Autor Thema: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb  (Gelesen 3331 mal)

Offline Murmelaugenfrau

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Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« am: 14. Oktober 2006, 09:25:26 Vormittag »
Hallo ihr alle,

meine letzte Lektüre:

Was vom Tage übrig blieb.



Ein gealterter Butler, Mr. Stevens, eines noblen Anwesens begibt sich mit dem Auto seines neuen Herrn auf eine Reise durch England. Dabei hofft er auf eine Zusammenkunft mit einer ehemaligen Angestellten, die er zur Rückkehr in den einstigen Berufsstand befragen will. Mit der Reise steigen Erinnerungen auf: an alle wichtigen Begebenheiten seiner Karriere, an das Verhältnis zu seinem ehemaligen Dienstherrn und an Mitarbeiter und Bekannte. Und so bekommt der Leser mit steigender Seitenzahl einen Einblick in die ehrvollen Tätigkeiten eines echten englischen Butlers, aber auch in sein Seelenleben.

Das klingt wenig mitreißend. Die Geschichte beginnt und bleibt plätschernd. Doch kann man einfach nicht aufhören zu lesen. Denn es wird ein außergewöhnlicher Mensch gezeigt, seine Zwänge, denen er sich nicht entziehen kann. Große Fragen werden im Text aufgeworfen und immer wieder erläutert. Der Geist des Protagonisten dreht sich, genau wie seine Handlungen einzig um das Thema "Was macht einen wahrhaft großen Butler aus?"...
Dazu kommt eine interessante Geschichte, die der Zeit der großen Kriege und der Macht "wichtiger Männer".
Fazit: Die Beschreibung eines besonderen Menschenlebens, dem so ganz das fehlt, was den meisten als glückliches Leben erscheint. Für mich ein unterhaltendes, aber auch stellenweise quälendes Buch.
Trotz allem könnte es für einige langweilig erscheinen. Aus diesem Grund:

 :tipp:

Liebe Grüße
Lu

Offline HoldenCaulfield

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #1 am: 14. Oktober 2006, 21:57:51 Nachmittag »
Ich finde dieses Buch einfach nur so wunderbar! Schön das es dir auch gefallen hat!!

Was passiert am Ende unsres Lebens? Werden wir uns fragen ob unser Leben anders hätte verlaufen können? Werden wir uns Fragen ob wir etwas verpasst haben? Von verpassten Gelegenheiten und einem Leben das irgendwie nie einem selbst gehört hat handelt dieses Buch, von einem Mann der am Ende seines Lebens merkt das er vielleicht doch etwas verpasst hat...
Schon jetzt eines meiner absoluten Jahreshighlights

5ratten
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Sonnenschirm

Offline Nemo

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #2 am: 10. Mai 2007, 16:17:24 Nachmittag »
Der Butler Stevens ist noch vom alten Schlag: Nie zieht er seinen Dienstherren in Zweifel und nur in den seltensten Fällen sich selbst. Er nimmt zwar wahr, was um ihn herum geschieht, was in ihm geschieht, aber das war es auch schon. Er reflektiert nicht. Dieser Stevens erzählt uns von einer Reise, die er macht, um Miss Kenton wieder zu sehen. Rein beruflich natürlich - er will sie wieder einstellen, die ehem. Haushälterin. Dass er sie liebt, dass er sie seit so vielen Jahren liebt, spricht er nicht einmal in Gedanken deutlich aus.
Auf dieser Reise kommen Erinnerungen hoch in Stevens. Kleine Ausschnitte nur und von denen erzählt er nicht alles, vieles wird dem
Leser nur suggeriert. Stevens ist eigentlich ein kluger Mann, aber er kann ich mit menschen umgehen. Dies wird am deutlichsten im Umgang mit Miss Kenton, aber auch, als ihn jemand nach seiner Definition von Würde fragt. Über dieses Thema hat er zuvor über Seiten hinweg referiert; die Antwort jedoch, die er diesem Mann gibt, ist derart, dass ich das Buch zugeschlagen und stöhnend den Kopf in meinen Händen vergraben habe. (STEVENS! Was soll das?) Ebenso unfähig ist Stevens zu scherzen, auch wenn er glaubt, diesen 'Fehler' durch genügend Üben aus der Welt zu schaffen.

