In den 80er Jahren geben drei Mordfälle an Kindern der Polizei Rätsel auf. Weit voneinander entfernt und im Abstand von mehreren Jahren wurden drei Jungen vom gleichen zarten, blonden Typus getötet und die Leichen wie ein Stilleben am Tisch sitzend oder in einer liebevoll errichteten Sandburg arrangiert. Es gibt kaum verwertbare Spuren, der Fall verläuft sich im Sand, doch die Polizistin Mareike Koswig kann diese seltsamen Fälle nie ganz vergessen.
Der Mörder der drei Jungen ist ein unauffälliger, stiller Einzelgänger, der sich geschickt jeglicher Verfolgung entzieht, von seiner freudlose Kindheit in eine glücklose Ehe gestürzt ist und der nach außen hin freundlich und höflich wirkt, einer, den niemand verdächtigen würde.
2004 kehrt Anne Golombek zurück in die Toskana, wo zehn Jahre zuvor ihr einziger Sohn Felix beim Spielen am Bach vor dem Ferienhaus spurlos verschwand. Ihre Ehe ist seitdem zerrüttet, sie hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann, und um sich ihrem verschollenen Sohn nahe zu fühlen, reist sie alleine an den Ort seines Verschwindens zurück und kauft dort ein abgelegenes, schön renoviertes altes Haus, das ihrem Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit nur zugute kommt. Außer dem Vorbesitzer, einer Nachbarin und dem Immobilienmakler, der ihr das Haus verkauft hat, hat sie kaum Kontakte und versucht, sich in der Stille über einige Dinge klarzuwerden.
Bei diesem Psychothriller stimmt das abgedroschene Etikett "nichts für schwache Nerven". Das Thema Kindesmissbrauch und -mord geht vielen Lesern stark an die Nieren, doch ich konnte bei den meisten Büchern erfolgreich denken "Ist ja nur ein Buch". Hier aber erlebt man gerade zu Beginn die Geschehnisse aus der Sicht des Täters, der mit einer Selbstverständlichkeit und beinahe nebenher diese furchtbaren Verbrechen begeht, die auch mich sehr aufgewühlt hat.
Mit vielen Perspektivenwechseln und einem leicht unheimlichen Setting (alte, abgelegene Häuser mitten im Wald, eine harmlose, aber furchteinflößende "Dorfirre") wird Spannung erzeugt, ohne allzu plumpe Cliffhanger-Taktik. Die Personenzeichnung ist für einen Thriller ziemlich rund, Anne beispielsweise ist nicht nur die arme, bedauernswerte Mutter, die ihren Sohn auf mysteriöse Weise verloren hat, sondern vor allem am Anfang nicht unbedingt eine große Sympathieträgerin.
Die Handlung steuert unaufhaltsam auf einen explosiven Höhepunkt hin, der zwar ab einem gewissen Punkt zumindest in Teilen vorhersehbar war, mich aber trotzdem nägelkauend weiterblättern ließ.
Ein beklemmendes und leider auch stets aktuelles Thema, das Sabine Thiesler in ihrem Erstling stimmig und spannend umgesetzt hat.
