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Autor Thema: Doris Lessing - Das fünfte Kind  (Gelesen 1911 mal)

elsabina

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Re: Doris Lessing - Das fünfte Kind
« Antwort #15 am: 03. April 2009, 18:14:56 »

Hallo Ihr,

die Rezi hört sich sehr vielversprechend an.

Das Buch habe ich schon lange, leider bisher noch ungelesen - da es nicht soooo dick ist, sollte ich mir überlegen, es zwischen den anderen Büchern noch zu lesen.


Schließlich kommen jetzt viele Feiertage.


Liebe Grüße

gretchen  :winken:

Solltest du unbedingt machen. Es ist spannend geschrieben und berührt eben auch. Und mMn ist es auch leicht zu lesen, also wenn du es mal in die Hand genommen hast, legst du es nicht mehr beseite.

Bücherdiebin

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Re: Doris Lessing - Das fünfte Kind
« Antwort #16 am: 06. Januar 2012, 20:26:55 »

Ich kann die Reaktion der Mutter gut verstehen, als sie Ben in diesem Heim vor sich hin vegetieren sah und sofort beschloss, ihn mitzunehmen, selbst in Anbetracht der Tatsache, wie sehr ihr Sohn das Familienleben beeinträchtigen würde. Weniger verständlich ist mir allerdings, warum sie und ihr Mann nichts unternahmen, um Ben in irgendeiner Weise zu fördern. Die fraglichen Lebensjahre des Jungen lagen zwischen 1980 und etwa 1990, also einer Zeit, in der es durchaus die Möglichkeit gab, sich mit solchen Kindern fachkundig zu befassen. Stattdessen wird ein Heim beschrieben, in dem Zustände herrschen, wie man sie vielleicht vor mehreren Jahrzehnten einmal vorgefunden hat, aber sicher nicht in den 80er Jahren.

Die Mutter war für mich die unsympathischste Figur im Buch, gerade wegen dem, was du hier ansprichst: Dem "normalen" Sohn Paul lassen sie eine Psychotherapie zukommen, für den "Gremlin" Ben zahlt es sich anscheinend nicht aus, weil er ja so "menschenunähnlich" ist. Gleichzeitig beschwert man sich über sein Verhalten.
Harriet ist eine Figur, an der ich mich wirklich sehr stoße: Sie wird im denkbar schlechtesten Fall schwanger und anstatt sich das einzugestehen empfindet sie das Kind als schuldig, noch bevor es geboren ist. Meiner Meinung nach bildet sie sich einiges ein, beginnend bei den brennenden Schmerzen im Unterleib. Kein Wunder, dass sich Ben zwischendurch selbst nur noch "armer Ben" nennt - das Buch beschreibt die Gehirnspinnste dieser Frau, aber ab und zu klingt durch, was die Außenwelt denkt fernab der Familie.
Der Arzt und die Psychologin sind überzeugt davon, dass der kleine, vom Denken her etwas beeinträchtigte Junge so geworden ist, weil er von seiner Familie von Anfang an keine Liebe erfahren hat. (Auch autistische Kinder reagieren auf Umarmungen nicht, was aber längst nicht heißt, dass man ihnen deswegen alle Zuneigung verwehren sollte, oder?)
Dieses "Unausgesprochene", das Harriet an anderen Menschen immer wieder bemerkt, deutet sie auch nach ihrer Weise etwas falsch, so wie ich das sehe. Darin spiegelt sich gewiss auch ein Schock darüber, wie sie über ihren eigenen Sohn spricht z.B. wieder, nicht nur "Grauen" vor ebenjenem Kind.
Dann auch immer wieder die Untätigkeit dieser Frau: Sie ist von den Schwangerschaften, die sie selbst gewollt hat, überfordert und Verwandte müssen einiges übernehmen. Als ihr Mann dann in richtigen Arbeitsstress gerät um die teuren Maßnahmen zur vergeblichen Wiederherstellung des Familienglücks zu bezahlen, kommt die Gute nicht auf die Idee, sie könne arbeiten gehen, obgleich es nicht einmal mehr wirklich Kinder zum Aufpassen gäbe. Damit würde sie ja sogar ihrer Vereinsamung entgegenwirken können...
Stattdessen tut sie nie was Nennenswertes, lässt sich später sogar von Bens Freunden einschüchtern. Und hofft stets auf ein Wunder...

Eigentlich ist Ben ja auch eher Sündenbock als "Täter"; das Auseinanderbrechen der Familie wird auf ihn abgewälzt, ohne das je versucht wurde, ihn ernsthaft zu integrieren - man hat ja eher das Gefühl, die Familie verteidigt ihr "warmes Nest", ihre eingefahrenen konservativen Traditionen "gegen" das Verhalten und die Bedürfnisse dieses sonderbaren Kindes (z. B. als Ben in das Zimmer gesperrt wird, dessen Fenster zuvor vergittert wurde, und nun wütend an den Stäben rüttelt, während alle anderen im Wohnzimmer versuchen, sein Wutgeschrei zu überhören).

Jedenfalls finde ich die Frage interessant: Ist Ben nur eine "literarische Konstruktion", um das Auseinanderfallen der Familie zu begründen, soll er tatsächlich ein "Rückschlag" sein oder einfach ein behindertes Kind, dessen Behinderung mit obskuren Erklärungsversuchen ignoriert wird (wobei es ja tatsächlich Behinderte gibt, die wesentlich älter aussehen, als sie sind)????

Das ist für mich das Geniale an dem Buch: Die Autorin beschreibt auf nachvollziehbare Weise die Sicht einer Frau, die sogar in ihrem näheren Umfeld eine andere Mutter mit behindertem Kind hat, aber trotzdem keine Rückschlüsse auf ihr eigenes "Monster" zu ziehen imstande ist. Die Fortsetzung kenne ich zwar noch nicht, aber ich finde du hast mit beidem Recht: Für die Familie ist Ben eine "Konstruktion" auf der ihr Unglück fußt, ganz für sich ist Ben ein Kind mit ungeheurer Wut darüber, dass die Behinderung in ihm ignoriert und er als grundauf böse ausgelegt wird.

...diese Harriet... Ich könnte mich noch Stunden über ihr widersprüchliches Verhalten aufregen, so sehr ist mir der Roman unter die Haut gegangen... Er ist fesselnd erzählt, finde ich.
« Letzte Änderung: 06. Januar 2012, 20:32:33 von Bücherdiebin »
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- Elias Canetti