Viola Alvarez – Wer gab dir, Liebe, die GewaltSchon die Geburt des jungen Walther, dessen Vater den kargen Vogelweidhof bewirtschaftet, ist von seltsamen Ereignissen umgeben. So begegnet Vater Herrmann während der Niederkunft seiner Frau einem merkwürdigen Mönch, der ihm prophezeit, dass er seinen Jungen nicht auf dem Bauernhof halten können wird. Der Sohn, so spricht er, werde „mit Sand in den Schuhen geboren“.
Walther erweist sich denn auch als seltsames Kind, das lieber „Gott zusieht“, anstatt zu spielen, das menschliche Berührungen verabscheut und den Dingen neue Namen gibt. Er ist sehr wortkarg und sein Vater Herrmann vermag es nicht, eine richtige Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen, auch wenn seine Liebe zu dem seltsamen Jungen groß ist. Walthers Mutter Gunis verabscheut ihren Ehemann, ist unzufrieden mit ihrem Leben und gibt Herrmann die Schuld dafür. Anstatt sich um ihren Sohn zu kümmern, geht sie lieber der Schönheitspflege nach oder bemitleidet sich selbst.
Als Herrmann schließlich früh an „etwas ganz Kleinem“ verstirbt, erklärt sich Gunis – mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Liebe – bereit, ihren Sohn mit auf die Burg des Herzogs Friedehalm vom Grödnertal zu nehmen. Dort wittert sie die Chance auf ein besseres Leben und wird zur inoffiziellen Ehefrau des Herzogs. Doch Walther ist dort alles andere als glücklich, zerwirft sich mit dem Herzog und seinem Sohn und landet schließlich sogar im Kerker. In diesen Tagen verändert sich etwas in ihm, er wird verbittert, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund, prügelt sich häufig, sucht Streit und vergnügt sich zügellos mit der Damenwelt.
An einem Tag, als er wieder einmal grundlos Streit sucht, eine Schlägerei, um sich zu spüren, begegnet er in einem Wirtshaus der gutmütigen, strenggläubigen Anna, die er unwillkürlich vor einem aufdringlichen Kerl schützt und in die er sich schließlich unsterblich verliebt. Und obwohl sich die Wege der beiden nach nur einem intensiven Gespräch wieder trennen, ohne auch nur einen Kuss ausgetauscht zu haben, hält diese Liebe in beider Seelen ein Leben lang. Walther zieht Kraft daraus, sich in Gedanken mit seiner Anna zu unterhalten, die ihm so fern und doch so nah ist. Zu einem gemeinsamen Leben mit ihr sähe er sich jedoch nicht imstande.
Walthers Leben führt ihn vom Hof des Herzogs Friedrich von Österreich an zahlreiche weitere Höfe, er bringt es mit seinen Gedichten zu Ruhm und Ansehen – und doch lebt er meist von der Hand in den Mund, ist auf die Gunst hoher Herren angewiesen und bleibt immer ein vom Leben benachteiligter Fahrender. Trotz dieses unsteten Lebens wird ihm von mehreren Seiten wirkliche, innige Freundschaft zuteil, die Walther aufgrund seiner Verschlossenheit nur schwerlich erwidern kann.
Viola Alvarez schildert eindrucksvoll die fiktive Lebensgeschichte des bis heute bekannten mittelalterlichen Dichters Walther von der Vogelweide. Mangels historischer Zeugnisse über dessen Leben stützt sie sich vor allem auf seine Gedichte und die darin transportierten Gefühle. Als Stilmittel tauchen in dem Buch immer wieder Gedichte aus dem Werk des bis heute bekannten Dichters auf, gewöhnlich in mittelhochdeutscher Sprache und der hochdeutschen Übersetzung.
Gemäß Vorwort existiert von Vogelweide lediglich ein einziges nichtliterarisches Zeugnis: eine Rechnung über einen Mantel. Und sogar dieses Zeugnis taucht in dem Roman auf.
Ganz besonders beeindruckt und berührt hat mich die eindringliche und psychologisch ausgefeilte Schilderung der Gefühls- und Gedankenwelt dieses so bekannten Dichters – ein Psychogramm, beruhend auf seinen Gedichten. Zuweilen poetisch anmutend schildert sie die Melancholie und Schwermut des Künstlers, aber auch sein zuweilen ungestümes, oft sogar aggressives Verhalten. Auch weiß er um sein Talent und lässt sich häufig zu Arroganz und Übermut hinreißen, was ihn mir nicht eben sympathisch machte. Aber dennoch hat mich sein Portrait unglaublich fasziniert und ich konnte es teilweise gar nicht glauben, wie gut ich mich mit manchen seiner Gefühle, seiner Gedanken und Ausbrüche identifizieren konnte. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Autorin gebe 1:1 meine eigene Gedankenwelt wieder.
Trotz seiner ausgeprägten dunklen Seite hat auch Walther einen guten Kern, und so fieberte ich immer mit, ärgerte mich über ungerechte Behandlung des Dichteres und den Standesdünkel der hohen Damen und Herren und hoffte mit ihm, dass er schließlich doch noch eine kleine Scheibe Glück abbekommt.
Sprachlich ist das Buch sehr ansprechend, zuweilen poetisch, immer ausgefeilt und atmosphärisch. Insbesondere die Schilderung des Lebens am Hof sowie der höfischen Gesellschaft, die sich als nur allzu menschlich herausstellt, ist zuweilen auch sehr humorvoll. Dies lockerte die Geschichte auf und brachte mich nicht selten auch zum Schmunzeln. Beispielsweise wird König Philipp der Schöne als gutmütige, aber schwache Persönlichkeit mit schwäbischem Dialekt dargestellt, dessen wichtigste Ratgeberin seine Ehefrau ist, ohne die er auch ungern Entscheidungen trifft. Die oft spöttische und doch liebenswerte Schilderung der hohen Adligen hat mir sehr gut gefallen.
Fazit: „Wer gab dir, Liebe, die Gewalt“ ist ein gelungenes fiktives Portrait über den wichtigsten Literaten des Mittelalters, dessen Werke uns bis heute berühren. Ein außergewöhnlicher historischer Roman, der zu meinen Lesehighlights des Jahres 2011 gehört.