Das Buch hat eine wunderschön traurige Grundstimmung. Man hat Mitleid mit Stevens, die ganze Zeit über, und weiß zu Beginn noch nicht einmal wirklich warum. Die Zeilen ziehen einen sofort hinein in diesen Sog. Stevens Stimme ist wunderbar einprägsam und bereits ganz zu Anfang, vor allem gegen Schluss hatte ich ein Bild von ihm im Kopf. Ich konnte ihn vor mir sehen, wie er diese und jene Geste macht, ich wusste genau, wie er sich hinsetzt, als die Zeile "Ich stellte mein Tablett ab und setzte mich -in gehöriger Haltung- in den Sessel, auf den Mr. Cardinal deutete." kam. Es ist eine Zitat von den letzten 30 Seiten und zu diesem Zeitpunkt ist Stevens so lebendig in mir gewesen, dass es mich nicht gewundert hätte, wäre er aus dem Schatten getreten und hätte sich vor mir verbeugt, sich nach meinen Wünschen erkundigt und ob das Buch zu meiner Zufriedenheit gewesen wäre.

Es gibt 2 Kritikpunkte. Einmal, dass an manchen Stellen die Zurückhaltung von Steven die Erzählstimme beinahe unglaubwürdig macht. Er weint und das erfahren wir, indem Andere sagen: "Aber Stevens, Sie weinen ja.". Hier hätte ich einen Satz wie "Ich weinte." realistischer gefunden, als die vollkommene Verleumdung dieser Tatsache bei gleichzeitigem Wiedergeben der Reaktionen seiner Mitmenschen. (Allerdings gab das eine wunderbar traurige Stimmung.).
Zum anderen wird man meiner Meinung nach auf den letzten 2 Seiten oder so zu deutlich auf zwei Kernaspekte des Buches gestoßen, aber ich denke, dass sich all diejenige, die das Buch für den Unterricht oder etwas anderes interpretieren müssen, dafür dankbar sind.
Mein neues Lieblingsbuch. ^^ Ich bin immer noch am rumblättern und Stellen ein zweites Mal lesen. :herz:

5ratten   :marypipeshalbeprivatmaus: :tipp:
Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr.
~ A. Einstein

Man umgebe mich mit Luxus; auf das Notwendige kann ich verzichten.
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............................
:lesen: Hundert Jahre Einsamkeit - Marquez

Offline Dostoevskij

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #3 am: 13. Oktober 2007, 12:50:24 Nachmittag »
Moin, Moin!

Ein exemplarischer Mensch, dieser Stevens. Ein Mensch, der Ergebenheit, Unterwürfigkeit vevollkommnet hat, der glaubt, einem Ideal folgen zu müssen, so daß wir Leser nur nach und nach dahinter kommen, wie sehr er dadurch eigentlich verbogen wurde, obwohl er äußerlich, gentlemenlike, gar nicht kerzengerader stehen könnte. Mich erinnerte der Butler an Heinrich Manns "Der Untertan". Ein Typus Mensch, der die eigenen Urteilskraft zugunsten eines diffusen Lebens- oder Berufsideal vollständig aufgibt und sich einem Dienstherrn verpflichtet, auch wenn dieser eindeutig die falschen Wege geht. Ein letztendlich verfuschtes Leben, eine ungelebte Liebe (mit grandios Subtilität geschildert) - aber alle mit besten Haltungsnoten. Bei Stevens Bemühen, den Smalltalk zu lernen, kam mir stets Data in den Sinn, welcher wohl ebenso erfolglos ureigenste menschliche Regungen erlernen wollte.

