Huch, was ist denn das? Das war meine erste Reaktion auf Sergeij Iwanowitschs Enttäuschung. Einen so radikalen Wechsel hatte ich nach Annas Tod nicht erwartet. Einerseits ist es schön, dass als Kontrast zu dem emotional sehr mitreißendem Ende des 7. Buches eine ganz ruhige Szene folgt, aber ich wollte doch von der Reaktion der Umwelt lesen!
Sergeij fährt zum Bahnhof und ja - hier werden Reaktionen angedeutet: Wronski psychisch sehr mitgenommen (wunderbar, geschieht ihm recht!), Stiwa hat wichtigeres im Kopf als den Tod seiner Schwester (typisch für ihn), und da Sergeij auf dem Weg zu seinem Bruder ist, werden wir wohl auch von den Reaktionen der anderen näheres erfahren.
Dachte ich - aber von wegen

. Mit keinem Wort wird angedeutet, was sie von Annas Tod halten. Statt dessen erfahren wir von Lewins seelischem Leiden (der Ärmste!) und seinem schließlichem Finden zu Gott.
Nun gut, keine Reaktion ist auch eine Reaktion. Soll die völlige Nichtbeachtung von Annas Leiden und Sterben deren Bedeutungslosigkeit zeigen? Will Tolstoi damit sagen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als die Verzweiflung einer Frau, die an den gesellschaftlichen Bedingungen zugrunde geht? Dass sie sich das alles hätte ersparen können, wenn sie den richtigen Weg (nämlich Lewins) gegangen wäre? Lewin scheint mir ja sowieso die eigentliche Hauptperson dieses Romans zu sein, was mich fragen lässt, wieso das Buch nicht "Konstantin Lewin" heißt. Vermutlich war das ein Zugeständnis an Tolstois Leserschaft, die eher von unglücklicher Liebe als von den Seelenqualen eines Idioten lesen will.
Nein - lange Zeit habe ich trotz meiner Abneigung von Lewin seinen Handlungsstrang ebenfalls für wichtig gehalten, aber dass in den letzten Zügen des Buches die Titelfigur völlig ignoriert wird, kann ich nicht gutheißen. Irgend etwas ist hier schiefgelaufen, und das finde ich sehr schade.
Dies ist das erste Buch wo ich mir ernsthaft am überlegen bin es 30 Seiten vom dem Schluß in die Ecke zu knallen.
Genau!
Trotzdem hat mir das Buch alles in allem gut gefallen, ein ganzes Stück besser als "Krieg und Frieden". Die Figuren sind schön und lebendig gezeichnet, bis auf Lewin, der auf mich nie richtig glaubwürdig wirkte. Er sollte zu deutlich eine Idee verkörpern und einen Kontrast zu den anderen Figuren bilden.
Dies ist schade, um so mehr, als mir die ländlichen Szenen eigentlich gut gefallen haben. In ihnen gelingt es Tolstoi, eine schöne Atmosphäre aufzubauen, die sie trotz mangelnder Handlung nicht langweilig werden lassen. Den Höhepunkt an atmosphärischer Dichte bilden aber natürlich Annas Seelenqualen und nach Lesen des letzten Buches bedaure ich es, dass das Buch nicht mit ihrem Tod zu Ende ist. Genau dadurch verliert das Buch noch eine halbe Ratte und mein Gesamturteil lautet also

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