Lesestand:
Kap. 23.
Hallo allerseits

Ich lese auch fleißig weiter, komme aber arbeitsbedingt nicht so recht vorwärts. Das Buch erfordert größere Konzentration, als ich morgens nach einer Arbeitsnacht aufzubringen imstande bin. Es gefällt mir aber weiterhin, auch wenn ich mir manchmal wünsche, Tolstoi würde einige Szenen etwas weniger ausführlich erzählen und sich auf die "eigentliche" Handlung konzentrieren.
Kap. 3:
Dass sie sich so schämt bei der Untersuchung durch den Arzt, das fand ich schon sehr amüsant. (...)
Was ich blöd finde, ist, dass Kitty nun auf einmal doch sagt, dass sie mit Lewin zusammen sein will. Jetzt da sie ja weiß dass Wronskij sie nicht will. Das ist doch irgendwie billig und heuchlerisch, oder?
Wie Flor schon schrieb, erklärt sich Kittys Scham wohl aus der damaligen Zeit. Ich könnte mir vorstellen, dass es auf sie ungefähr so wirkte, als würde jemand von uns verlangen, uns mitten auf dem Marktplatz an einem Samstag Vormittag vor allen Augen zu entkleiden und angaffen zu lassen.
Wenn ich mich richtig entsinne, war es nur Dolly, die annahm, dass Kitty es bereute, Lewin abgewiesen zu haben. Aber auch wenn, Kitty selbst es so sieht, finde ich das nicht billig und heuchlerisch. Sie war verblendet durch den spannenden Wronski, der auf eine 18-jährige so viel attraktiver als der bodenständige Lewin wirkt. Nach der Enttäuschung, die dieser ihr bereitet hat, sieht sie auch Lewins Qualitäten wieder deutlich.
@Flor:
Auch in "Krieg und Frieden" wurden Ärzte recht kritisch beschrieben. Ich denke, dass Tolstoi nicht nur etwas gegen die "modernen" Methoden des Arztes hat, sondern ganz allgemein der ärztlichen Profession und deren zweifelhaften Methoden kritisch gegenübersteht. Auch bei anderen Autoren des 19. Jahrhunderts lassen sich wenig schmeichelhafte Beschreibungen des Ärztestandes finden.
Kap. 11: Dieses Kapitel hat mich nun richtig enttäuscht
.
Da hat das Buch 1000 Seiten und dann war dem Autor diese so wichtige Szene gerade mal 2 Seiten wert.
Haben die beiden "Es" nun gemacht, oder nicht? Das Tolstoi hier nicht ins Detail geht ist schon klar, aber das diese so wichtigen Geschehnisse einfach so "dazwischen geklatscht" wurden, hat mir gar nicht gefallen.
Ich hatte eine Szene erwartet die den Leser berührt, mitnimmt. Wie sie sich in die Arme fallen, sich streuben aber sich doch nicht gegen ihre Gefühle wehren können.
Ich war auch überrascht, wie kurz diese Szenen ausgefallen ist, aber im Gegensatz zu Flor hat mir gefallen, dass Einzelheiten unserer Phantasie überlassen bleiben. Ich finde, es wird dennoch gut deutlich, wie sehr dieses Ereignis die beiden (vor allem Anna) psychisch mitnimmt. An dieser Stelle war ich besonders froh darüber, in einer anderen Zeit zu leben. Annas fühlt sich erniedrigt, schuldig und verbrecherisch und selbst Wronski hinterlässt das "Ereignis" bleich und zitternd, allerdings vor allem wegen Annas entsetzter Reaktion.
Ljewin, wird mir auf jeden Fall immer sympathischer. Ich fand ja vorher eher das er ein Langweiler ist. Aber er arbeitet wenigstens, ist intelligent und hat eben seine Prinzipien. Der Müssiggang der Gesellschaft ist ihm zuwieder.
Mir wird Lewin immer unsympathischer. Dieser arrogante Stinkstiefel, als der er sich im
16. & 17. Kap. erweist! Erst ist er sich zu fein dazu, dem Händler die Hand zu geben, und dann zieht er über Wronskis Herkunft her:
Er ist der Sohn eines Mannes, der aus dem Nichts durch Intrigen nach oben gekommen ist und einer Mutter, die Gott weiß was für Verhältnisse gehabt hat... Nein, entschuldige, aber als Aristokrat bezeichne ich nur denm, der wie ich eine fleckenfreie Herkunft aufweisen kann, 3 bis 4 Generationen mit guter Bildung...Ich könnte es ja verstehen, wenn er Wronski aus anderen Gründen verabscheuen würde, aber sich auf dessen schlechte Herkunft zu beziehen, finde ich ganz schön kleinkariert. Aber dabei vergesse ich natürlich, dass damals andere Sitten herrschten und man die Leute nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen darf.
Meinen Eindruck von Karenin muss ich auch revidieren... Als er in Kapitel 8 mit sich selbst Zwiesprache hält, merkt man dass er eigentlich sehr erbärmlich ist. Alles was für ihn zählt ist die öffentliche Meinung. Um Anna scheint es ihm gar nicht wirklich zu gehen. Und das ist auch der eigentliche Grund warum er sich nicht maßlos über die ganze Sache aufregt und sich keine Eifersucht erlaubt. Weil er sie nicht wirklich heißblütig liebt und von selbst kaum drauf gekommen wäre, wenn ihn nicht die Reaktionen der Gesellschaft verärgert hätten.
Ich kann Karenin nicht so negativ sehen, auch wenn er es uns nicht einfach macht, ihn zu mögen. Ich glaube doch, dass er eine ganze Menge für Anna empfindet, nur ist er ein Mensch, der seine Gefühle kaum offen zeigt. Er, der der Meinung ist, dass "Eifersucht sowohl Anna als auch ihn selbst erniedrigt", versucht krampfhaft, sie nicht zu verspüren und spricht nur die rein gesellschaftliche Probleme, die Annas Untreue mit sich bringt, an. Das ist ungefährlicher, da es weniger weh tut. So ganz gelingt ihm die Verdrängung seiner Gefühle aber nicht. Im 9. Kap. merkt er, dass Anna ihm gegenüber jetzt verschlossen ist, und denkt "Das ist das Ende." Er tut mir leid, wie er sich krampfhaft einzureden versucht, dass ihm Annas Verhältnis mit Wronski nicht nahe geht.
Eigentlich ist er das männliche Gegenstück zu Dolly. So wie sie hat er die Möglichkeit eine Untreue des Partners/der Partnerin überhaupt nicht in in Betracht gezogen, wahrscheinlich daher, weil für ihn selbst ein Fremdgehen seinerseits völlig unvorstellbar war. Desto größer dann der Schock, als er die Wahrheit erkennt. Und er sieht sie eben erst so spät, weil er sie nie für möglich gehalten hatte.
Kap. 21:Interessant die Reaktion der Gesellschaft auf das Verhältnis. Nicht die Tatsache an sich wirkt empörend, sondern die Stärke der Gefühle zwischen Anna und Wronski. Fremdgehen und sich amüsieren ist erlaubt, wenn es dezent genug geschieht, aber wirkliche Gefühle zu empfinden ist verpönt. Das eine hält sich im Rahmen des gesellschaftlich Erlaubten, da die Formen (und die Ehen) weiterhin gewahrt bleiben, das andere könnte aber Unordnung in die gesellschaftlichen Verhältnisse bringen und wird dementsprechend nur ungern gesehen.