Dies war mein erstes Buch von Ishiguro. Die Lust auf ein nächstes von ihm ist mit jeder Seite bei "The Remains of the Days" größer geworden.
« Letzte Änderung: 13. Oktober 2007, 12:53:45 Nachmittag von Dostoevskij »
Keep reading, Markus Kolbeck
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Offline tjaa

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #4 am: 29. Oktober 2007, 20:30:43 Nachmittag »
Ich habe das Buch zwar noch nicht gelesen, lese aber gerade "Alles war wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro. Dann werde ich mir "Was vom Tage übrig blieb" auf jeden Fall auch noch zulegen :)

Offline tjaa

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #5 am: 15. Januar 2008, 15:26:33 Nachmittag »

Verlag: btb
Seitenanzahl: 287 Seiten
Taschenbuch

Autor
Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren und kam im Alter von sechs Jahren nach England. Er studierte Anglistik und Philosophie und war eine Zeitlang als Sozialarbeiter tätig. Für seinen Roman "Was vom Tage übrigblieb" wurde ihm 1989 der "Booker Prize" verliehen. Ishiguro erhielt zahlreiche Auszeichnungen; sein Werk wurde in 28 Sprachen übersetzt. Heute lebt Ishiguro mit seiner Familie in London.

Klappentext
Seit mehr als dreißig Jahren dient Stevens als Butler auf Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person, niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. So vergehen die Jahre, bis ihn plötzlich die Vergangenheit einholt.
Eine wunderschön-melancholische Liebesgeschichte - verfilmt mit Emma Thompson und Anthony Hopkins.

Meine Meinung
Nachdem ich zum Geburtstag von meiner Mutter "Alles, was wir geben mussten" geschenkt bekam und mir das sehr gut gefallen hat, habe ich nun zu Weihnachten auch noch das bekommen. Wieder hat Ishiguro ein sehr ausgefallenes Thema für seinen Roman gewählt. "Was vom Tage übrigblieb" erschien bereits 1989 im Original unter dem Titel "The Remains of the Day".
Die Lebensgeschichte, die man eigentlich eher Arbeitsgeschichte nennen müsste, ist ähnlich wie ein Tagebuch aus der Sicht des Butlers Stevens geschrieben. Er beschreibt während einer Reise zu seiner früheren Arbeitskollegin Miss Kenton im Rückblick Vorgänge in dem Herrenhaus unter Lord Darlington und sein Verhältnis zu den anderen Bediensteten.
Das Thema selbst klingt möglicherweise eher uninteressant, doch durch die außergewöhnliche Schreibweise, die immer vorhandene besondere Stimmung (so habe ich es zumindest empfunden) und die eindrucksvollen Charakterisierungen von Miss Kenton, seinem Vater und Lord Darlington wird das Buch zu einem tollen Werk.
Mir ist aufgefallen, dass der Ich-Erzähler Stevens zwar sehr sympathisch schreibt, seine Handlungen jedoch teilweise unverständlich gewesen sind. So erzählt er Anekdoten aus dem Leben seines würdevollen Vaters, auch seinerzeit Butler, als der Vater jedoch stirbt hat er wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er schiebt es auf die Gäste und die damit verbundene Arbeit für ihn.
Genauso kann er trotz persönlicher Gespräche keine richtige Bindung zu Miss Kenton aufbauen, als diese das Haus verlässt reagiert er gleichgültig. Er lässt keinerlei Gefühle nach außen dringen. Erst zu Ende des Buches wird er etwas persönlicher mit ihr.

