. Sein Plan: "Ich wollte einfach nur hier sein und nichts tun, das Leben eines Steins führen".
Dieser Plan schlägt fehl. Bereits nach einigen Stunden kommt ihm die Idee zu einer Geschichte: "Erst ist nichts. Und plötzlich ist etwas da und lauert in Dir."
Bis dahin fällt mir vor allem die detaillierte Beschreibung des Films auf. Ich finde sie meisterhaft: meisterhaft ausgedacht (Film) und meisterhaft in Prosa übersetzt.
Die von Auster beschriebene Montagetechnik des Films passt gut zu einem "Innenleben". Harte, unvermittelte Schnitte und ein eigenwilliges Beharren bei einzelnen Einstellungen, das effektiv mit Gewohnheit und Seherwartung spielt. Bedeutsam erscheint mir im übrigen, dass Zimmer den Stil des Films durchgängig als sehr realitätsnah beschreibt: keine Musik, es wird viel mit den natürlichen Geräuschen gearbeitet, etc. Wieder so eine interessante Brechung und Spiegelung des Themas "Illusion und Wirklichkeit". Insgesamt finde ich das an dem Buch ausgesprochen faszinierend und bewundernswert, auf wievielen Ebenen bestimmte thematische Zusammenhänge ineinander verwirkt sind.
Aber zurück zur Story. Frost beginnt die Geschichte, die ihn ihm lauert, zu schreiben. Am nächsten Morgen erwacht er und plötzlich liegt eine Frau neben ihm im Bett. Es handelt sich um die bildhübsche Philosophiestudentin Claire, die man, so behauptet sie zumindest, ebenfalls eingeladen hat, ein paar Wochen im Haus der Freunde von Martin Frost zu verbringen.
Die beiden beschließen, sich aus dem Weg zu gehen und sich in Ruhe zu lassen- Claire muß sich auf ein Philosophieseminar vorbereiten: sinnigerweise geht es dabei offenbar stark um Erkenntnistheorie.
So kommen denn auch in der Folge verschiedene Philosophen zitatweise zu Wort zum Thema Erkenntnistheorie.
Zunächst Berkeley (sinngemaß): Einerseits existiert das, was von Sinnesorganen wahrgenommen wird, nur in dem Geist, desjenigen, der es wahrnimmt.
Andererseits besteht ein Unterschied zwischen der Vorstellung (oder dem Traum!) von etwas, und dieser Sache selbst. (-> Traum von Feuer und tatsächliches Verbrennen).
Im Anschluß an dieses erste Zitat kommt es zu einer plötzlichen, sehr jähen Annäherung zwischen den beiden- nachdem sich herausstellt, dass Claire nicht nur hübsch ist und intelligent, sondern auch Martins Bücher kennt, schätzt und beurteilen kann, verliebt sich Martin in Claire. Praktischerweise beginnt sie daraufhin mit Spontanentkleidung: und die beiden landen im Bett...

Die anschließende Beschreibung der "realitätsnahen" Erotik gefällt mir. Ich finde das ganze Filmkonzept sehr überzeugend...

Die nächsten Szenen sind eine Folge von Zusammenschnitten, die einige Tage im Zusammenleben von Claire und Martin auszugsweise zusammenfassen. Dabei wird der nächste Philosoph zumindestens namentlich platziert, wenn er auch nicht zu Wort kommt: David Hume.
Zu Hume selbst kann ich nicht viel sagen, ich habe mich mit ihm nur philosophiegeschichtlich auseinander gesetzt, nicht mehr als ein paar Wissensbrocken, die ich mir für eine Prüfung drauf geschafft habe. Dementsprechend ist natürlich fast alles weg.

Vielleicht kann jemand "aus dem hohlen Bauch heraus", , wie Bartleebooth das so hübsch genannt hat, was zu Hume sagen?
Wie dem auch sei. Im Anschluß an diese Szenenfolge treffen schlechte Nachrichten ein. Es nähert sich eine Kaltfront der Gegend, die Heizung ist defekt, und Martin erhält telefonisch von Hektor den Rat, sich wegen der Heizung mit dem Installateur in Verbindung zu setzen. Mit Jack
Fortunato...

