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Autor Thema: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon  (Gelesen 8100 mal)

Heimfinderin

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #30 am: 31. Mai 2007, 11:47:39 »

Ich habe dieses Buch vor ein paar Wochen auch gelesen und es gefällt mir wirklich gut, auch wenn es zwischendrin ein paar Längen hatte. Anfangs störte mich auch die konstruierte und von Zufällen gehäufte Handlung ein wenig (wie Gregorius z. B. so plötzlich vor das Grab kam ist mir immer noch ein Rätsel), aber im Nachhinein finde ich das nicht mehr so wichtig, denn ich empfinde die Handlung nicht als das Wichtigste. Gregorius' Ausbruch, sein Weg und die Beschäftigung mit dem Leben des Arztes verbunden mit  den vielen Gedanken in dessen Buch und den Gesprächen mit den Leuten, die ihn kannten, fand ich viel interessanter. Das Buch enthält so viele gute Gedanken und Überlegungen, die man für sich entdecken und über die man nachdenken kann und die es wert sind, dass man sie sich herausschreibt, wenn sie gerade passen.  Es ist auch ein Buch, in dem man immer wieder blättern kann, in dem man bestimmt beim zweiten Lesen wieder Neues entdecken kann . . . schließlich fährt der Zug des Lebens ja immer wieder an neuen Stationen vorbei.

 4ratten  :marypipeshalbeprivatmaus:

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DetlevD.

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #31 am: 04. Oktober 2007, 14:20:50 »

Nachtzug nach Lissabon:

Der Lehrer Mundus ist ein Gewohnheitstier, Sprachfetischist, Klassikfan und Philosoph.
Er ist ein ruhiger, besonnener Mensch, beliebt bei seinen Schülern, bei den Kollegen eher als "verschroben" bekannt.
Sein Leben verläuft in sehr ruhigen Bahnen, ist fast langweilig zu nennen, denn er reist nicht, gönnt sich nichts, hat keine Hobbys ausser den Klassikern in Latain, Hebräisch, Griechisch, Französisch oder weiß der Henker welcher Sprache noch :wink:, lebt seit vielen Jahren vor sich hin und tut nicht, was nicht voraussehbar gewesen wäre. Selbst Schachpartien betrachtet er vor allem aus wissenschaftlicher Sicht und schlägt fast jeden.
Sein Leben wird aber auch bestimmt von vielen Zwängen und irrationalen Ängsten.

Dann geschieht etwas, was ihn aus der Bahn wirft, er wirft sein komplettes Leben über Bord, geht aus dem Unterricht nach Hause, bekommt ein portugisches Buch geschenkt, welches ihn fasziniert, er kauft einen Sprachkurs, fängt an den Text selber zu übersetzen und fährt mit dem Zug nach Lissabon.

Dort sucht er nach den Wurzeln und den Geheimnissen hinter dem "Gedankenband" von einem ihm bis dato völlig unbekannten Autor, dessen Werk in einem Selbstverlag erschienen ist.

Mit vielen Zufällen (die aber nur extrem phantasielosen Leuten etwas ausmachen) findet er die ganze Geschichte hinter der Person heraus und diese Suche wird für ihn zu einer Reise zu sich selbst.



Mein Fazit:
Ich fühlte mich - wie viele andere - an den Schatten des Windes erinnert, was in erster Linie an die Zeit der Handlung (faschistisches Regime) und der Örtlichkeit (iberische Halbinsel) liegt. Sprachlich gesehen sehe ich große Unterschiede und auch die Geschichte ist nicht vergleichbar.

Der Schatten des Windes handelt von Büchern, der Bedeutung von Büchern für die Protagonisten, bei Mercier geht es eher um die Sprache und "die Neusetzung der Sprache". Hier wird das Thema sehr literarisch betrachtet, die philosophischen Gedankengänge von Amadeu Prado fand ich z.T. sehr spannend, zwischenzeitlich aber zum Teil auch sehr ermüdend weil für meinen Geschmack zu lang.

Dass es dem Autor so leicht fällt, die Sprache zu erlernen, ist für mich nicht unrealistisch. Er kann sehr gut Französisch, Latein seine Ex-Frau war Romanistin mit dem Spezialgebiet Spanisch. Portugiesisch ist dem Spanischen sehr ähnlich, wenn auch nicht in der Aussprache, sondern im Schriftbild. Auch die Ähnlichkeit zum Französischen ist groß.
Es wird im Buch auch immer wieder darauf hingedeutet, dass Mundus zwar Portugisisch lesen kann, aber die gesprochenen Worte der Einheimischen so gut wie gar nicht versteht.


