Ich hatte einige Schwierigkeiten mit diesem Buch. Die Mutter Harriet fand ich noch einigermaßen glaubwürdig, aber der Vater und vor allem Ben, das 5. Kind, kamen mir vor wie Gestalten aus einem schlechten Groschenroman.
Ich kann die Reaktion der Mutter gut verstehen, als sie Ben in diesem Heim vor sich hin vegetieren sah und sofort beschloss, ihn mitzunehmen, selbst in Anbetracht der Tatsache, wie sehr ihr Sohn das Familienleben beeinträchtigen würde. Weniger verständlich ist mir allerdings, warum sie und ihr Mann nichts unternahmen, um Ben in irgendeiner Weise zu fördern. Die fraglichen Lebensjahre des Jungen lagen zwischen 1980 und etwa 1990, also einer Zeit, in der es durchaus die Möglichkeit gab, sich mit solchen Kindern fachkundig zu befassen. Stattdessen wird ein Heim beschrieben, in dem Zustände herrschen, wie man sie vielleicht vor mehreren Jahrzehnten einmal vorgefunden hat, aber sicher nicht in den 80er Jahren.
Der Stil der Geschichte gefiel mir nicht besonders. Er war meist sachlich und nüchtern, aber in dem Ausmaß, dass immer eine gewisse Distanz erhalten blieb, und rutschte manchmal in triviale Schichten ab. Allein, wie die Eltern allen Ernstes überlegen, ob sich bei Ben ein Gen erhalten hat, das sich seit Jahrhunderten nicht mehr weiterentwickelte und ihn deshalb auf lebensnotwendige Fähigkeiten reduziert

. Ich hatte das Gefühl, sie sprechen von einem Neandertaler. Es fällt schwer zu glauben, dass ein Ehepaar, das sich viele Kinder wünscht, derart emotionslos von seinem Sohn spricht und ihn einfach als hoffnungslos abhakt, keinen Versuch unternimmt, ihm Hilfe von außen zukommen zu lassen.
Das Thema an sich finde ich sehr interessant. Der Zwiespalt einer Mutter, die sich in der Pflicht sieht, als Einzige für ein ungeliebtes Kind etwas zu tun, auch wenn die restliche Familie dabei auseinander bricht, bietet mehr Möglichkeiten. Zeitweilig wurde gut und eindringlich beschrieben, unter welchem Druck und welcher Zerrissenheit die Familie leidet. Die Ohnmacht des Vaters blieb jedoch außen vor. Im normalen Leben kann eine solche Konstellation äußerst negative Folgen mit sich bringen. Als Leser bekommt man Gelegenheit, sich ausreichend Gedanken über diese Folgen von Kindesvernachlässigung zu machen, das Buch endet nämlich sehr abrupt ohne richtiges Ende.
Die Fortsetzung werde ich mir ersparen.

Grüße
Doris