Bei dem Namen horcht man bei Austers Vorliebe für Geschichten um den Zufall natürlich auf.
Tja. Zumindestens Claire ist vom Unglück verfolgt: Martin erfährt von Hector, dass Claire nicht die ist, die sie vorzugeben scheint: sie ist eine Unbekannte, und keineswegs dazu eingeladen worden, Zeit im Haus von Martin Frost zu verbringen. Wer ist Claire?
Die Antwort, die sie selbst gibt, rührt wieder an die Bedeutung der ganzen Geschichte an sich: "Es ist doch egal, wer ich bin. [...] Es ist egal, weil Du mich liebst. Weil Du mich begehrst. Allein das zählt. Alles andere ist unwichtig."
Das ist ja eigentlich die Frage, die hier aufgeworfen ist: ist es wichtig, ob ein Erlebnis eine Fiktion ist, oder Realität? Macht es für denjenigen, der sie empfindet, dem sie widerfährt, einen Unterschied?
Eine Vorab-Antwort gibt einige Absätze später Martin Frost selbst: "Leider hatte Claire Recht. Ich habe sie geliebt, und ich habe sie begehrt. Aber wie kann man jemanden lieben, dem man nicht vertraut?".
Wenn wir im erkenntnistheoretischen Kontext bleiben: macht also der Skrupel den Unterschied, das Hinterfragen unserer Erkenntnismöglichkeiten? Sorgt das Reflektionsvermögen dafür, dass wir kein Vertrauen in die Authentizität der Wahrnehmung haben? Macht das den Unterschied zwischen Illusion und Wirklichkeit?
Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, muß Martin Frost die Geschichte in seinem Inneren weiter auf die Spitze treiben: in seinem Geist verwandelt sich die kluge Philosphiestudentin in eine Verführerin im kleinen Schwarzen. Bei einem gemeinsamen Abendessen macht Martin einige sensorische Erfahrungen...

Ein Stuhl bricht unter ihm zusammen. Er spritzt sich Zitrone in die Augen. Ihm läuft Salat-Dressing auf das Hemd.
Ein Slapstick Element. Oder?
Aber worauf will Auster damit hinaus? Geht es ihm um eine komische Brechung der Spannung? Oder sind die (schmerzvollen) Erfahrungen so etwas wie Beispiele für Sinneswahrnehmungen?
Was würde wohl passieren, wenn man die Nacherzählung des Films streng als Parabel behandeln würde?