Das Buch übte auf mich auch deswegen eine so große Faszination aus, weil ich einen großen Teil meiner Jugend mit Portugiesen befreundet war, mir die Sprache - auch wenn ich sie sehr lange nicht mehr gehört habe - sehr gut bekannt ist und ich den Klang sehr gerne mag und ich die Sprache ein Jahr lang gelernt habe (und dadurch den Ansporn bekommen habe, meine Lissabon-Reisepläne mal wieder aufleben zu lassen und einen VHS-Kurs Portugiesisch zu belegen...).


Meine Bewertung:

 4ratten

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Roald Dahl

swank

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #32 am: 06. Januar 2008, 13:55:43 »

Pascal Mercier – Nachtzug nach Lissabon

Zum Inhalt ist nicht mehr viel zu sagen und es ist im Grunde (an der Oberfläche gesehen!) nicht viel, das passiert: Ein verstockter, in festen Bahnen eingefahrener Lehrer wirft sein Leben über den Haufen und fährt mit dem Nachtzug nach Lissabon, um einem Autor auf die Spur zu kommen, dessen Werk ihm in die Hände fiel. Nach diesem einzigen Aufsehen erregenden Moment fließt der Roman gemächlicher. Lehrer Gregorius streift durch die Stadt, immer auf der Suche nach Amadeu de Prado, der ihn mit der Macht der Worte nach Lissabon lockte.

Gregorius findet viele Spuren Prados in Lissabon und trifft viele der Menschen, die den Arzt und Autor kannten; Familienmitglieder, Freunde, Begleiter. Der Lehrer erfährt immer mehr über Prado, aber mehr noch erfährt er über sich selbst auf dieser Suche. Und genau darum geht es, und diese Suche nach Innen ist es auch, die den Roman, in dem es nicht viel Action gibt, trotzdem so spannend macht.

Es geht um die Frage, ob man sich selbst überhaupt kennen kann und darum, was Identität, Loyalität und Freundschaft, das Vergessen und die Angst vor dem Tod bedeuten und ob man überhaupt eines dieser Dinge in Worte fassen und begreifen kann. Das geschieht durch die Aufzeichnungen Prados, aber auch durch Gregorius kleine, aber mit Bedeutung aufgeladene Taten.

Mir hat besonders gefallen, wie leise, aber tiefgreifend das Buch ist. Und auch, dass die Überlegungen ganz ohne Kitsch auskommen und ohne belehrenden Zeigefinger á la Eric Emmanuel Schmitt oder Paulo Coelho, die ich überhaupt nicht ausstehen kann. Amadeu de Prado kämpft sein Leben lang gegen den Kitsch und hadert an der Bedeutungslosigkeit des täglichen Sprachgebrauchs, weswegen die wunderbar klare, aber melodische Sprache des Romans gleich noch einmal schöner ist.

Das Buch ist nicht nur in dieser Hinsicht absolut rund, immer wieder wird auf früher Geschriebenes zurückgegriffen, ohne dass es langweilig wird oder sich etwas wiederholt, alles fügt sich einfach zusammen. Zum Schluss könnte ich eine Menge sagen, will aber nichts vorwegnehmen, deswegen nur eins: Ich fand, er musste genau so sein, wie er ist und fand auch den Abschluss des Romans einfach passend.

Auch wenn das Jahr gerade erst angefangen hat wird „Nachtzug nach Lissabon“ mit Sicherheit eins meiner liebsten Bücher 2008.
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Bettina

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #33 am: 13. März 2008, 17:57:17 »

Pffff, ich war interessiert, weil ich viel Gutes gehört habe und habe das Buch infolgedessen von einer Freundin bekommen.

Nach vier Kapiteln langweile ich mich ganz schön. Der Portugiese schreibt zwar sehr ausdrucksstakr und philosophisch, aber dass Gregorius Knall auf Fall alles liegen lässt und wegen einer Unbekannten, die vielleicht von einer Brücke springen wollte, sich dermaßen durcheinanderbringen lässt? Da komme ich nicht mit. Ich lese mal weiter, vielleicht wird's ja noch besser.

