Hi!
Ich empfinde ähnlich wie Flor: Wenn wieder endlose Vergleiche von und mit Personen verfolgen, die ich bestenfalls vom Hörensagen kenne, schaltet mein Gehirn ein wenig auf Durchzug und ich bin froh, wenn diese Passagen endlich vorbei sind.
Hugos Schreibstil ist sehr ausschweifend und ich stehe dem ein wenig gespalten gegenüber. Exkurse über die Pariser Strassenjungen wie im 1. Buch sind sehr interessant und auch für jemanden verständlich, der weder in Frankreich noch im 19. Jahrhundert lebt. Die Abschweifungen, in denen er mit Namen nur so um sich wirft, müssten meinetwegen nicht sein. Natürlich könnte man der Sache heutzutage dank Internet relativ unaufwändig nachgehen. Aber wenn ich das wirklich über 1600 Seiten durchziehen wollte, wäre ich in einem halben Jahr noch an diesem Buch. Und dafür interessieren mich die Hintergründe dann doch zu wenig.
Überhaupt ist "Die Elenden" das erste Buch, bei dem ich mir vorstellen könnte, eine gekürzte Fassung zu lesen. (Gut, fragt sich dann immer noch
was gekürzt wird.)
3. BuchMir war der alte Gillenormand nach den Beschreibungen in Buch 2 zunächst auch sehr sympathisch. Das hat sich im Verlauf von Buch 3 aber geändert. Natürlich will er für den Jungen nur das beste, aber das Beispiel zeigt einmal mehr, dass extreme Ansichten nie gut sind.
Einerseits tragisch, dass Marius seinen Vater nicht mehr lebend antraf, andrerseits vielleicht besser so. Das Gespräch zwischen den beiden wäre wohl zumindest zu Anfang nicht sehr herzlich gewesen. Und wenn der Oberst seinem Sohn all das hätte sagen können, was später der alte Pfarrer enthüllte, wäre Marius' Verlust wohl doppelt so schlimm gewesen. Dass Marius nach dem Tod seines Vaters zum glühenden Verfechter Bonapartes wird, ist wohl eher dem Schock, dass er sein Leben lang belogen und der Enttäuschung darüber zu verdanken als wahren politischen Einsichten. Aber wer will es ihm verdenken, er ist ja schliesslich erst 17... Das sind Dinge, die mir an "Die Elenden" sehr gut gefallen: Hugo beobachtet sehr genau und kann Charaktereigenschaften und Reaktionen wirklich sehr anschaulich schildern. Das ist es auch, was mir über die öden Stellen hinweghilft, wie sie auch in Buch 4 wieder auftauchen.
4. BuchOben erwähnte öde Stelle ist etwa das leere Gelabere im Kapitel "Das Hinterzimmer im Café Musain", in dem seitenlang geschwatzt wird, ohne wirklich etwas zu sagen. Auf die Zähne beissen und durch, heisst es da. Zumal man am Ende immer noch nicht viel schlauer über die politischen Ansichten der ABC-Mitglieder ist. Aber da fehlt mir vielleicht auch einfach das Hintergrundwissen. Lesern zu Zeiten Victor Hugo wäre nachher vielleicht alles klar gewesen. So müssen wir auf Marius' Ansprache und die Reaktion seiner Kollegen warten, um wenigstens etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
An dieser Stelle ist etwa die Hälfte des Buches geschafft. Eine kurze Zwischenbilanz fällt so aus: Ich bin gespannt, wie es weiter geht und ich freue mich eigentlich auch auf das Weiterlesen. Aber ich hoffe, dass nicht mehr allzu viele mir nichts sagende Kapitel auftauchen. Für einen Re-Read kommt "Die Elenden" in einer vollständigen Ausgabe derzeit nicht in Betracht. Aber vielleicht erzähle ich in zehn Jahren etwas anderes

Liebe Grüsse
Alfa Romea