Für mich hat dieser Roman wenig mit Liebesgeschichte zu tun, so habe ich das zumindest empfunden. Der Roman beschreibt die innere Gefühlswelt eines Butlers in der Mitte des 20. Jahrhunderts, der absolut loyal gegenüber seinem Lord ist. Über die fragwürden politische Treffen in dem Haus urteilt er nicht. Mr. Stevens philosophiert jedoch gerne über die Würde eines Butlers und seine Definition.
Trotzdem ist es unheimlich interessant geschrieben, Ishiguro wählt seine Worte ganz genau. Das Buch war gut zu lesen, gab an einigen Stellen zu denken und gibt einen guten Einblick in das Leben eines Butlers, das kaum Intimität erlaubt.

Schade, dass in meiner Ausgabe (Falls jemand von euch die gleiche Ausgabe hat: Ist das bei euch auch so?) sehr viele Schreibfehler waren. Immer wieder sind mir falsche Buchstaben und fehlende Satzzeichen aufgefallen.

Ich gebe dem Buch  4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:


EDIT
Hallo tjaa, ich habe deinen Beitrag an den bereits bestehenden Thread angehängt. LG Seychella


Edit: Ups, sorry. Hatte ich irgendwie übersehen obwohl ich selbst hier schon gepostet hab. Nochmal Sorry!! ;)
« Letzte Änderung: 15. Januar 2008, 22:43:29 Nachmittag von tjaa »

Aldawen

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #6 am: 28. November 2010, 18:28:27 Nachmittag »
Gelesen habe ich es im englischen Original, und ich muß feststellen, daß es Ishiguro für mein Empfinden perfekt gelungen ist, die Mischung aus Distinguiertheit und Distanz in der Sprache einzufangen, die ich bei einem englischen Butler der „alten Schule“ erwarten würde. Und das setzt sich konsequent bis in die Bemerkungen über Äußerlichkeiten fort, wie Dostoevskij es schon formuliert hatte: alles mit besten Haltungsnoten.

Daß Stevens ein Leben in nahezu völliger Selbstverleugnung geführt hat und noch führt, als er zu seiner Reise aufbricht, wird schon deutlich. Ich bin mir aber nicht ganz darüber im Klaren, inwieweit es tatsächlich durch Besonderheiten des Berufs und der Vorstellung der Mitglieder dieses Berufsstandes über ihre Profession, also die immanente Berufsethik, bedingt ist. Natürlich ist der Beruf eines Butlers etwas anderes als der eines Büroangestellten, Verkäufers oder Fabrikarbeiters, was sich allein schon dadurch ergibt, daß man im Haus des Arbeitgebers Kost und Logis bekommt und dadurch ein echter Feierabend, an dem man Abstand von Job und den Menschen dabei gewinnen kann, unmöglich wird.

Allerdings macht Stevens auf mich auch durchaus den Eindruck, diese extreme Loyalität, die in eben dieser Selbstverleugnung gipfelt, ein gutes Stück weit selbst gewählt zu haben (und deshalb hält sich mein Mitleid mit ihm auch in Grenzen) und gar nicht ausloten zu wollen, welche Grenzen er anders setzen könnte. Die beste Chance hätte sich bei der Entlassung der beiden Dienstmädchen ergeben, wo er mit Miss Kenton zusammen hätte Position beziehen können. Wären sie beide entlassen worden? Wohl nicht. Nur so ist es Stevens schließlich möglich, die Augen und Ohren derart vollständig vor den (politischen) Verirrungen seines Dienstherrn zu verschließen. Andererseits: Bis zu einem gewissen Grade gebe ich ihm durchaus recht, daß dies auch nicht seine Angelegenheiten waren. Auch hier legt die Vermischung von Arbeits- und Privatleben, die diese besondere Form des Dienstverhältnisses kennzeichnet, die Notwendigkeit, zu den Ansichten des Arbeitsgebers Stellung zu beziehen, wohl näher als sie es tatsächlich ist. Es ist eine scheinbare Nähe, in der Stevens sich allerdings auch gerne ein bißchen sonnt, wenn er sich davon Vorteile verspricht.