Jedenfalls stellt sich keine Begeisterung ein. Wenigstens ist das Buch nicht allzu dick!
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kathchen

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #34 am: 13. März 2008, 18:16:57 »

Pffff, ich war interessiert, weil ich viel Gutes gehört habe und habe das Buch infolgedessen von einer Freundin bekommen.

Nach vier Kapiteln langweile ich mich ganz schön. Der Portugiese schreibt zwar sehr ausdrucksstakr und philosophisch, aber dass Gregorius Knall auf Fall alles liegen lässt und wegen einer Unbekannten, die vielleicht von einer Brücke springen wollte, sich dermaßen durcheinanderbringen lässt? Da komme ich nicht mit. Ich lese mal weiter, vielleicht wird's ja noch besser.

Jedenfalls stellt sich keine Begeisterung ein. Wenigstens ist das Buch nicht allzu dick!

Genauso erging es mir auch. Ich hab es erstmal wieder in die Bücherei zurück gebracht - vielleicht lese ich es ein anderes Mal zu Ende...
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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #35 am: 14. März 2008, 13:06:49 »

Über diesen Knall-auf-Fall-Aufbruch nach der Begegnung mit der rätselhaften Portugiesin musste ich auch hinwegsehen, damit das Buch mir dann doch sehr gut gefallen konnte. Den Anfang fand ich viel zu konstruiert.
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Bettina

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #36 am: 14. März 2008, 13:16:54 »

Das heißt, ich darf hoffen? :zwinker:

Ich werde heute wieder ein Stück weit lesen und hoffe selber auch, dass es weg von der Konstruktion hin zu einer Geschichte geht. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass dieses Buch massenhaft gute Rezis bekommt, wenn es weiterhin still dahin schlurft. Aber der Start ist einfach zäh.
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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #37 am: 14. März 2008, 15:52:02 »

Man muss schon ruhige Geschichten mögen, die eher philosophisch-langsam daherkommen. Ich mochte die langen Betrachtungen über Gott und die Welt, die mich dann wieder mit dem seltsamen Anfang versöhnt haben.
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tina

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #38 am: 15. März 2008, 02:37:19 »

Hallo,

ich habe dieses Buch letztes Jahr gelesen und wie so oft, war es, ohne beabsichtigt zu sein, das richtige Buch zur richtigen Zeit.
Ich sah die Reise von Gregorius, als einen sehr mutigen und sehr großen Wandel in seinem Leben. Er wagt einen Schritt, ohne zu wissen, was danach kommt. Er geht, weil er insgeheim weiß, dass er gehen muss, weil er sonst am Ende seine Lebens da steht und sich ewig plagt mit den Worten: "Wenn" "Hätte" und "Wäre". Manchmal muss man im Leben einen Schritt gehen, und zwar ohne Netz und doppelten Boden und das erfordert sehr viel Mut. Manchmal ist diese Reise ins Ungewisse, eine Reise zum innersten Ich. Manchmal kann man sein Handeln nicht rational erklären, aber man weiß einfach, dass es richtig ist, mit der Folge alle Konsequenzen zu tragen, wie auch immer diese Reise ausgehen mag.
Selten habe ich ein Buch gelesen, welches mich oft dazu brachte es kurz beiseite zu legen und über mich selbst nachzudenken.

Für mich ist es eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.
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Alfa_Romea

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #39 am: 16. April 2008, 14:24:36 »

Hi!

Es war interessant, die Diskussion um das Buch nachzulesen (aber erst, nachdem ich meine eigene Rezi verfasst hatte). Ich reihe mich bei denen ein, die das Buch mochten, auch wenn es für eine Wieholek wohl nicht reichen wird.

Inhalt:
Raimund Gregorius ist ein in die Jahre gekommener Altphilologe, der an einem Berner Gymnasium unterrichtet. Sein Tagesablauf ist seit Ewigkeiten derselbe, er ist die Berechenbarkeit in Person. Bis er eines Morgens durch die Begegnung mit einer jungen Portugiesin aus dem Takt gerät. Er verlässt den Unterricht mitten in der Stunde, läuft durch Bern und landet schliesslich in einer Buchhandlung, wo ihm ein antiquarisches Buch ins Auge fällt – geschrieben von einem portugiesischen Arzt namens Amadeu Inácio de Almeida Prado, über den ihm in Bern niemand Auskunft geben kann. Also macht sich Gregorius auf nach Lissabon, um dort mehr über das Leben Prados herauszufinden. Es wird auch eine Reise zu sich selbst.

