Hallo zusammen,
dann gieße ich auch mal ein wenig Öl ins Feuer, denn mir gefiel das Buch ebenfalls nicht.
Im Wesentlichen verbinde ich mit dem Buch folgende Adjektive: distanziert, emotionslos, zerrissen. Warum?
Die Protagonistin erinnert sich an wesentliche Geschehnisse ihres Lebens, die es durchaus wert sind erzählt zu werden. Doch sie gibt das Erlebte mit Kühle und Distanziertheit wieder, die für mich jede Möglichkeit zerstören eine Verbindung aufzubauen. Die klischeebeladene (und für mich nicht wirkliche) Liebesgeschichte nach dem Schema "älterer Liebhaber verzehrt sich sein Leben lang nach junger Geliebten" ist weder ansprechend noch ergreifend. Die emotional aufgeladenen Familienverhältnisse werden mit einer unglaublichen Oberflächlichkeit abgehandelt. Und von den Lebensumständen eines Europäers im Indochina der 30er Jahre erfährt man nur am Rande. Das ist für meinen Geschmack eindeutig zu viel verschenktes Potenzial.
Hinzu kommt die Erzählweise, die es dem Leser nicht einfacher macht. Die Sprünge in der Erzählung, die den Eindruck des Erinnerns hinterlassen sollen, zerfassern die Geschichte lediglich und machen sie noch schwerer greifbar. Ich lese gerne Handlungen, die sich nicht kontinuierlich entfalten, und "sortiere" mir das Gelesene, doch hier war es mir zu viel. Auch beim Erinnern folgen Zeitsprünge schließlich einem inneren Zusammenhang. Letztlich haben wir es mit einem Stück Literatur zu tun, nicht mit den abendlichen Erinnerungen von Nachbars Großmutter, und dann erwarte ich eine gewisse Aufarbeitung.
Abgesehen von den Sprüngen durch Zeit, Raum und Perspektive wechselt Duras zwischen erzählenden und reflektierenden Abschnitten. Ein schönes Beispiel für den Stil der letzteren findet sich auf S. 47:
"Es hat lange gedauert. Sieben Jahre lang. Es hat angefangen, als wir zehn Jahre alt waren. Und dann sind wir zwölf gewesen. Und dann dreizehn. Und dann vierzehn, fünfzehn. Und dann sechzehn, siebzehn.
Es hat diese ganze Zeit über gedauert, sieben Jahre. Und dann endlich ist die Hoffnung begraben worden. Aufgegeben. Aufgegeben auch die Maßnahmen gegen den Ozean. Im Schatten der Veranda betrachten wir die Bergkette von Siam, sehr dunkel im Sonnenlicht, fast schwarz. Die Mutter ist endlich ruhig, verschlossen. Wir sind heldenhafte Kinder, verzweifelte."
Ich muss zugeben, zwischendrin findet man wundervolle Formulierungen (wenn die Protagonstin z.B. bekennt, dass sie ihre Mutter vergessen habe, diese sei "zu Schreibschrift geworden", wie Mombour zitierte). Aber diese Perlen gehen unter in der Wirrnis der Handlung und der allgemeinen Distanziertheit der Sprache. Schließlich hatte ich keine Lust mehr danach Ausschau zu halten.
Viele Grüße
Breña