Was für einen Schatz hatte ich denn da bitte jahrelang unbeachtet auf meinem SUB!?
Und wahrscheinlich würde er dort noch immer liegen, wenn ihn nicht vor einigen Monaten Stephen Kings
Sara (@Arjuna:

) nach oben gespült hätte und er nun dank der GruselGrauenGänsehaut-Runde (@Bine1970:

) endlich befreit worden wäre ...
Genau wie Bine habe ich etwa die ersten 50 Seiten als Anlauf benötigt (was bei einem 400-Seiten-Buch nun ja nicht soo wenig ist), aber anders als sie konnte ich mich dem Sog der Geschichte kaum noch entziehen, sobald ich einmal angefixt war. Die Charaktere sind so fein gezeichnet und psychologisch so durchdacht, die Atmosphäre so dicht ... während des Großteils des Buches tappte ich im Dunkeln, worum es sich hier eigentlich handelt: um übernatürliche Mystery? Um einen Kriminalroman? Oder doch einfach nur um eine tragische Liebesgeschichte? Denn von all dem schwebt die ganze Zeit über etwas in der Luft, und zumindest mir (die ich immer brav einen Bogen um Spoiler gemacht habe

) war bis zur Auflösung des Geheimnisses absolut nicht klar, worauf das Ganze im Endeffekt hinauslaufen würde. Ich fand es von Daphne du Maurier herrlich eingefädelt, wie sie mal hier, mal dort ein Mosaiksteinchen platziert und den Leser mit jedem Mal in eine neue abenteuerliche Richtung spekulieren lässt.
Ich bekam kein Herzrasen und keine Angst und gegruselt hat es mich auch nicht.
Also, das kann ich von mir nicht behaupten! Natürlich ist es kein offensiver Horror á la Stephen King, aber ich bin ziemlich empfänglich für dieses subtile Grauen im scheinbar Alltäglichen, und das verfolgt mich dann auch durchaus bis in meine (Alp-)Träume. Alleine diese Allgegenwärtigkeit Rebeccas, welche die neue Mrs. de Winter in eine regelrechte Neurose treibt, und dazu ihre scheinbar unerwiderte Liebe zu Maxim, ihr ständiges Bemühen zu gefallen und zu funktionieren, das schließlich in der grotesken Ballszene gipfelt ... für mich bestand die ganze Zeit über eine leise Spannung, die sich langsam, aber kontinuierlich steigerte und im letzten Viertel fast unerträglich wurde - ganz ähnlich wie bei Hitchcock-Filmen, weshalb ich mir auch unbedingt dessen Verfilmung besorgen möchte!
Rebecca scheint mir wie für ihn geschrieben.
Finde ich übrigens einen blöden Schluss, dass hat mich schon ziemlich enttäuscht, dieses Ende.
Was, ernsthaft? Ich fand es genial! Es hat mich direkt veranlasst, nach dem Umblättern der letzten Seite sofort wieder die erste aufzuschlagen und den Anfang des Buches mit all seinen Anspielungen und nebulösen Vorausdeutungen noch einmal zu überfliegen.
Interessant fand ich auch einen Artikel im Obersever von 2007.
dort werden Parallelen gezogen zwischen Daphne du Mauriers eigenen "sexuellen Interessen" (nenne ich es mal...) und der Beziehung zwischen Mrs. Danvers & Rebecca im Roman.
Ich habe mich immer gewundert, warum darauf nun so gar kein Bezug genommen wird, weil ja schon auffällig war, dass die stärkste Beziehung in dem Buch die zwischen zwei Frauen war, von denen eine tot ist.
Ja, darüber habe ich mich ebenfalls gewundert. Ich habe mich schon gefragt, ob ich etwas überinterpretiere, weil ich die ganze Zeit über ein Geheimnis zwischen Mrs. Danvers & Rebecca witterte - diese totale Ergebenheit konnte meiner Meinung nach nur entweder mütterlicher oder lesbischer Liebe entspringen, und für mich war es auch keine ausreichende Erklärung, dass Mrs. Danvers Rebecca schon seit deren Kindheit betreute.
Insgesamt ein faszinierendes Leseerlebnis mit vielen rauhen Kanten, an denen die eigenen Gedanken hängenbleiben und sich festsetzen können ... !
