So langweilig wie ihr finde ich das Buch nicht (und viel spannender als die 2. Hälfte von Krieg und Frieden).
Eine Konzentration auf die Anna/Wonski-Geschichte wünsche ich mir nicht; mMn würden die alternativen "Liebesgeschichten" von Kitty/Lewin und Dolly/Stepan fehlen.
A&W: Liebe über die gesellschaftlich zugelassenen Grenzen hinweg, auf Gedeih und Verderb,
K&L: Zugelassene Liebe, die aber nur glücklich werden kann, da sich die beiden aus der Gesellschaft zurückziehen und aufs Land "flüchten",
D&S: "Liebe" ganz nach der Regeln der verdorbenen Gesellschaft.
Mein Problem ist, dass ich überhaupt niemanden wirklich sympathisch finde. Das macht das Buch zwar nicht schlechter - im Gegenteil - aber es ist immer leichter, bei einem dermaßen dicken Buch nicht das Interesse zu verlieren, wenn man mit einer Figur so richtig mitfiebern kann.
Am besten gefällt mir noch Dolly, die es doch tatsächlich fertig bringt, ihre Freundin Anna zu besuchen, über alle Verbote hinweg! Allerdings fällt ihr dieses leichter, da sie sowieso nicht mehr so richtig zu der Gesellschaft zählt, arm und von ihrem Mann inoffiziell verlassen wie sie ist. Sehr beeindruckt haben mich ihre Gedanken zur Plage der Mutterschaft im 16. Kap.
Kap. 23:Anna sagt zu Dolly, sie würde keine weiteren Kinder bekommen,
weil sie nicht will. Wie meint sie das? Verhütung ist nicht möglich, Enthaltsamkeit ließe sie Wronski wohl sehr schnell verlieren, also bleibt nur Abtreibung. Habt ihr das auch so verstanden?
Kap. 24:Oje

, Anna nimmt Morfin! Das kann nicht gut ausgehen!
Kap. 28ff:Ganz witzig, die Wahlkapitel, obwohl ich die Wahltaktik nicht wirklich verstanden habe. Die Beschreibung, wie gegnerische Wähler besoffen gemacht oder ihnen die Uniformen geklaut werden, haben mich an die entsprechenden Kapitel in Charles Dickens "Pickwick Papers" erinnert, die allerdings noch viel witziger sind.
Was mir aber gar nicht gefällt, ist Lewins Naivität und Unwissenheit in diesen Fragen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein nach allen Regeln der Kunst erzogener und nicht dummer Mensch so gar nicht darüber Bescheid weiß, wie die Wahl abläuft. Das gehört doch wohl zur Allgemeinbildung dieser Zeit und Schicht. Tolstoi will wohl darstellen, wie verlogen und sinnlos diese Wahlen sind, womit er vielleicht auch recht hat (das kann ich wegen mangelndem Hintergrundwissen nicht beurteilen), aber dies durch Lewins unverfälschte, naive Brille zu zeigen, erscheint mir nicht glaubwürdig.
Kap. 32:Er hat alle Rechte behalten, ich keine.Damit bringt Anna ihr Dilemma genau auf den Punkt. Kein Wunder, dass sie sich, um ihr Leben aushalten zu können, mit Morfin betäubt.