Meine Meinung:
«Nachtzug nach Lissabon» ist ein sehr philosophisches Buch, in dem immer wieder uralte Fragen gestellt werden: Was soll man aus seinem Leben machen? Wie merkt man, ob man das Richtige tut? Und, last but not least: Wer bin ich? Und wer sind die anderen? Und wie funktionieren wir zusammen – oder halt auch nicht. Das ist zwar spannend, aber manchmal auch anstrengend und ermüdend.
Pascal Merciers Roman enthält neben tiefsinnigen Passagen, die mir noch lange im Gedächtnis haften bleiben werden, auch solche, die ich als Geschwafel oder Binsenweisheiten, eingekleidet in schöne Worte, empfunden habe. Das mag zu einem guten Teil daran liegen, dass ich gewisse Dinge halt einfach ganz anders anpacken würde. Wenn sich beispielsweise Vater und Sohn Prado gegenseitig Briefe schreiben, wie sie den jeweils anderen sehen, was sie an ihm fürchten und was sie lieben und sich dann zeitlebens beide nicht trauen, die Briefe abzuschicken, haben sie aus meiner Sicht kein Mitleid, sondern viel eher einen Tritt in den Allerwertesten verdient.
Was mir auch ein wenig des Guten zu viel war, sind die unglaublich vielen charismatischen Menschen, die es in Portugal zu geben scheint. Fast jeder, der mit Prado zu tun hatte oder mit ihm verwandt ist, leuchtet förmlich vor lauter Ausstrahlung. Die weniger Leuchtenden sind schon tot. Offenbar hat Charisma auch einen Einfluss auf die Langlebigkeit: Was Gregorius in Portugal an über 80-Jährigen aufstöbert, ist gegen jede Wahrscheinlichkeit.
Solche Dinge muss man halt einfach akzeptieren und es wurde mir schon Schlimmeres zugemutet. Drum kommen wir jetzt zum Lob. Der Unterhaltungswert der Geschichte ist sehr hoch, weil man einerseits die Verwandlung des langweiligen, steifen Gregorius in einen etwas gelösteren Menschen beobachten kann. Andrerseits ist da auch die interessante Lebensgeschichte Prados, die teilweise von ihm selber erzählt wird (im Buch, das er geschrieben hat), zum Teil aber auch von Personen aus seiner Nähe enthüllt wird. Jeder steuert ein anderes Teilchen zum Mosaik bei und jeder hat eine andere Sicht der Dinge. So bleibt die Geschichte abwechslungsreich und spannend. Es ist eines der Bücher, die schwierig aus der Hand zu legen sind – obwohl es keine Action gibt und das Erzähltempo eher gemächlich ist.

Fazit:
Eine schöne Geschichte, die ich vor allem Leuten empfehle, die sich ab und zu fragen, ob sie in ihrem Leben auf dem richtigen Weg sind. Antworten gibt es zwar keine, aber dafür fühlt man sich mit seinen Fragen nachher vielleicht ein bisschen weniger allein. Und den einen oder anderen packt vielleicht sogar die Lust, auch einfach mal aus seinem Leben davonzulaufen und nachzusehen, was denn «da draussen» sonst noch ist.

7 von 10 Punkten

Gruss

Alfa Romea
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Bettina

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #40 am: 07. Juli 2008, 16:35:50 »

Auch auf die Gefahr hin, dass ich in diesem Thread gebannt werde, hier meine Leseeindrücke:

Dieses Buch habe ich nach nur 44 Seiten vor die Tür gesetzt. Auf den 44 Seiten passierten eine Reihe von Dingen, die ich einfach nicht unter meinen Hut bringen konnte. Und je länger ich das Buch ruhen ließ, um vielleicht doch nochmals anzufangen, umso mehr störten sie mich. Dazu kam der Eindruck von gähnender Langeweile. Ich wollte einfach nicht mehr und versuche hier, meine Irritationen zu erläutern.