Im Grunde ist er ein zutiefst bedauernswerter Mensch, der nun feststellen muß, daß seine Wertvorstellungen von der Zeit überholt sind und ihm von seinem bisherigen Leben eigentlich nichts übrig bleibt. So gesehen gefällt mir auch der Titel des Romans ziemlich gut.

 4ratten

Schönen Gruß
Aldawen

Offline bibse

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #7 am: 27. April 2011, 16:44:32 Nachmittag »

Ich habe das Buch in der "roten" Ausgabe von Reclam  gelesen, in der Wörter, die nicht dem "Grund- und Aufbauwortschatz Englisch" entsprechen, in Fußnoten übersetzt und ergänzt werden.
Das Englisch ist an sich gut zu verstehen, und ich muss Aldawen Recht geben, die Sprache ist wunderschön!
Die Szenen, in denen der amerikanische Besitzer von Darlington Haus einen Scherz macht, Stevens darauf nicht eingehen kann, fand ich richtig beklemmend und letztlich tut Stevens mir auch leid.

Den Film habe ich (noch) nicht gesehen, kann mich aber nicht an eine Szene im Buch erinnern, in der Stevens und die Haushälterin sich so nahe gekommen sind.

 :winken:
bibse
« Letzte Änderung: 27. April 2011, 16:47:47 Nachmittag von bibse »
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(Erica Firment, Librarian Avenger)

Offline Wendy

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #8 am: 22. Oktober 2012, 17:06:40 Nachmittag »
Es gibt 2 Kritikpunkte. Einmal, dass an manchen Stellen die Zurückhaltung von Steven die Erzählstimme beinahe unglaubwürdig macht. Er weint und das erfahren wir, indem Andere sagen: "Aber Stevens, Sie weinen ja.". Hier hätte ich einen Satz wie "Ich weinte." realistischer gefunden, als die vollkommene Verleumdung dieser Tatsache bei gleichzeitigem Wiedergeben der Reaktionen seiner Mitmenschen. (Allerdings gab das eine wunderbar traurige Stimmung.).

Ehrlich? Ich bin zwar noch nicht ganz fertig mit dem Roman, aber für mich war das einer der stärksten Momente. Zuerst war ich schockiert, dass Stevens - auch wenn das zu erwarten war - so gar keine Reaktion zeigt. Als dann dieses "Stevens, you look like you're crying." von Lord Darlington kommt, hat sich in mir direkt etwas gelöst. Stevens ist kein Roboter, er ist nur ein unglaublich faszinierender Mensch.

60 Seiten in etwa habe ich noch vor mir, aber ich kann jetzt schon sagen, dass der SLW wieder einmal seine Arbeit getan hat und ich mir ein kleines Meisterwerk vom SUB geholt habe.  :zwinker:
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Offline Wendy

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #9 am: 22. Oktober 2012, 18:38:00 Nachmittag »
Jetzt bin ich fertig!

Dieses Buch war überraschend herzzerreißend. Eines weiß ich sicher, nämlich dass von Ishiguro bald noch mehr gelesen wird.



Inhalt:
England, 1956. Stevens, der langjährige Butler in Darlington Hall, beschließt einen Autoausflug in den Westen Englands zu unternehmen. Auf seiner sechstägigen Exkursion reist er in Gedanken auch in die Vergangenheit, in Zeiten, wo Faschismus, Weltkriege und unerfüllte Liebe das Zentrum seiner Welt bildeten.

Dieses kleine Buch hat es wahrlich in sich. In exquisiter Sprache gibt uns der Autor einen Einblick in das Leben eines Butlers. Diese Geschichte lebt nicht von Handlung, sondern von Charakter. Wer also Spannung und Action sucht, ist hier falsch. Dies ist ein leises Buch, das durch Subtilität glänzt. Lässt man sich aber auf diesen detailreichen Stil ein, erwarten einen ein paar wunderbare Stunden.

