Für mich war dies der erste Krimi von Gur - und zufällig ist es auch der erste mit Inspektor Ochajon.
Kommissar Ochajon muss sich bei seinem aktuellen Todesfall auf eine komplexe Gemeinschaft einstellen: Sein Mordopfer ist Mitglied einer Psychoanalytischen Gesellschaft und die verfügt über strenge Regeln für ihre Mitglieder. Eva Neidorf, die Tote, arbeitete nicht nur mit Patienten zusammen; als Ausbilderin unterzog sie - wie ihre ausbildenden Kollegen - auch die Kanditaten für die Gesellschaft einer mehrmonatigen Psychoanalyse. Als Teil der Ausbildung. Kein Wunder also, dass die Polizei keine leichten Ausgangsbedingungen hat, wenn die Kollegen vor lauter Abhängigkeiten sich gegenseitig nicht belasten und jeder nur Gutes von Neidorf sagen will.
Wie jenny auch habe ich am Ende den genauen Unterschied zwischen Psychologen und Psychoanalytikern nicht verstanden; ich habe nur eine Vermutung, das muss ich separat noch einmal nachschlagen. Auch wenn Gur sehr viel Zeit darauf verwendet, Details aus dem Alltag eines Psychoanalytikers zu schildern.
Ochajon ist kein unsympathischer Kerl. Zwar geschieden, mit einem Sohn, der zwischen den Eltern hin und her gerät. Aber immer bemüht, die Menschen zu verstehen, mit denen er zu tun bekommt. Nur wenn nötig, kann er auch anders und gelegentliche Skrupel und Mitgefühl weiß er - wenn's drauf ankommt - hinter Professionalität zu verstecken. Ihm zur Seite steht mit Balilati ein Nachrichtenoffizier, der keine Tabus kennt. Für Ochajon bekommt er jede noch so gut versteckte Information - über seine Verbindungen und Methoden möchte man besser nichts wissen.
Mir gefiel zudem gut, wie Gur die Arbeit der Polizei in den Roman einbrachte. Vordergründig das, was in jedem Krimi zu finden ist: Verhöre, Recherchen und Besprechungen. Aber immer auch Hinweise, wann zusätzliche Leute nötig sind, wie frustrierend Akteneinsichten werden können oder wie zermürbend eine lange Ermittlungszeit werden kann.
Jeder kennt jeden und hat dennoch keine Ahnung vom anderen. Die Psychoanalytiker bei Gur sind Menschen mit Macken, Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben und Menschen, die aus ihrem Wissen über sich selbst und andere auch nicht mehr aus sich machen als alle anderen.
