So, hier nun meine Rezension:Carl Streator ist Journalist und als solcher soll er eine Reihe über den plötzlichen Kindstod in einer Zeitung veröffentlichen. Sein Redakteur hat von Anfang an von ihm verlangt, immer auf alle Details zu achten, so dauert es auch nicht lang, bis der Journalist dahinter kommt, was diesen plötzlichen und ohne Verletzungen auftretenden Tod verursacht haben könnte. In jedem Kinderzimmer, in dem vor kurzem erst ein Kind gestorben ist, findet er das Buch "Gedichte und Lieder aus aller Welt". Und seltsamerweise ist das Buch immer auf Seite 27 aufgeschlagen. Auf dieser Seite befindet sich ein Gedicht, eigentlich ein Schlaflied, das Carl mehr als nur bekannt vorkommt. Er hat es nämlich vor rund 20 Jahren seinem Sohn und seiner Frau vorgelesen - am Abend, bevor diese starben.
Das Lied scheint aus Afrika zu stammen, es handelt sich um ein sogenanntes "Merzlied". Ein Lied, das töten kann, wenn man es einem Menschen vorliest oder auch nur an ihn denkt, während man es aufsagt. So ganz kann der Journalist noch nicht an die Wirkung des Liedes, in dem es eigentlich um Tiere geht, die schlafen gehen, glauben, deshalb testet er die Wirkung an seinem Redakteur. Als dieser am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommt, ist für Streator alles klar.
Er forscht ein bisschen nach und stößt auf die Maklerin Helen Hoover Boyle, deren Sekretärin Mona Sabbat und deren Freund Oyster. Alle drei wissen über das Merzlied Bescheid, Helen ist jedoch außer Carl die einzige, die auch den Inhalt des Liedes kennt und anscheinend erfolgreich einsetzt. Die Truppe macht sich auf den Weg quer durch Amerika, um alle Exemplare von "Geschichten und Lieder aus aller Welt" aus dem Verkehr zu ziehen, bevor es in falsche Hände gerät. Auf der Suche nach den Büchern hinterlassen sie eine Spur von Leichen, geraten sich hin und wieder in die Haare, verlieben sich, haben Spaß, denken über den Unterschied von Gut und Böse nach und von etwas begleitet, das unglaubliche Macht besitzt.
Der Amerikaner mit der französisch-russischen Abstammung wurde 1962 geboren, wollte schon immer Autor werden. Erst nach einem einschneidenden Erlebnis verwirklichte er diesen Traum und landete mit "Fight Club" gleich einen Bestseller. Auch "Lullaby" hat durchaus das Zeug dazu, Kultstatus zu erlangen. Der Roman wird aus Sicht des Reporters Carl Streator erzählt. Streator ist eine verzweifelte Figur, genauso wie seine drei Begleiter. Palahniuk hat es geschafft, diese Verzweiflung einzufangen. Durch die Plastizität, über die seine Figuren verfügen, schafft er es sogar, dass man ihm als Leser abnimmt, dass Worte töten können.
Man erwischt sich bei der Lektüre dabei, darüber nachzudenken, wie gerechtfertigt im jeweiligen Fall die Anwendung des Merzliedes nun war und was passieren würde, würde man das Lied per Massenmedien verbreiten. "Phobiker der Stille", so nennt Palahniuk die Menschen unserer Zeit, da wir ständig von einer Geräuschkulisse umgeben sind. Stille, das könnte das Merzlied der Welt bescheren. Man könnte die Überbevölkerung abschaffen, Terroristen, Massenmörder, Diktatoren von der Bildfläche verschwinden lassen - und würde sich dazu selbst in einen machthungrigen Diktator, Terroristen, Massenmörder verwandeln.
Ein wirklich genial-beängstigendes Buch, schräg und komisch, aber vor allem nachdenklich und irgendwie düster. Ein Must-Read!