Raimund Gregorius ist ein waschechter Gelehrter: Minutiöser Tagesablauf, keine Abweichungen. Nichts, was mich stören würde. Dann begegnet er auf dem Weg zur Schule einer Frau auf einer Brücke, die er für eine Selbstmörderin hält. Er will sie vor dem vermeintlichen Tod bewahren. Statt irgendetwas zu sagen, schreibt sie ihm nach vollbrachter Tat eine Telefonnummer auf die Stirn, weil sie die Nummer nicht vergessen dürfe. Ach, man hätte sie sich ja auch selbst auf die Hand schreiben können! Das fällt ihr ein bisschen spät ein - zumal sich der fremde Mann ja einfach hätte umdrehen können und dann wäre die schöne Nummer ebenfalls weg gewesen. Die Szene war merkwürdig und ich fand die Frau nicht schlüssig. War es ein Sprungversuch? Falls ja, hätte ihr die Nummer nicht viel bedeutet und sie hätte erst einmal mit dem Misslingen gehadert. War es keiner, hätte sie sich deutlich ausdrücken können. Die Aktion mit der Telefonnummer wirkte auf mich wie eine theatralische Kunst-Performance.

Gregorius ist so platt, dass er die Frau in die Schule mitnimmt - und sogar ins Klassenzimmer. Und schwupps fällt der Entschluss, dass man das ganze Leben plötzlich umkrempeln könnte, weil die Frau so schön das Wort português gesagt hat, als er sie nach ihrer Muttersprache gefragt hat. Er kauft sich ein portugiesisches Buch, obwohl er die Sprache gar nicht kann - und fängt an, mit Hilfe von Wörterbuch und Grammatiktafeln zu übersetzen. An dieser Stelle war schon ziemlich Schluss und die fehlerfreien, in Sinn und Ausdruck korrekten Übersetzungen eines philosophischen Textes, ausgeführt von einem totalen Sprachneuling, fand ich mehr als merkwürdig. Gregorius schreibt eine Art Abschiedbrief und setzt sich in den Zug. Ich dachte nur noch "Hä?".

Das ist vielleicht in anderen Augen nicht viel, aber ich hatte kein Interesse, das Buch weiterzulesen. Ich nehme durchaus Konstruktionen in Kauf, damit "ein Buch was wird", aber hier hatte ich das Gefühl, ausschließlich über Konstruktionen für Philosophie zu stolpern.

:flop:
« Letzte Änderung: 07. Juli 2008, 18:50:10 von Bettina »
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Alfa_Romea

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #41 am: 08. Juli 2008, 13:23:19 »

Ich nehme durchaus Konstruktionen in Kauf, damit "ein Buch was wird", aber hier hatte ich das Gefühl, ausschließlich über Konstruktionen für Philosophie zu stolpern.

Das ist richtig beobachtet - so geht es munter weiter. Und wenn man dafür grad keinen Kopf (oder keine Lust) hat, kommt schnell mal ein Verriss raus. Insofern: Schön zerfetzt, Bettina!  :smile:
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Bettina

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #42 am: 08. Juli 2008, 13:49:27 »

Ich nehme durchaus Konstruktionen in Kauf, damit "ein Buch was wird", aber hier hatte ich das Gefühl, ausschließlich über Konstruktionen für Philosophie zu stolpern.

Das ist richtig beobachtet - so geht es munter weiter. ...

Echt? :schwitz:

Viel zu zerfetzen gab es nach 44 Seiten nicht. Nicht einmal eine Handvoll von Dingen, aber die haben mir gereicht. Ich wurde ja durchaus ermuntert, Geduld zu haben. Damit hatte ich richtiggehend "zeilenweise" ein Problem. Aber vielleicht ist bei mir das absolute Gegenteil eingetreten von tinas Beobachtung:
 
... und wie so oft, war es, ohne beabsichtigt zu sein, das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Mit Philosophie und Lebenszweck kriegt man mich gar nicht, wenn's nicht einigermaßen verpackt ist. Darunter hat auch schon die Lektüre von Sergio Bambarén gelitten, während ich selbst in meinem jüngst gelesenen Krimi eine interessante Fragestellung über Sinn und Zweck von Technologie und den sozusagen moralisch sauberen Umgang damit entdeckt habe.