David Zimmer nennt diese Szenen übrigens im Nachhinein einen "komischen Klamauk". Wichtig ist allerdings, wie die Szene endet.
Durch eine Diskussion darüber, wie Martin denn mit seiner Erzählung vorankommt, ergibt sich eine interessante Konfrontation:
Martin: "[...] Ich würde sagen, es geht sehr gut voran."
Claire: "Siehst Du?"
Martin: "Was soll ich sehen?"
Claire: "Ach, Martin. Das ist doch klar."
Martin: "Nein, Claire, ist es nicht. Ich sehe gar nichts.[...]"
Claire: "Du Ärmster. Du solltest nicht so streng mit Dir sein".
Das Gespräch gerät ins Stocken. Dann kommt die Szene, in der Martin sich mit Dressing beckleckert. Dadurch, dass Martin sich mit Dressing beckleckert und sich aufrichtig darüber ärgert, erlebt Claire plötzlich den lebendigsten Moment des Films: "Keine andere Szene des Films gibt den Eindruck von Leben und Fülle besser wieder als diese. Für einige Momente ist Claire unzerstörbar geworden, die Verkörperung reiner menschlicher Ausstrahlung".
Unmittelbar im Anschluß bricht die Szene jäh ab und wechselt auf eine lange Aufnahme vom Mond (!) über den Bäumen.
Dann kommt die Erklärung für die Lebendigkeit von Claire. Martin hat sich entschieden, alle Zweifel fallen zu lassen, und Claire "blindlings" zu vetrauen. Es wäre interessant zu wissen, welches Wort da für "blindlings" im amerikanischen Original steht? Blindlings wäre ja im Zusammenhang mit einer möglichen Parabeldeutung ein sehr interessanter Begriff...
Alles ist gut. Bis Claire plötzlich einen Zusammenbruch im Garten hat. Von da an geht es bergab mit Ihr: sie wird immer schwächer, ein geheimnisvolles Fieber ergreift sie. Zeitgleich nähert sich Martin mit der Niederschrift seiner Geschichte dem Ende.
Wiederum plötzlich tritt bei Claire Besserung ein. Und liest Martin (spöttisch, wie es heißt), das Kant-Zitat von weiter oben vor:
"...dass die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen... und dass, wenn wir unser Subjekt oder auch auch nur die subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte im Raum und Zeit, ja selbst Raum und Zeit verschwinden würden."
Nach der kurzen Besserung verschlechtert sich Claires Zustand wieder massiv, gleichzeitig tritt die angekündigte Kaltwetterfront in Erscheinung. Da er Fortunato vergessen hat (...) macht Martin Feuer im Kamin in Claires Zimmer. Er erzählt ihr (und uns) zum ersten Mal konkret von seiner Geschichte: zwei Namen werden genannt: Anna und Nordstrum. Von einer Falle ist die Rede. Und Claire will wissen, ob Anna es schafft. Daraufhin Martin:
"Das spielt keine Rolle, wichtig ist nur, dass sie zu ihm kommt"
Claire: "Sie hat sich in ihn verliebt, oder?"
Martin: "Auf ihre Weise, ja. Sie riskiert ihr Leben für ihn. Das ist auch eine Form von Liebe, stimmt's?"
Claire begreift plötzlich. Sie muß sich opfern für Martin. Für seine Geschichte. Sie schickt ihn weg, er soll die Geschichte beenden. Während er die letzten Seiten tippt (oder vielleicht dadurch?), beginnt Claire zu sterben.
Als Martin zu ihr kommt ist sie bereits kalt. Also wirft Martin seine Erzählung in den Kamin (kein feuerholz), mit jeder Seite, die er verbrennt, kommt Claire stärker ins Leben zurück. Schließlich ist sie wieder gesund. Zitat: "Sie ist aus dem Reich der Toten zurück gekehrt".
Claire ist entsetzt. Was tut Martin bloß?
Martin: "Ich kaufe Dich zurück. Siebenunddreißig Seiten für Dein Leben. [...]"
Claire macht diese Tat ratlos. Sie hat offenbar Angst. Aber wovor? Vielleicht davor, dass Martin wahnsinnig wird? Dass er die Realität aufgibt?
Es heißt: Martin hat das Rätsel dieser Entzauberung gelöst. Man ahnt es schon, was dieses Rätsel ist, aber so ganz konkret benennen kann ich es jedenfalls nicht...

Dann endet der Film abrupt: "Wir sehen das Haus aus ungefähr fünfzig Metern Entfernung, es steht mitten im Nichts. [...] Alles ist still. [...] Dann wird die Leinwand völlig unvermittelt schwarz."
Tja. Bis zu einem gewißen Punkt hatte ich das gefühl, sehr nah dran zu sein an der Lösung...

Aber so nahe man einer Lösung teilweise kommt- sie entzieht sich durch die Dichte immer wieder und löst sich auf in Vielfältigkeit. Man nehme alleine die verschiedenen Ebenen der Fiktion, der Illusion: die Romanfigur David Zimmer beschreibt einen Film, den die Romanfigur Hector gedreht hat, in dem der fiktive Charakter Martin Frost die fiktive Muse Claire für sich selbst ersinnt, die er dadurch retten muß, dass er eine Geschichte, die er geschrieben hat, in den Kamin wirft. Wow.

Ein sehr spannender Text.
Gruß
Wolfgang