Stevens ist ein höchst faszinierender Protagonist. Jeder Aspekt seines Privatlebens ist zweitrangig - wichtig ist nur ein "großer Butler" zu sein. Familie, der Wunsch nach Liebe, seine Gesundheit, politischen Einstellungen und persönliche Meinungen bleiben alle zurück. Was zählt ist, seinem Herren ein guter Butler zu sein und dessen Leben so einfach wie möglich zu gestalten. Steven ist überzeugt, dass er durch seinen Teil indirekt zum Weltgeschehen beiträgt und für den Großteil seines Lebens hat ihm das auch gereicht. Wie tief seine Loyalität ist und warum er das Leben als Diener vorzieht, erfahren wir in den Erinnerungen, die ihn auf seinem Ausflug heimsuchen. Zugleich entdeckt man als Leser schnell, was Stevens selbst sich bis zum Schluss nicht eingestehen will - und was der Grund für meinen momentanen Herzschmerz ist. :traurig:

Die wenigen Nebencharaktere, die wer kennen lernen, lasen sich alle realistisch und glaubhaft. Der Fokus liegt aber auf Stevens - und anders hätte ich es auch nicht haben wollen. Meine innere Psychoanalytikerin hat während der gesamten Lektüre Luftsprünge gemacht. Hier ist ein Charakter, der mich noch lange verfolgen wird und der mich überraschend bewegt hat.

Fazit: Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sein Leben seinem Beruf widmet und rückblickend darüber nachdenkt, was vom Tage übrig bleibt - und ob all seine Entscheidungen richtig waren.

5ratten

Liebe Grüße,
Wendy
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Offline Valentine

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #10 am: 22. Oktober 2012, 19:17:25 Nachmittag »
Ooooh Mann! :grmpf: Das wird in diesem Leben nix mehr mit SUB-Abbau!  :verschwoerung:

Ich schleiche um das Buch schon seit einer halben Ewigkeit herum, weil ich den Titel so schön finde, aber irgendwie klang das immer so fade mit dem Butler :rollen: (Es lebe das Vorurteil.)

Jetzt muss ich mir das wohl doch mal holen, zumal ich als Downton-Abbey-Fan mein Herz für die Dienerschaft entdeckt habe :lachen:
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Offline tina

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #11 am: 22. Oktober 2012, 21:49:39 Nachmittag »
Ich kenne nur den Film mit Emma Thompson und Sir Anthony Hopkins, aber dieser ist wunderschön. Allerdings habe ich von Ishiguro "Never let me go" gelesen und ich weiß daher, dass dieser Autor sein Handwerk versteht. Es ist eines meiner Lieblingsbücher.

Viele Grüße Tina
Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten. Konstantin Ziolkowski

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Offline HoldenCaulfield

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #12 am: 22. Oktober 2012, 21:54:02 Nachmittag »
@Tina
Der Film ist auch sehr nah am Roman und fängt dessen Atmosphäre sehr schön ein.

@Valentine
Das wäre dann nochmal eine etwas andere Perspektive als in der Serie :breitgrins:
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Sonnenschirm

Offline tina

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #13 am: 22. Oktober 2012, 22:00:34 Nachmittag »
Auf Valentine :klatschen:, das hört sich doch sooooo gut an.  :engel:
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Offline Llyren

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Re: Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb
« Antwort #14 am: 22. Oktober 2012, 23:31:04 Nachmittag »
Von der Handlung her hätte mich das Buch eigentlich überhaupt nicht angesprochen. Aber wir hatten in Übersetzung einmal einen Ausschnitt daraus vorliegen und den fand ich einfach nur wunderschön, zum Dahinschmelzen.
Womit sich mal wieder die Frage stellt, warum das Buch jetzt eigentlich immer noch ungelesen in meinem Regal steht...  :gruebel:
Even when reading is impossible, the presence of books acquired produces such an ecstasy that the buying of more books than one can read is nothing less than the soul reaching towards infinity... We cherish books even if unread, their mere presence exudes comfort, their ready access reassurance.
- A. E. Newton

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