Ich befürchte, ich muss mal wieder die Rolle des Spielverderbers übernehmen.

Ich habe den ersten von drei Teilen, knapp die Hälfte des Buches, beendet und beschlossen, dass damit auch das Buch im Ganzen für mich beendet ist. Der Roman ist ein Paradebeispiel dafür, dass gute Recherche nicht alles ist, denn der Funke ist immer noch nicht übergesprungen. Mir gefallen Schreibstil und Erzähltempo, aber die Handlung nicht. Wenn es darum geht, ihren Protagonisten ein schweres Schicksal aufzubürden, dann unterscheidet sich Riebe leider nicht von anderen historischen Autoren, und ich gönne den Handelnden auch mal ein wenig Spaß. Den haben sie zwar auch kurzzeitig, aber nur um dann quasi dafür bestraft zu werden - was das angeht, wird die mittelalterliche Sicht, dass das Leben eine Prüfung Gottes sei, sehr gut getroffen.
Außerdem wage ich zu behaupten, dass ich manche der angedeuteten Geheimnisse schon erahne. Zum Beispiel folgendes:
Oda ist nicht nur deshalb die depressive „Eiskönigin“, weil sie mehrere Fehlgeburten erlitten hat und ihre Ehe daran zerbrochen ist, sondern auch, weil sie den sie vergötternden Raymond nicht liebt (ich gebe zu, den Grund für seine Gewissensbisse kenne ich nicht, tippe aber auf eine andere Frau). Im Gegenteil gab es einen anderen Mann in ihrem Leben, dem sie immer noch verfallen ist, und die offensichtliche Folge dieser Liebschaft ist Eila. Ihr flammend-rotes Haar gibt schon einen perfekten Hinweis auf den Vater: den kirchlichen Berater des Königs, Pater Johannes, Namenspatron des von der Mutter im Drogenrausch ermordeten Brüderchens.
Das ist mir doch ein klitzekleines Wenig zu viel Dramatik.

Und auch sonst kann ich mir die grobe Handlung der restlichen Seiten gut genug vorstellen, um sie nicht lesen zu müssen, auf die ein oder andere Intrige verzichte ich dabei gern.
Die meisten Figuren sind eigentlich gut charakterisiert, haben ihre Ecken und Kanten und sind bis auf einige Ausnahmen auch nicht rein gut oder böse, sondern menschlich. Allerdings entwickeln sie sich nicht wirklich weiter. Zum Beispiel Oda ist auf den ersten Blick eine vielschichtige Figur, aber dennoch wurde auch manches verschenkt.
Die mehrfache Vergewaltigung der Steppenreiter scheint spurlos an ihr vorbeizugehen und von ihr schon fast vorgeschoben zu werden, wenn es darum geht die Burg zu verlassen. Raymond, der anscheinend gar nicht genau weiß, was vorgefallen ist, nimmt das Geschehene viel mehr mit.
Die Freundschaft zwischen Eila und Rose ist zwar vorhanden, aber mehr, weil sie beschrieben, nicht weil sie gezeigt wird. Sie wirkt auf mich bisher eher wie eine Zweckgemeinschaft, da sie nun mal gleichaltrige Mädchen sind, die sonst keine Freunde oder Beschäftigungen haben.
Insgesamt kann der wirklich gut recherchierte und in die Handlung eingebundene historische Kontext diese Schwächen nicht ausgleichen, zumal trotz allem bei den Nebenfiguren auf Klischees zurückgegriffen wurde („Das gute Kräuterweib“ vs. „Das böse Moorweib“, „Die starke Frau aus dem Volk“, „Der zwielichtige Schurke“, …). Dass ich allergisch auf überdosierte Dramatik reagiere, tut sein übriges.
Noch ein Wort zur Aufmachung des Buches: ein fundiertes Nachwort gibt einen Überblick über die tatsächlichen historischen Rahmenbedingungen und weist auf die Aspekte dichterischer Freiheit hin, die sich Brigitte Riebe herausgenommen hat. Außerdem bietet sie dem Leser eine Auswahl weiterführender Fachliteratur. Leider kann man die Stammbaum und Karte nur als „gut gemeint“ verbuchen, denn der Stammbaum zeigt die Familie König Ottos, die aber gar nicht so umfangreich zum Tragen kommt, und auf der Karte sucht man vergeblich nach den Schauplätzen des Romans.
Viele Grüße
Breña