........................................
P.S. Nochwas...
Ich habe auch Gregorius den Aufbruch nicht abgenommen - kommt noch dazu. Er ist m.M. nach nicht der Typ, der von heute auf morgen alles fallen lassen kann. Einen wie Gregorius bekommt man nur über die ganz persönliche Schiene, damit er etwas überdenkt - so jedenfalls wird Gregorius in meinen Augen dargestellt. Viel zu sehr festgefahren. Nicht, dass er grundsätzlich nie was ändern würde. Aber mein Gefühl sagt mir, dass solche Spontanaktionen einen anderen Menschenschlag brauchen.
« Letzte Änderung: 08. Juli 2008, 14:18:07 von Bettina »
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schokotimmi

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #43 am: 08. Juli 2008, 17:14:54 »

Hallo Bettina,

ich kann deine Reaktion nachvollziehen, aber nicht verstehen. Aber darum geht es ja auch nicht, jeder muss dass immer für sich entscheiden. Für mich ist es ein wunderbares Buch. Rhythmus, Erzählstil und Inhalt harmonieren und ich habe es genossen, in die Geschichte(n) einzutauchen.

Vielleicht bin ich zu naiv oder verträumt, aber ich habe Raimond bewundert - was hat er denn schon zu verlieren, wenn er diesen Schritt geht, außer sein eintöniges, etwas einsames Leben. Ich glaube auch nicht, dass es eine Entscheidung von jetzt auf gleich ist, die Begegnung mit der Portugiesin war nur der Anlass, im Laufe des Buches klingt die eine oder andere Erklärung mit. Der Mut seinem Leben eine Wendung zu geben, tut ihm gut. Und das Ende des Buches zeigt, das immer alles offen ist...

Und doch kann ich nachvollziehen, dass es für dich nicht leicht war, dich darauf einzulassen. Scheinbar, so lese ich deine Worte zumindest, bist du gerade in einer realistischen (ein anderes Wort liegt mir auf der Zunge) Phase und hast nicht den Nerv für philosophisches "Geschwafel". Du wirkst entschieden, weißt genau was du willst und hast gerade keinen Zweifel an deinem Handeln.  Das bewundere ich, denn genau diese Entschiedenheit fehlt mir manchmal und vllt. reagiere ich genau aus diesem Grund anders auf das Buch. Ich glaube wirklich für dich war es eben NICHT

das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Ich finde es immer wieder erbauend, auch mal etwas negatives über ein Lieblingsbuch von mir zu hören, das bringt mich zum Nachdenken und zeigt andere Sichtweisen auf. Danke, dann so ist es noch spannender!

Sonnige Grüße
schokotimmi
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Bettina

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Re: Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
« Antwort #44 am: 08. Juli 2008, 19:27:41 »

Scheinbar, so lese ich deine Worte zumindest, bist du gerade in einer realistischen (ein anderes Wort liegt mir auf der Zunge) Phase und hast nicht den Nerv für philosophisches "Geschwafel". Du wirkst entschieden, weißt genau was du willst und hast gerade keinen Zweifel an deinem Handeln. Das bewundere ich, denn genau diese Entschiedenheit fehlt mir manchmal und vllt. reagiere ich genau aus diesem Grund anders auf das Buch. Ich glaube wirklich für dich war es eben NICHT

das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Das mag ein Grund für meine Probleme mit dem Buch sein. Bei mir funktioniert es aktuell ganz salopp heruntergebrochen so: Es passt und was nicht passt, wird passend gemacht und wenn das nicht geht, brauche ich mich nicht über dieses "Es" aufregen. Wobei es durchaus Entscheidungen gibt, die Wochen dauern können. Man kann ja auch nicht jeden Tag gleich entscheidungsfreudig sein. Deine Beobachtung stimmt jedenfalls: "philosophisches Geschwafel" kann ich nicht ab. Ich mag es direkter - wenn schon Lebensratgeber, dann lieber in der Form 1. tue dieses, 2. tue das, 3. unterlasse jenes.

Ich finde es immer wieder erbauend, auch mal etwas negatives über ein Lieblingsbuch von mir zu hören, das bringt mich zum Nachdenken und zeigt andere Sichtweisen auf. Danke, dann so ist es noch spannender!

Geht mir auch so. Wobei ich für meine Rezis jedesmal hoffe, dass ich Gefallen oder Nichtgefallen so rüberbringen kann, dass man die Entscheidung nachvollziehen kann. Sonst bringt einem die ganze Aufdröselung nichts und man "sieht" nichts (wie Du es so schön gesagt hast).
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